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Ausgabe 76-4/1998

EIN ZWILLING KOMMT SELTEN ALLEIN

THE PARENT TRAP

Produktion: Walt Disney Pictures; USA 1998 – Regie: Nancy Meyers – Buch: David Swift, Nancy Meyers, Charles Shyer, nach dem Kinderbuch "Das doppelte Lottchen" von Erich Kästner – Kamera: Dean A. Cundey – Schnitt: Stephen A. Rotter – Musik: Alan Silvestri – Darsteller: Lindsay Lohan (Hallie Parker / Annie James), Dennis Quaid (Nick Parker), Natasha Richardson (Elizabeth James), Elaine Hendrix (Meredith Blake), Lisa Ann Walter (Chessy), Simon Kunz (Martin) u. a. – Länge: 127 Min. – Farbe – FSK: o. A. – FBW: wertvoll – Verleih: Buena Vista (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Dass der berühmte deutsche Kinderbuchautor Erich Kästner am 23. Februar 1999 (geboren 1899 in Dresden, gestorben 1974 in München) 100 Jahre alt geworden wäre, wirft bereits seine Schatten voraus. Während die Neuverfilmung von "Pünktchen und Anton" durch Caroline Link voraussichtlich erst im kommenden März in die Kinos kommt, schickt Buena Vista jetzt eine Neufassung des Kästner-Klassikers "Das doppelte Lottchen" ins Leinwandrennen. Für das Remake der ebenfalls von Disney produzierten Erstverfilmung "The Parent Trap" aus dem Jahr 1960 (Regie: David Swift), die in den deutschen Filmtheatern unter dem Titel "Die Vermählung ihrer Eltern geben bekannt" lief, wurde der inzwischen etwas angestaubte Stoff in ähnlicher Form modernisiert wie in Joseph Vilsmaiers Version "Charlie & Louise" aus dem Jahr 1993.

Nach der Scheidung ihrer Eltern wurden die Zwillingsschwestern Hallie und Annie getrennt und wuchsen ohne voneinander zu wissen auf: Die burschikose Hallie lebt seitdem bei ihrem Vater, einem reichen Weinbergbesitzer im kalifornischen Napa Valley, während die gut erzogene Annie in London ihrer adretten Mutter, einer erfolgreichen Designerin für Hochzeitskleider, zur Seite steht. In einem Mädchen-Feriencamp im US-Bundesstaat Maine begegnen sich die Zwillinge zufällig, erkennen aber erst, nachdem sie einige Streitigkeiten überwunden haben, dass sie gemeinsame Eltern haben. Da beide den jeweils unbekannten und heftig vermissten Elternteil endlich kennen lernen wollen, beschließen sie, ihre Rollen zu tauschen. Der getarnte Besuch im fremden Elternhaus ist allerdings dank der höchst unterschiedlichen Erziehung mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Und der heimliche Plan, die Eltern wieder zusammenzubringen, droht zu scheitern: Beim Besuch in Napa Valley stellt Annie/Hallie nämlich fest, dass eine ebenso attraktive wie geldgierige Blondine fest entschlossen ist, sich den geliebten Vater als Ehemann zu angeln.

Schon Vilsmaier hatte Corinna Harfouch eine Karrierefrau in einer Werbeagentur spielen lassen, während die Mutter der Zwillinge in der Erstverfilmung durch Joseph von Baky 1950 noch eine verhuschte Verlagsangestellte war. Die Komödienspezialisten Nancy Meyers und Charles Shyer, die zusammen Kinohits wie "Baby Boom" und die beiden "Vater der Braut"-Filme gedreht haben, werteten die Frauenfiguren nun weiter auf: Die Mutter residiert als Modedesignerin mit Butler in einem noblen Londoner Villenviertel und die zickige Braut des Vaters verdient ihren Lebensunterhalt als clevere PR-Agentin.

Verkörperte bereits in der älteren US-Fassung die 15-jährige Hayley Mills beide Zwillinge zugleich, so hat das Erfolgsduo Meyers/Shyer für seine romantische Disney-Komödie nach einem aufwändigen Casting mit mehreren tausend Mädchen in der jungen New Yorkerin Lindsay Lohan eine würdige Nachfolgerin gefunden. Dass die beiden Mädchenrollen hier bewusst stärker auseinandergerückt wurden als 1960, scheint dem souverän spielenden Nachwuchstalent, Tochter eines Schauspielerehepaares, keinerlei Probleme zu bereiten. Allerdings hat Lindsay Lohan seit ihrem dritten Lebensjahr in mehr als 60 TV-Werbespots schon reichlich Kameraerfahrung sammeln können. Außerdem konnte der erfahrene Kameramann Dean A. Cundey, der unter anderem technisch aufwändige Blockbuster wie "Who Framed Roger Rabbit" und "Jurassic Park" fotografierte, hochmoderne Tricktechnik einsetzen: An die Stelle der antiquierten Split Screen-Technik traten computerunterstützte Motion Control-Kameras, die in den nacheinander aufgenommenen Szenen mit Annie/Hallie Bewegungen mit der Genauigkeit eines Tausendstel Inch reproduzierte, sowie digitale Bearbeitungsverfahren.

Obwohl Natasha Richardson und Dennis Quaid als Eltern erst nach einer langen Exposition überhaupt ins Bild kommen, lösen sie von da an die Zwillinge als Hauptfiguren weitgehend ab, was ja auch schon der amerikanische Originaltitel "The Parent Trap" (Die Elternfalle) signalisiert. Insofern fungieren die Streiche der Mädels – im Disney-Konzept der Familienkomödie durchaus folgerichtig – vor allem als Katalysatoren für die Versöhnung der Eltern und damit das ersehnte Happy End: die wiedervereinigte Familie.

War schon die ältere Disney-Fassung mit 128 Minuten zu lang, so weist auch die fast gleichlange neue "Elternfalle" trotz etlicher hübscher Slapstick-Einfälle wieder einige Längen auf. Störender sind aber etliche Ungereimtheiten im Drehbuch, das David Swift, der auch das Skript zu seiner Version von 1960 geschrieben hat, zusammen mit Meyers und Shyer verfasste. Wieso sollte ein gut erzogenes Mädchen aus der Londoner Oberklasse ausgerechnet in einem Campinglager in der tiefsten US-Provinz seine Ferien verbringen? Woher kann eine kalifornische Landgöre so gut fechten? Und wie passt es mit dem aufgeklärten Selbstverständnis der beiden nahezu perfekten Elternteile – beides erfolgreiche, moderne Geschäftsleute – zusammen, dass sie in rücksichtslosem Egoismus die Zwillinge aufteilen und getrennt aufziehen? Und warum müssen sich derart sympathische Eltern ein Jahrzehnt aus dem Wege gehen, wo doch in den heutigen Zeiten hoher Scheidungsraten geregelte Besuchszeiten zum zivilisatorischen Standard gehören?

Aber was nützen solche Fragen schon bei einem modernen Märchen? "Dies ist Hollywood in Hochform", sagt die Schauspielerin Natasha Richardson denn auch ganz richtig, "es ist nicht die wirkliche Welt. Es ist ein Film über Menschen mit Traumberufen, die in Traumorten leben." Dementsprechend wollen Nancy Meyers, die hier erstmals Regie führte, und Charles Shyer, der im Gegenzug die gewohnte Rolle seiner Partnerin übernahm und produzierte, vor allem eines: auf gediegenem Niveau unterhalten. Und dieses Ziel haben sie hier – den aufgehäuften Klischees zum Trotz – allemal erreicht.

Reinhard Kleber

 

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