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Ausgabe 76-4/1998

DAS PUSTEBLUMENSPIEL

BLAZEN TOT HONDERD

Produktion: Molenwiek Film / Corsan; Niederlande 1998 – Regie und Buch: Peter van Wijk, nach dem Roman von Geert van Beek – Kamera: Michel van Laer, Jules van den Steenhoven, Willy Stassen – Schnitt: Jan Dop, Hens van Rooy – Musik: Raymond van het Groenewoud – Darsteller: Olivier Tuinier (Maurits), Marie Vinck (Moniek), Herbert Flack (Vater), Dora van der Groen (Lehrerin) u. a. – Länge: 80 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Brussels Ave, Rue des Visitandines 1/48, B-1000 Brüssel, Tel. 0032-2-511 9156, Fax 0032-2-511 8139 – Altersempfehlung: ab 12 J.

Der etwa zwölfjährige Maurits (Olivier Tuinier, bekannt aus den Filmen "Das Taschenmesser" und "Der Taschendieb") steht vor dem Sarg, in dem seine Mutter aufgebahrt ist. Er starrt sie an und stößt dann instinktiv seinen Kopf in das Glas über ihr, so dass sich Scherben wie Eisstücke über dem toten Gesicht ausbreiten.

So brutal, ambitioniert und assoziativ, so real und auch phantastisch wird uns die gesamte Geschichte von Maurits, der nach dem Tod seiner Mutter mit dem Leben zurechtkommen muss, erzählt. Dabei versucht Regisseur van Wijk in seinem Spielfilmdebüt die kindliche Sichtweise, in der Träumereien und Einbildungen gleichberechtigt neben der Realität stehen, filmisch und inszenatorisch umzusetzen. Als Maurits auf seinen Streifzügen ein Mädchen trifft, bleibt dessen Erscheinungsbild rätselhaft und unwirklich. Unversehens taucht es frohgemut in Maurits' Nähe auf und bleibt bei ihm, bis der Tod oder die Ahnung davon die Momente der Unbeschwertheit zerstört. Schon beim ersten Zusammentreffen deutet sich dieser stete Wechsel von Idylle und Schrecken an, als Maurits dem Mädchen Moniek beim titelgebenden Pusteblumenspiel sagt, dass sie nicht lange leben wird, weil sie nicht alle Sporen weggeblasen hat. In der Folge steigern sich seine verzweifelten, aggressiven und zwanghaften Ausbrüche. Die Erzählung der Jean d'Arc-Geschichte bringt ihn dazu, Moniek an einen Heuballen zu fesseln und einen Feuerring zu entzünden; erst im letzten Augenblick befreit er sie. Im Fluss, der für Maurits Erinnerung an die Mutter ist, treibt der Kadaver eines schwarzen Hundes vorbei, während die Kinder am Ufer stehen. Maurits nimmt einen Stock und schlägt besinnungslos auf das tote Tier ein.

Immer wieder variiert Peter van Wijk das Thema und Trauma des Todes im Wasser. Maurits bekommt von seinem Vater "Moby Dick" geschenkt, in dem "das Biest aus der Tiefe steigt". Nach längerer Abwesenheit Monieks versucht er sich im Aquarium zu ertränken. Als er über den zugefrorenen Fluss immer weiter davonfährt, erschlägt er eine Möwe. Damit ist aber nach einem Jahr der inneren Kämpfe seine Krise an ein Ende gekommen. Er beugt sich über ein Eisloch, um in dem schwarzen Wasser nach Moniek und seiner Mutter zu suchen. Dieses Mal aber entdeckt er nicht den Tod, sondern nur das Wasser. Seine Mutter und Moniek leben woanders weiter. Sie sind, wie Moniek ihm einmal erzählte, nach dem Tod in eine andere Energie übergegangen. Endlich ist diese Vorstellung für den Jungen ein Trost und er kann sich im Schlussbild zu seinen Altersgenossen gesellen, um mit ihnen gemeinsam ins Dorf zu radeln.

Faszinierend wirken die intellektuellen Assoziationen des Regisseurs leider erst, wenn man sie dechiffriert hat. Der Film funktioniert deswegen mehr im Kopf oder auf dem Papier als auf der Leinwand. Sowohl die Vermischung von nichtwirklicher und wirklicher Welt als auch die Konzeption der Moniek als Ansprechpartnerin – ähnlich dem Hund Leika in dem vergleichbaren Film "Mein Leben als Hund" – zerfallen in dem Augenblick, da Maurits' Gedankenwelt – trotz bemühter Darstellung von Olivier Tuinier – nicht altersgemäß wirkt. Da auch noch der Vater als Künstler und Moniek, mit gelbem Kleidchen auf grünen Wiesen tanzend, klischeehaft gezeichnet sind, bleibt es fraglich, ob sich Jugendliche mit Maurits und seinen Problemen, mit dem Tod und dem Ende der Kindheit werden identifizieren können.

Matthias Helwig

 

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