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Ausgabe 76-4/1998

"Ich finde es ganz erstaunlich, dass diese großen Themen im deutschen Film kaum aufgearbeitet werden"

Gespräch mit Andreas Dresen zu "Raus aus der Haut"

(Interview zum Film RAUS AUS DER HAUT)

Andreas Dresen, geboren 1963, studierte von 1986 bis 1991 Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" in Potsdam-Babelsberg, realisierte danach als Autor und Regisseur mehrere Kurz- und Dokumentarfilme und legte 1992 mit "Stilles Land" seinen ersten langen Spielfilm vor. Seit 1993 arbeitet Dresen vorwiegend fürs Fernsehen. Beim diesjährigen Internationalen Kinder- und Jugendfilmfestival in Frankfurt am Main lief Dresens Film "Raus aus der Haut" (1997) im Wettbewerb; die Produktion des ORB wurde bereits in der ARD-Reihe "Wilde Herzen" gesendet. In Frankfurt 1998 verlieh die Jugendjury dem Film einen "Lucas". Der Filmtitel "Raus aus der Haut" bezieht sich auf einen hintersinnigen Liedtext der legendären Rockgruppe Renft, die zur Zeit der Filmhandlung (1977) in der DDR verboten, bei jungen Leuten aber sehr populär war. Der zeitliche Rahmen spielt auch für die Filmgeschichte eine Rolle: Vor dem Hintergrund der Schleyer-Entführung durch Mitglieder der RAF in der BRD entführen zwei Schüler in einer Oberschule in der DDR ihren Direktor, um dessen disziplinarischen Maßnahmen, die sie wegen einiger politischer Unbotmäßigkeiten befürchten, zu entgehen. Atmosphärisch stimmig und präzise in der Milieuzeichnung gibt "Raus aus der Haut" Einblick in eine Lebenswirklichkeit, die zwar so nicht mehr existiert, doch immer noch zur Auseinandersetzung zwingt.

Das folgende Gespräch führte KJK-Mitarbeiter Lutz Gräfe in Frankfurt am Main im September 1998.

KJK: Warum machen Sie Filme?
Andreas Dresen: "Ich habe als Amateurfilmer angefangen und schnell gemerkt, dass man mit Film beim Publikum eine Kommunikation über die eigenen Probleme und die gesellschaftliche Wirklichkeit im weitesten Sinne in Gang setzen kann. Ich würde Filme nicht nur für mich selber machen wollen, sondern schon für jemanden, der sich das ansieht. Sonst funktioniert der kommunikative Prozess für mich nicht."

Was hat Sie bewogen, jetzt die Geschichte zu erzählen?
"Diese Geschichte wurde vom ORB an mich herangetragen. Eigentlich hatte ich keine Lust mehr Filme zu machen, die in der DDR spielen. Denn sofern heute über die DDR-Vergangenheit nachgedacht wird, werden immer Prozesse in Schemen gepresst. Es gibt die Guten auf der einen Seite, die waren schon immer Widerstandskämpfer; und auf der anderen Seite die Bösen aus der Stasi oder der SED. Und so einfach, so schlicht läuft die Wirklichkeit zumindest nach meiner Erfahrung nicht ab. Da erschien mir diese Geschichte als Chance; indem man eine monolithische Figur wie den Direktor Rottmann einführt, der als sehr erstarrter Funktionär daherkommt und erst mal allen Klischees entspricht, die man über DDR-Funktionäre hat. Und nach und schickt man den Zuschauer auf die Reise, die auch unsere Helden durchmachen; nämlich hinter die Fassade dieses Mannes zu gucken."

Sie selber waren 1977 erst 14 Jahre alt. Mussten Sie für den Film viel recherchieren?
"Ich sichtete die ganzen Materialien vom September/Oktober 1977; sowohl Ost wie West und auch das, was noch an Fernsehsendungen zur Verfügung stand. Dabei hat mich überrascht, dass es diese 'Aktuellen Kameras' (Tagesschau des DDR-Fernsehens; Anm. LG) zum großen Teil gar nicht mehr gibt. Es gibt nur noch zwei Sendungen aus dem September 1977, und zufälligerweise war in einer auch 'ne Meldung über Schleyer drin, die wir dann im Film verwendeten. Was ich nicht recherchieren musste, war das Zeitgefühl. Daran konnte ich mich noch sehr gut erinnern. Für mich war 1977 ein besonderes Jahr. Meine Eltern arbeiteten damals am Theater und 1976 ging Biermann in den Westen (er wurde wegen eines Konzertes in Köln ausgewiesen; Anm. LG). Und viele DDR-Künstler unterschrieben eine Petition, in der von der DDR-Regierung seine Rückkehr gefordert wurde. Auch mein Vater; mit der Konsequenz, dass er 1977 die DDR verlassen hat. Ich empfand das als Verrat von ihm. Ich konnte ihn nicht mehr sehen oder nur noch sehr selten. Das war das erste Mal, dass ich merkte, wie Politik in mein Privatleben einrastete, wie das unmittelbar verflochten ist."

Wie haben sich denn Ihre jugendlichen Hauptdarsteller darauf vorbereitet?
"Das habe ich überwiegend mit ihnen zusammen gemacht. Ich wollte natürlich, dass sie ein Zeitgefühl bekommen. Ich suchte bewusst Hauptdarsteller, die aus dem Osten kommen. Auch wenn sie diese Zeit dort nicht mehr erlebt haben, kannten sie zumindest die Situation Fahnenappell, kannten natürlich aus ihren Familien Erzählungen über diese Zeit. Ich gab ihnen Materialien, spielte ihnen Kassetten mit Musik vor, zeigte ihnen Nachrichten; alles, um für sie ein Bild von der Zeit entstehen zu lassen. Das war ganz interessant, und sie haben sich da auch mit sehr viel Spaß reingekniet."

Wie haben Sie die Kids gefunden?
"Das war ein ziemlich umfangreiches Casting. Denn mir war klar, dass die beiden Hauptdarsteller den Film die ganzen 90 Minuten tragen müssen, was besonders für das Mädchen gilt. Denn die muss auch noch den Plot transportieren und Motor der Geschichte sein. Da habe ich mich sehr schwer getan. Wir machten sehr lange Probeaufnahmen und haben ganz unterschiedlich gecastet: Totale Laien, Schauspielschüler und Laien mit Filmerfahrung. Ich merkte sehr schnell, dass ich niemand besetzen kann, der älter ist als 20. Gerade bei den älteren Mädchen stellte ich fest, dass sie jenseits der 20 das Kindliche verlieren. Und sowie die Figur ein Stück zu wenig naiv ist, nimmt man ihr die Sache sehr übel. Es bedurfte einer gewissen Kindlichkeit und Naivität. Mit Susanne Bormann und Fabian Busch habe ich zwei Leute mit Filmerfahrung gefunden, wenn sie auch vom Ausbildungsstand her Laien sind. Allerdings hat Susanne schon mit 14 den Grimme-Preis für Uwe Friesners 'Abgefahren' bekommen. Und Fabian hat vorher u. a. bei M.X. Obergs 'Unter der Milchstraße' mitgespielt. Der Darsteller des Randy, Matthias Walter, kommt von der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin. Die heißt immer noch so, was mich überrascht hat, dass sie nicht etwa Gustav Gründgens heißt."

Haben Sie ein Traumprojekt?
"Da arbeite ich gerade dran. Ich hätte sehr große Lust auf eine differenzierte Aufarbeitung der Geschichte der 68er, die in der Stadtguerilla geendet hat. Ich habe mich bereits mit ein paar Leuten unterhalten. Ich finde es ganz erstaunlich, dass diese großen Themen im deutschen Film kaum aufgearbeitet werden. Es gibt ganz wenige Beispiele, wovon die meisten aus der Zeit direkt stammen. Ich hätte große Lust, mich da mit der menschlichen Sicht auf die Dinge zu beschäftigen. Also zu zeigen, dass Terroristen nicht einfach Terroristen sind, sondern handelnde Subjekte, die einen Haufen Fehler machen, die auch Angst haben. Die mal eine Absicht hatten, die durchaus noch relevant ist. Man braucht sich ja nur die ganzen großen Bankgebäude am anderen Mainufer anzuschauen. Da wundert es mich dann doch, dass sich so viele Leute, denen es in diesem Land schlecht geht, eigentlich nicht wehren. Man muss dafür ja nicht Bomben schmeißen oder Leute erschießen. Gerade wenn man sich diesen Teil der Geschichte ansieht, aber auch, wie mit der DDR-Vergangenheit umgegangen wird, habe ich oft den Eindruck: Nur weil die Umsetzung nicht funktioniert hat, meint man, gleich die ganze Utopie über Bord werfen zu können. Das halte ich für einen riesengroßen Fehler, weil das bedeutet, dass man die Suche nach gesellschaftlichen Alternativen aufgibt. Wenn man dieses Stück Geschichte differenziert betrachtet, könnte dabei vielleicht rauskommen, dass Handeln möglich ist. Das halte ich auch deshalb für wichtig, weil man momentan allerorten eine gewisse Erstarrung spürt. Die Leute meinen, es hat alles keinen Sinn und flüchten sich in so einen privaten Pragmatismus. Das merke ich ja bei mir selber auch. Das halte ich für fatal. Denn wenn man die Dinge nicht in die Hand nimmt, werden die anderen sie in die Hand nehmen und weiter ihre großen Hochhäuser bauen und dafür sorgen, dass es auf der Welt immer ungleichgewichtiger wird. Deswegen würde das als Filmthema durchaus interessieren. Ich weiß, dass das ein Riesenprojekt ist, wo mich allein die Arbeit am Buch mehrere Jahre kosten wird."

Interview: Lutz Gräfe

 

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