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Ausgabe 77-1/1999

FÜR KINDER VERBOTEN

DER GLÜCKEFANT / DER BLÖDMANN FORBUDT FOR BORN

Produktion: Peter Bech Film ApS; Dänemark 1997 – Regie: Jesper W. Nielsen – Buch: Anker Li – Kamera: Erik Zappon – Schnitt: Valdis Oscarsdottir – Musik: Frans Bak, Oyvind Ougaard – Darsteller: Stephania Portalivo (Ida), Maurice Blinkenberg (Idas Bruder), Birgitte Federspiel (Idas Großmutter), Birgitte Simonsen (Idas Mutter), Amalie Dollerup (Klara), David Hauerberg Svensson (Kristoffer "Blödmann"), Per Oscarsson (Tanz-Schiedsrichter) – Länge: 57 Min. ("Der Glückefant") / 43 Min. ("Der Blödmann") – Farbe – Kontakt: Statens Filmsentral, Ryesgade 106 a, DK-2100 Kopenhagen, Fax 0045-31420548 – Altersempfehlung: ab 10 J.

Die achtjährige Ida muss immer mehr Aufgaben im Haushalt übernehmen, da ihre alkoholabhängige Mutter die Kinder vernachlässigt. Zuerst geht sie für die Mutter einkaufen und kümmert sich um den Haushalt, dann betreut sie auch den jüngeren Bruder. Schließlich übernimmt sie den nächtlichen Putzjob ihrer betrunkenen und damit arbeitsunfähigen Mutter, besucht aber tagsüber dennoch die Schule. Obwohl die Verantwortung immer schwerer auf ihren Schultern lastet, verkneift es sich Ida, um Hilfe zu bitten. Das gilt auch für die besorgte Großmutter, die von Zeit zu Zeit vorbeischaut. Mit großer Energie versucht Ida alles, um zu verhindern, dass sie und ihr Bruder in ein Kinderheim eingewiesen werden. Aber als alle ihre Anstrengungen, die Mutter zu einer Umkehr zu bewegen, nichts nutzen, versucht Ida sich umzubringen. In letzter Minute kann ihre Mutter sie retten. Diese extreme Erfahrung bedeutet für beide einen Wendepunkt in ihrem Leben. Am Ende treten alle drei endlich die Urlaubsreise nach Thailand an, von der Ida schon lange geträumt hat.

Der zweite Teil des Films spielt sechs Monate später. Der Familie geht es jetzt gut. Sie bereitet sich auf einen Tanzwettbewerb vor, an dem Ida teilnimmt. Obwohl Idas Tanzpartner deutlich zeigt, dass er in sie verliebt ist, gibt sie sich uninteressiert. Erst als ihre hübsche Freundin ihn umgarnt und schließlich abwirbt, besinnt sich Ida eines Besseren. Auf den Rat der Mutter versucht sie nun, den Jungen noch am gleichen Abend zurück zu gewinnen, was allerdings einige komische Verwicklungen auslöst. An diesem Abend scheint auch Idas alleinstehende Mutter in einem Gast des Balls einen neuen Partner gefunden zu haben.

"Zweimal Ida" beginnt gleichsam mit einem Paukenschlag, wird doch die Hauptgeschichte als Rückblende erzählt. Zunächst sehen wir, wie Ida sich ins Wasser stürzt und ertrinkt. In einer Art Traum taucht sie wieder auf, steigt mit großen Stiefeln eine Treppe hinauf und klopft an einer hohen Tür. Eine unsichtbare Stimme, die wohl Petrus gehört, verweigert ihr jedoch den Einlass und sagt: "Das Paradies ist nicht für die, die noch nicht gelebt haben. Du hast ja nicht einmal versucht zu küssen." Die phantastische Szene mit Schockeffekt wird humoristisch aufgelöst, als die verärgerte Ida einen Stiefel durch eine erleuchtete Öffnung der Tür wirft und dabei offenbar Petrus schmerzhaft getroffen hat.

Der erfahrene dänische Kinderfilmregisseur Jesper W. Nielsen ("Der letzte Wikinger") hat den hartnäckigen Kampf des Mädchens gegen den Alkoholismus der Mutter mit großer Sensibilität inszeniert. Eindrucksvoll sind insbesondere jene Szenen, in denen die Mutter ihre Kinder unter großen psychologischen Druck setzt, indem sie mit einer erneuten Einweisung ins verhasste Heim droht und so ein weiteres Mal ihre Suchtbefriedigung gegen Ida durchsetzt. Dank ausgezeichneter Leistungen gerade der kleinen Darsteller ist dem Regisseur hier ein anrührendes Familiendrama gelungen, das ungeachtet aller Tristesse dazu ermutigt, niemals aufzugeben und mit aller Kraft für das eigene Glück einzustehen. Auf dem Internationalen Jugendfilmfestival Cinekid in Amsterdam 1998 erhielt Nielsen von der Fachjury eine lobende Erwähnung für seine Regiearbeit, insbesondere für die erstaunlichen Leistungen, zu denen er die jungen Darsteller ermuntern konnte.

Im Vergleich zu dieser – mit Ausnahme der kitschigen Thailand-Sequenz – atmosphärisch dichten Schilderung fällt der zweite Teil leider beträchtlich ab. Zunächst einmal sind die Unterschiede zwischen beiden Hälften so irritierend groß, dass diese kaum noch zueinander passen. Vor allem die vorher so haltlos und charakterschwache Mutter wirkt plötzlich wie ausgetauscht: Mit ihrem Optimismus und ihrer emotionalen Wärme präsentiert sie sich geradezu als Parademutter. Sodann prallen die gedeckten Farben der düsteren ersten Partie unvermittelt mit der Helligkeit und Farbenpracht des Tanzsaals im zweiten Teil zusammen. Am schwersten wiegt jedoch, dass Nielsen an keiner Stelle der klischeeüberladenen und in ihrem Verlauf restlos absehbaren Romanze an die Sensibilität der Inszenierung im ersten Teil heranreicht. So ernsthaft und herausfordernd dort etwa der Tod thematisiert wird, so phantasiearm serviert die Regie hier das schwierige Thema der ersten Schwärmerei ab. Den Gesamteindruck bessern leider auch einige eingestreute witzige Szenen nicht grundlegend, so etwa die urkomische Intervention des kleinen Bruders auf dem Tanzparkett. Ähnliches gilt für die Träume und Phantasien Idas, die sich wie ein roter Faden durch beide Teile ziehen und dem Film mit ihrer unwirklichen Ausstrahlung eine märchenhafte Note geben.

Zu erklären ist der eklatante Kontrast dadurch, dass zwei ursprünglich eigenständige Kurzfilme mit der gleichen Hauptfigur für die Kinoauswertung zusammengefügt wurden. In Dänemark trägt die Kombination von "Der Blödmann" und "Der Glückefant" – so die deutschen Übersetzungen – den Titel "Forbudt for born (Für Kinder verboten)". Nielsen greift darin die Geschichte der kleinen Ida auf, die er in dem Kurzfilm "Buldermanden (Der Bullermann)" begonnen hat. Dieser als "Horrorfilm für Kinder" konzipierte Streifen war 1996 auf dem Festival in Lübeck zu sehen

Reinhard Kleber

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 77-1/1999 - Interview - "Kindheit ist wie eine große Landschaft"

 

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