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Ausgabe 77-1/1999

DER PRINZ VON ÄGYPTEN

THE PRINCE OF EGYPT

Produktion: DreamWorks; USA 1998 – Regie: Brenda Chapman, Steve Hickner, Simon Wells – Schnitt: Nick Fletcher – Musik: Hans Zimmer, Stephen Schwartz (Originalsongs) – Länge: 99 Minuten – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: UIP (35mm) – Altersempfehlung: ab 10 J.

In einer Zeit, in der sich zur Freude aller Nachrichtenmagazine immer wieder "Theologen" treffen, um zum Beispiel darüber zu debattieren, ob und was Jesus wirklich getan oder gesagt hat, oder um zu postulieren, dass es Moses, so wie er in der Bibel geschildert wird, wohl nie gegeben hat, ist es schon beinahe als ein riskantes Unterfangen anzusehen, wenn die junge Filmfirma DreamWorks in puncto Zeichentrickfilm ihr Renommee auf eine Neuverfilmung des Auszugs aus Ägypten stützt.

Aber selbst wenn man von dieser Spezies der Theologen absieht, bleiben immer noch viele Möglichkeiten, das Thema aufzubereiten und religiöse Gruppierungen zu verärgern. Man hat daher von vornherein versucht, sich bei diesem Film nach allen Seiten abzusichern. Deshalb beginnt der Film mit dem Hinweis, dass man sich mit vielen Theologen aller möglichen Richtungen besprochen hat, dass ein Teil der Handlung aus dramaturgischen Gründen frei gestaltet ist, und dass man die "Originalversion" der Geschichte im Buch Exodus nachlesen kann.

Die Grundhandlung wird nicht verändert. Moses wird im Weidenkörbchen ausgesetzt, von der Gattin des Pharao gefunden und aufgezogen. Dann kommt Moses seiner Herkunft auf die Spur und verlässt Ägypten. In der Wüste spricht Gott aus einem brennenden Dornbusch zu ihm und beauftragt ihn, sein Volk aus Ägypten ins gelobte Land zu führen. Daraufhin kehrt Moses nach Ägypten zurück und fordert den Pharao (seinen einstigen Bruder) auf, sein Volk gehen zu lassen. Dessen Weigerung bringt die bekannten Plagen über das Land. Schließlich lässt der Pharao die Hebräer ziehen, überlegt es sich anders und verfolgt sie. Daraufhin teilt Moses mit Gottes Hilfe die Fluten des Roten Meeres. Die Hebräer marschieren hindurch, die verfolgenden Rosse und Reiter der Ägypter hingegen versinken im Meer. Das Schlussbild zeigt Moses, wie er vom Berg Sinai herabsteigt und seinem Volk die Zehn Gebote bringt. (Dass Moses ausgesetzt wird, damit er den Erlass des Pharaos überlebt, alle Erstgeborenen der Hebräer zu töten, das muss man zunächst selbst wissen, weil diese Tatsache aus dramaturgischen Gründen erst sehr viel später in einer Rückblende anklingt.)

Die bekannte Geschichte hat man hier dramaturgisch ein wenig "aufgemöbelt", um die handelnden Personen plastisch und echt wirken zu lassen. In der Tat ist es den Machern gelungen, gezeichnete Figuren so lebendig – und so emotional – wirken zu lassen, als hätte man echte Schauspieler vor sich. So wird der Wandel des Moses vom verantwortungslosen ägyptischen Prinzen zum Befreier seines Volkes, der zwischen beiden Kulturen hin und her gerissen ist, gut nachvollziehbar. Dennoch sind die Figuren so verfremdet, dass man sich immer wieder dessen bewusst ist, hier einen Trickfilm vor sich zu haben. Das Dekor ist mir insgesamt gesehen etwas zu bombastisch und zu bonbonfarben geraten. Auch die Teilung des Roten Meeres ist so übertrieben dargestellt, "trickfilmhaft" eben, die eher an eine der Superhelden-Trickserien denken lässt als an eine seriöse Geschichte. Insgesamt ist die Darstellung der Charaktere jedoch überzeugend. Dezent und überraschend einfallsreich ist die Konfrontation mit dem brennenden Dornbusch gestaltet. Geradezu hervorragend die Sequenz, in der Moses im Traum in animierten Wandgemälden seine Geschichte "nachliest".

Produzent Jeffrey Katzenberg hat zu DreamWorks Strukturelemente mitgenommen, mit denen er bei seinem ehemaligen Arbeitgeber Disney gut gefahren ist. So beginnt der Film wie viele der Disney-Filme der letzten Jahre (vor Katzenbergs Weggang) mit einer Musiknummer, die einem Höhepunkt zustrebt und abrupt zum Titel abbricht, ehe die eigentliche Geschichte beginnt. Auch Zeitverläufe sind – wie beim "König der Löwen" – so gestaltet, dass die Figuren an derselben Stelle des Filmbilds weitergehen, während sie altern oder während sie Raum und Zeit überbrücken. Die Lieder treiben zwar, wie bei Disney, die Handlung voran, wirken aber dennoch ein wenig aufgesetzt. Sie sind nicht überflüssig, aber sie harmonisieren und verschleiern gelegentlich die eigentliche Handlung. Und so manches wird eher kursorisch und kurz abgehandelt und nur dann vertieft, wenn es für die Filmhandlung erforderlich ist.

Trotz der hier aufgeführten Einwände ist der Wille der Macher unübersehbar, die biblische Geschichte für moderne Betrachter aufzuarbeiten. So wird Verständnis für beide Seiten geweckt. Und Moses, der vom Bruder des Pharao zum Führer seines Volkes wird, leidet ganz offensichtlich darunter, dass sein einstiger Bruder keine friedliche Lösung des Problems will. Es wird immer wieder versucht, über trennende Grenzen hinweg eine versöhnliche Hand auszustrecken. Ein Fazit, das man nach diesem Film ziehen kann: Die biblische Geschichte ist wohl in Zeichnungen wirklich besser darzustellen, weil von vornherein deutlich wird, dass es sich um eine Interpretation handelt und nicht wie beim Monumentalfilm um einen Versuch, "die Wahrheit" quasi als Dokudrama nachzustellen.

Die eingangs erwähnten Theologen werden den Film vermutlich nicht mögen. Aber kommt es darauf wirklich an? Nein. Denn obwohl sie alles haarklein wissen wollen, interpretieren auch sie letztlich nur. Und sie übersehen dabei, was auch in diesem Film erwähnt wird: Nicht das Wissen, sondern der Glaube versetzt Berge.

Wolfgang J. Fuchs

 

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