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Ausgabe 77-1/1999

PÜNKTCHEN UND ANTON – 1998

PÜNKTCHEN UND ANTON – 1998

Produktion: Bavaria Filmverleih- und Produktions-GmbH / Lunaris Film; Deutschland 1998 Regie und Buch: Caroline Link, nach dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner – Kamera: Torsten Breuer – Schnitt: Patricia Rommel – Musik: Niki Reiser – Darsteller: Elea Geissler (Pünktchen), Max Felder (Anton), Juliane Köhler (Bettina Pogge), August Zirner (Richard Pogge), Meret Becker (Elli Gast), Sylvie Testud (Laurence), Gudrun Okras (Bertha), Benno Fürmann (Carlos) u. a. – Länge: 105 Min. – Farbe – Verleih: Buena Vista (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Kinder werden von einem Trampolin in den weißblauen Münchner Himmel katapultiert – die Kamera fokussiert zwei von ihnen. Es sind Luise Pogge, genannt Pünktchen, das "pfiffige, selbstbewusste und temperamentvolle Mädchen", und Anton Gast, "eher ruhig und sensibel, aber dennoch ein richtiger Lausbub", wie es in der Suchanzeige für die Hauptdarsteller von Caroline Links Neuverfilmung des Kästner-Buchs hieß.

Anton hat keine Zeit, muss in der Eisdiele helfen, weil seine Mutter noch immer krank ist. Pünktchen hat Zeit, niemand braucht sie. Das ist jedenfalls ihr Gefühl, obwohl die dicke Bertha, gutmütige Köchin im Hause Pogge, und Laurence, das französische Au-pair-Mädchen, für Pünktchen da sind und sie lieb haben. Ebenso wie Vater und Mutter, doch davon merkt Pünktchen herzlich wenig. Der Vater, viel beschäftigter Facharzt, wird von seinen Patienten gebraucht, die Mutter, engagiert in der Entwicklungshilfe, von den armen Kindern in der Dritten Welt. Das muss Pünktchen doch einsehen. Ein Videobrief aus Quagadogo im afrikanischen Burkina Faso zeigt die hübsche, blonde Frau Pogge umringt von lachenden schwarzen Kindern, die sich an sie schmiegen, mit lieben Grüßen an das Kind daheim. Dazu ein Appell, das Engagement der Mutter zu verstehen, weil es diesen Kindern so viel schlechter geht als Pünktchen, der es an nichts fehlt. Doch die Tochter ist da anderer Meinung – sie vermisst ihre Mutter.

Als sie endlich heimkommt, fährt Pünktchen voller Vorfreude mit dem Vater zum Flughafen und erlebt wieder mal eine Enttäuschung. Während andere Mütter ihre Kinder herzen und umarmen, ohne Rücksicht auf Kleid und Frisur, hat ihre Mutter nur den abendlichen Empfang mit wichtigen Leuten im Sinn.

Anton hingegen fehlt es nicht an der Mutterliebe, aber schlicht am Geld. Tausend Mark für eine Erholungsreise, das wär's. Pünktchen bittet ihre Eltern, doch mal im Hier und Jetzt zu helfen, jedoch ohne Erfolg. Als Anton erstmals in Pünktchens Haus kommt, ist er sprachlos über den sichtlichen Reichtum. Die Versuchung, etwas Wertvolles mitzunehmen, um der Not zu Hause ein Ende zu machen, ist groß. Aus Liebe zur Mutter wird er zum Dieb und löst damit eine Kette von Ereignissen aus, eine von Caroline Link erdachte Tat, die dem Film zusätzliche Brisanz verleiht und den erwachsenen Zuschauer zwingt, sich mit seinem Rechtsempfinden und dem des Kindes auseinander zu setzen.

Dann nimmt die Geschichte ihren bekannten Fortgang: Carlos aus der Eisdiele macht sich mit diebischem Eifer an Laurence ran. Pünktchen schleicht sich abends aus dem Haus, um für Anton Geld zu verdienen, Anton warnt die dicke Bertha vor dem Dieb Carlos und alarmiert die Polizei, die Eltern entdecken ihr bettelndes Kind. Zu Hause ist High Life, mit beschwingten Polizisten, gefesseltem Dieb und beschwipster Köchin. In dieser Nacht kommt alles zusammen und vieles ins Reine. Pünktchens größter Wunsch geht in Erfüllung. Ihre Eltern laden Anton und seine Mutter zu gemeinsamen Ferien an der Nordsee ein.

Die Schlussszene knüpft an die Eingangssequenz: Vor dem weißblauen Himmel schwebt ein Geldschein über die Stadt und landet dort, wo er gebraucht wird.

Caroline Link hat Erich Kästners Roman für Kinder aus dem Jahre 1931 behutsam und mit Respekt vor dem Autor modernisiert. Das gelingt ihr mit zu Herzen gehender Bravour. Die Grundbotschaft ist dieselbe wie bei Kästner: Kinder brauchen die Zuwendung und Liebe ihrer Eltern. Pünktchen und Anton haben die Kraft, die Erwachsenen zur Einsicht und zum Umdenken zu bringen. Kein leichtes Unterfangen. Auch heute nicht, wo sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern scheinbar so positiv in Richtung Partnerschaft verändert hat. Dass dahinter oft eine gehörige Portion Egoismus steht, zeigt Caroline Link ohne erhobenen Zeigefinger, gleichwohl überzeugend eindringlich. Sie führt die Fehler der Erwachsenen vor, denunziert ihre Figuren aber nicht, sondern gibt die Möglichkeit, sie mit allen Schwächen und Stärken kennen zu lernen. Geschickt hat sie die Fähigkeiten der Schauspieler in die Geschichte eingebaut, wie zum Beispiel der Lehrer, der zur eigenen Beruhigung Tai-Chi praktiziert, Antons Mutter, die als ehemalige Artistin ein Solo hinlegt und mit ihren Händen ein Schattentheater vorführt, an dem man sich nicht satt sehen kann, und Pünktchen, das nachts im U-Bahn-Untergeschoss ihr Debüt als talentierte Straßensängerin gibt.

Die Darsteller, allen voran Elea Geissler als Pünktchen und Max Felder als Anton, machen den Film zu einem noch lange nachwirkenden Erlebnis für Menschen "zwischen acht und achtzig", wie es sich Erich Kästner für seine Geschichte gewünscht hat. Der Film ist eine gelungene Mischung aus Kästners warmherziger Erzählung und Caroline Links Regietalent. Wie schon in ihrem Spielfilmdebüt "Jenseits der Stille" spürt man auch bei "Pünktchen und Anton" ihre Liebe zu den Menschen, besonders zu den jungen. Mit ihrer bedingungslosen Parteinahme für die Bedürfnisse der Kinder macht Caroline Link anderen Kindern Mut, sich gegen die Welt der Erwachsenen mit ihren vermeintlichen Unabänderlichkeiten zu wehren. Es macht Spaß zu sehen, wie Pünktchen und Anton es schaffen, die Erwachsenen zu verändern, eine realistische Utopie, amüsant und beherzt inszeniert, ein gelungener Unterhaltungsfilm.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 77-1/1999 - Interview - "Ich denke, dass die Intelligenz des Publikums wächst"
KJK 74-1/1998 - Interview - "Es ist der Magic Moment, der entscheidet ..."
KJK 73-1/1998 - Interview - "In meinem Film wird niemand makellos sein"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.PÜNKTCHEN UND ANTON – 1998 im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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