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Ausgabe 77-1/1999

SIB

DER APFEL

Produktion: Makhmalbaf Productions / MK2 Productions; Iran 1998 – Regie: Samira Makhmalbaf – Buch: Mohsen Makhmalbaf – Kamera: Ebrahim Ghafori, Mohammad Ahmadi – Schnitt: Mohsen Makhmalbaf – Musik: traditionelle iranische Musik – Darsteller: Massumee Naderi, Sara Naderi, Ghorbanali Naderi, Asisee Mahammadi, Sara Saghrisas – Länge: 85 Min. – Farbe – Verleih Schweiz: Frenetic (35mm) – Altersempfehlung: ab 10 J.

Jede erfundene Geschichte bleibt hinter der Wirklichkeit zurück. Mit dem Erstlingskinofilm der heute 18-jährigen Samira Makhmalbaf findet das geflügelte Wort eine weitere Bestätigung. Über eine Fernsehreportage erfuhr die Iranerin von einem Familienvater, der seine zwölfjährigen Zwillingstöchter seit deren Geburt im elterlichen Haus eingesperrt hielt. Publik wurde der Vorfall, weil sich Nachbarn beim Sozialamt beschwert und ein Eingreifen zur Befreiung der Mädchen gefordert hatten.

Vier Tage nach der Fernsehsendung habe sie, damals siebzehn Jahre alt, zu drehen begonnen, betont Samira Makhmalbaf. Möglich war dies nur, weil ihr Vater, Mohsen Makhmalbaf, einer der bekanntesten iranischen Filmautoren, für sein eigenes Spielfilmprojekt Kamera und Filmmaterial vorrätig hatte. Zusammen mit den Zwillingsschwestern und weiteren realen Personen hat Samira die wesentlichen Stationen des schier undenkbaren Vorfalls rekonstruiert und mit Hilfe ihres Vaters, der für Drehbuch und Schnitt zeichnet, in eine einfache und lineare Kinogeschichte eingebaut.

Tag für Tag sperrt der Vater ohne Schulbildung und Beruf die vergitterte Haustüre zu, damit nichts passiere, wenn er als Bettler und Fürbitter ein paar wenige Tomans verdienen geht. Den Töchtern Massumee und Sahra bleibt nicht nur der Gang auf die Straße verwehrt, sondern auch der Innenhof des Wohnhauses. Alles was ihnen bleibt, ist der sehnsüchtige Blick durch einen Maschenzaun hinauf zur Sonne. "Mädchen sind wie Blumen; setzen wir sie der Sonne aus, verwelken sie", zitiert der sehbehinderte Vater unablässig die in lyrischer Phrase verklärte Regel der traditionellen persischen Lebensweise. Indem er das Gebot des Propheten Mohammed wortwörtlich ausführt, wendet er es verkehrt an. Die Folgen der sozialen Isolation sind erschreckend: Massumee und Sahra sind körperlich und geistig zurückgeblieben, können weder richtig sprechen noch gehen. Anfänglich erreicht die von den Nachbarn gerufene Sozialarbeiterin wenig, denn der Vater argumentiert mit dem Schutz, der wichtiger sei als die Freiheit. So greift die Sozialarbeiterin zur Metallsäge und zur erzieherischen Umkehr der Machtverhältnisse: Sie schickt die Mädchen auf einen Erkundungsspaziergang durchs Wohnviertel und schließt den uneinsichtigen Vater ein: Freiheit erhalte dieser nur, wenn er die Gitterstäbe durchsäge.

Samira Makhmalbaf will nicht anklagen und verurteilen, sondern Anstoß zur Erkenntnis geben und den Weg des Erkennens darstellen in einer Mischung aus dokumentarischer Nähe und märchenhafter Überhöhung. Das will so recht nicht immer gelingen: Überzeugend ist die erzählerische Schlichtheit, mit der die Regisseurin die Mädchen Äpfel als Frucht der Erkenntnis entdecken lässt; ebenso überzeugt die inszenatorische Frische, mit der Samira Machmalbaf die physische Präsenz der Laien nutzt, wenn Massumee und Sahra auf andere Mädchen und Jungen treffen. Die gleiche Schlichtheit aber wirkt bei der Konfrontation zwischen der Sozialarbeiterin und dem Vater papieren, weil die Therapie wie im Lehrbuch abläuft. Schwächen weist der Film in der Handlung, die gelegentlich an gestreckten Tee erinnert, und bei der Zeichnung der Figuren auf, die harten Konfrontationen ausweicht, als gelte es, das Gebot zur Sanftmut unter Beweis zu stellen. Verstärkt werden diese Schwächen durch die weitgehend geschönte Zeichnung des sozialen Umfelds: Innenhof und Straßen sind, abgesehen von den Eröffnungssequenzen, vom Kolorit und Elend der sozialen Unterschicht Südteherans, wo der Film erklärterweise spielt, entschlackt.

Persische Geschichtenerzähler haben eine ausgeprägte Vorliebe für alltägliche, aus dem Leben gegriffene Ereignisse, die gleichnishaft verdichtet dazu taugen, soziale, politische oder religiöse Zusammenhänge darzustellen. So erinnert Samira Makhmalbafs Rückgriff auf eine wahre Begebenheit an Abbas Kiarostamis "Nahaufnahme" über einen Arbeitslosen, der just Samira Makhmalbafs Vater anhimmelte und sich damit in arge Schwierigkeiten manövrierte. Im Gegensatz zu "Nahaufnahme", der parallel zur Handlung auch das Wesen des Nacherzählens und Rekonstruierens thematisiert, um das soziale Gefüge aus verschiedensten Blickwinkeln zu durchleuchten, beschränkt sich Samira Makhmalbaf in ihrem Erstling wohlweislich aufs fiktionale Ausschmücken der wahren Begebenheit. So gerinnt hier die Geschichte als solche zur Anspielung aufs politische Umfeld.

Seine Brisanz verdankt "Sib" damit allein dem aufgegriffenen Vorfall, der als Sinnbild der iranischen Gesellschaft seit der Islamischen Revolution gesehen werden kann, die nur wenig älter ist als Samira Makhmalbaf. Das Einsperren der Töchter wird zum Gleichnis auf die politisch verordnete Verriegelung des Landes. Und des Vaters Argument, dies geschehe aus Fürsorge, nennt die Sozialarbeiterin beim Namen: es sei bloßer Vorwand. Erst das Insistieren einiger Frauen lässt dem geistig erstarrten Hausherrn keine andere Wahl, als die Gitterstäbe zu zersägen. Auf der Strecke bleibt – und das ist bezeichnend – die blinde und vollständig verschleierte Mutter der Zwillinge, die sich vehement gegen das Zersägen des Gitters wehrt.

Robert Richter

 

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