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Ausgabe 54-2/1993

KINDERSPIELE

Produktion: FFG Film- und Fernseh-GmbH / ZDF, Bundesrepublik Deutschland 1992 – Regie: Wolfgang Becker – Buch: Horst J. Sczerba, Wolfgang Becker – Kamera: Martin Kukula – Schnitt: Wolfgang Becker – Musik: Christian Steyer – Darsteller: Jonas Kipp (Micha), Oliver Bröcker (Kalli), Burghart Klaußner (Michas Vater), Angelika Bartsch (Michas Mutter) u. a. – Länge: 107 Min. – Farbe – Verleih: Senator (35mm; ab September 93) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Die "Kinderspiele" in dem gleichnamigen Film von Wolfgang Becker sind ambivalente Spiele: Mit ihnen verbindet sich ein herrlicher Spaß beim Spielen miteinander und gegen andere. Sie bedeuten aber auch das "Spielen" der Kinder (im Sinne von Ausprobieren) mit Themen und Situationen im Familien- und Schulalltag, in der Freizeit oder in den großen Freiräumen der Ferienzeit – es sind Spiele, die auf der Kippe stehen.

Micha und Kalli sind zwei halbwüchsige Jungen aus einem kleinen Ort irgendwo zwischen Ruhrgebiet und Westfalen. Das Fernseh-Zeitalter bricht an. Das Fernsehballett, das ZDF-Löwenthal-Magazin und der Aktenzeichen XY-Zimmermann drängen sich in die Familienabende. Für die Erwachsenen von großer Bedeutung, für die Kinder (noch) uninteressant. Die Sommerferien beginnen. Michas Vater ist Maurerpolier. Er schuftet wie ein Wilder, um seiner Familie – es gibt noch eine Oma und Michas jüngeren Bruder – ein kleines Häuschen und ein bisschen Wohlstand zu ermöglichen. Der Mann ist grob geschnitzt und überarbeitet. Er sieht, dass sein Sohn intelligent ist und ihm später einmal überlegen sein wird. Stress und Überforderung schlagen in Aggressionen und Kurzschlusshandlungen um. Nur in extremen Situationen wird deutlich, wie leicht verletzbar und warmherzig er ist. Michas Mutter hält sich zurück; sie versucht, Konflikte zu unterdrücken und den Familienfrieden zu wahren. Mit dem Tod von Michas Großmutter bricht das Familiengefüge zusammen. Michas Mutter zieht zu ihrem Bruder und nimmt den jüngsten Sohn mit. Micha lebt nun mit seinem Vater zusammen, was für beide keine leichte Situation ist. Bei seinen dilettantischen Versuchen, die Eltern wieder zusammenzubringen, wendet Micha die falschen Mittel an und trägt damit tragischerweise zur endgültigen Zerstörung der Familie bei.

Bezugsperson für Micha ist sein Freund Kalli, der einmal mehr die Versetzung nicht geschafft hat. Kalli ist selbstbewusst, stark und provozierend, eine ganze Spur erwachsener als der unsichere Micha, der sich von Kalli leiten lässt. Von ihm erfährt Micha die Dinge, über die die Erwachsenen schweigen. Kalli weiß, wo's langgeht und beweist sich an seinem Freund – psychische und physische Kniffe und Püffe, die Micha sofort an andere (kleinere oder schwächere) weitergibt. Die mitunter abenteuerlichen "Kinderspiele" von Kalli und Micha sind nicht nur unbeschwert und unbekümmert. Die großen Ferien bieten viele Gelegenheiten, um Freiräume zu erproben und Grenzen auszuloten. Gegen Ende friert die Freundschaft zwischen Kalli und Micha ein. Micha interessiert sich mehr für gemeinsame Unternehmen mit der flotten Claudia. Die freien Wochen könnten glücklich enden. Doch Michas Konflikte mit seinem Vater eskalieren in einer dramatischen Situation zur blutigen Auseinandersetzung. Die Ereignisse dieses Sommers prägen das Leben aller Beteiligten.

Wolfgang Becker zeigt seine "Kinderspiele" aus der Perspektive der flirrenden Gefühls- und Erfahrungswelt Heranwachsender. Zuneigung und Abscheu gegenüber der eigenen Familie – verbunden mit dem damit einhergehenden Zusammenhalt gegenüber Dritten – werden dabei ebenso thematisiert wie die kleinen Macht- und Mutproben in Spiel und Ernst. In der zeitlichen und örtlichen Begrenzung der Handlung gelingt die überzeugende Balance zwischen Erfahrungen unterschiedlicher Art, zwischen Nähe und Entfremdung, Anpassung und Widerstand. Die Stärke des Films ist seine Aufrichtigkeit, seine Direktheit; es gibt keinen Halt vor neugierigen oder heimlichen Blicken, kein Verweigern von abstoßenden und Ekel erregenden Momenten. Dabei diffamiert Becker seine Figuren nicht. Michas Vater beispielsweise ist nicht das Klischee des prügelnden Proleten, sondern eine gebrochene Figur mit physischen Stärken und psychischen Deformationen. Die Handlung des Films spielt in den 60er Jahren, ist aber zeitlos in ihrem Modell von Familien- und Nachbarschaftsstrukturen.

"Kinderspiele" ist neben "Wunderjahre" von Arend Agthe einer der besten Jugendfilme der 90er-Jahre, die retrospektiv die 60er-Jahre aufarbeiten, und steht damit in der unmittelbaren Folge und Tradition von "Mein Leben als Hund" und "Stand by me". Becker versteht es meisterhaft, sich auf seine Kinderdarsteller einzulassen und die Charaktere ihrer Rollen zu visualisieren. Dies ist angesichts der trotz witziger und ironischer Sequenzen überwiegend ernsten Handlung ein besonderes Verdienst. Dramaturgie, Kameraperspektiven und der getimte Einsatz von Musik sind der Stimmung und dem Tempo des Films angemessen und transportieren eine Atmosphäre, die Kindheit und Jugend nicht verklärt, aber Sehnsucht aufkommen lässt.

Die Arbeitsgemeinschaft der Filmjournalisten hat "Kinderspiele" zum "Besten deutschen Spielfilm" des Jahres 1992 ernannt: "... Hervorzuheben ist die exzellente Schauspielerführung; insbesondere die Kinderdarsteller sind eindrucksvoll und überzeugend in Szene gesetzt." Bereits mit seinem mehrfach ausgezeichneten Jugendfilm "Schmetterlinge" (1987) hat Becker bewiesen, wie sensibel und authentisch er Kindheits- und Jugendgeschichten erzählen kann und seine Hauptdarsteller zu führen weiß. Nun sollte er endlich den Mut besitzen, einen Film für Kinder zu machen. Wie zu erfahren war, ist das auch der Wunsch seiner Tochter. Es ist richtig, lieber Wolfgang Becker, dass die Kids von heute die Spielberg-Filme lieben. Aber es gibt auch andere Filme für Kinder und solche, die mehr mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun haben als Fantasiegeschichten oder Zeitreisen-Abenteuer. Und wenn solche Filme von Profis wie Wolfgang Becker gemacht werden, dann werden sie auch von Kindern angenommen – nicht immer, aber immer öfter.

Horst Schäfer

 

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