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Ausgabe 54-2/1993

KRÜCKE

Produktion: EIKON-Film / ZDF / DEFA, Bundesrepublik Deutschland 1992 – Regie und Buch: Jörg Grünler (nach dem Roman von Peter Härtling) – Kamera: Gernot Roll – Schnitt: Jörg Baumeister – Musik: Mick Baumeister – Darsteller: Heinz Hoenig (Krücke), Götz Behrendt (Tom), Martina Gedeck (Bronka) u. a. – Länge: 99 Min. – Farbe – Verleih (35mm): noch offen; Anfrage bei: Eikon-Film, August-Bebel-Str. 26-53, 0-1590 Potsdam, Telefon 0331 / 9652824 – Altersempfehlung: ab 12 J.

Die Geschichte einer besonderen Freundschaft in den Wirren der Nachkriegszeit erzählt Jörg Grünler in seinem Spielfilm, basierend auf dem Jugendroman von Peter Härtling. Im Wien des Jahres 1945 trifft der 13-jährige Thomas auf der Suche nach seiner Mutter, die er auf der Flucht verloren hat, einen 35-jährigen Kriegsversehrten, der sich selbst, da er nur noch ein Bein hat, "Krücke" nennt. Zunächst unwirsch und nicht besonders hilfsbereit, nimmt der Mann sich des Jungen an, zeigt Mitgefühl, nachdem er das erschütternde Schicksal von Thomas erfahren hat. Die Hauptsache ist es nun, für ein bisschen Essen zu sorgen, sei es auf dem Schwarzmarkt – und Krücke ist ein gewiefter Schwarzmarkthändler – oder bei Bronka, die als Bedienung arbeitet und die für beide ein Herz hat. Der Lokalbesitzer hingegen ist davon gar nicht angetan, dass da "a Krüppl und a Kind" in seinem Etablissement auftauchen. Als jedoch "Mr. Krücke" mit meisterhaftem Saxophonspiel für Stimmung und Atmosphäre sorgt und Tom sich als charmanter Kellner nützlich macht, sieht der Herr Ferdi den Vorteil für sein Lokal. Doch jäh wird das bescheidene Glück, das sich die Gemeinschaft dieser unterschiedlichen Menschen in der Not eingerichtet hat, durch die politischen Vorgänge beendet. Das Lokal, nun im sowjetisch besetzten Sektor von Wien, muss schließen, und die Zeit der "Hamsterfahrten" aufs Land beginnt. Schließlich erhalten Krücke und Tom den Bescheid, nach Deutschland zurückkehren zu können – eine Genehmigung, auf die viele Deutsche in Österreich warten, aber die die beiden nicht unbedingt herbeigesehnt haben. Diese "Heimfahrt" in einem kalten Güterwaggon wird zur Strapaze, und nicht alle der Zusammengepferchten überstehen die nicht enden wollende Fahrt. Es fehlt an Kohlen für die Lokomotive, so dass sie wochenlang irgendwo in der österreichischen Provinz in ihrem Güterzug ausharren müssen. Selbst Krücke wird schwerkrank, und Tom als Kind ohne Angehörige soll einem Heim ausgeliefert werden. Nach Zeiten des bangen Wartens landen sie endlich in Passau, und hier wird Tom von seiner Mutter schon erwartet. In das Glück des Wiedersehens mischt sich die Melancholie des Abschieds – der Weg von Tom und Krücke, den sie ein Stück zusammengegangen sind, wird sich wieder trennen.

"Krücke" steht in der Tradition der Filme, die Zeitgeschichte – d. h. die Zeit vor und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg – aus der Perspektive von Kindern bzw. Jugendlichen behandeln. "Jan auf der Zille" von Helmut Dziuba, "Die Kinder aus Nr. 67" nach der Romanfolge von Lisa Tetzner oder "Peppermint Frieden" von Marianne Rosenbaum seien als Beispiele genannt. Jörg Grünlers Film ruft die unmittelbare Nachkriegszeit ins Bewusstsein, macht die Auswirkungen an den beiden Protagonisten deutlich, ohne ins Melodramatische abzugleiten. Dafür sorgt vor allem "Krücke", dessen Lebensträume durch die Kriegsverletzung zunichte gemacht wurden, der sich aber Mut und Witz bewahrt hat und mit einer Portion Selbstironie und flotten Sprüchen nicht nur seinen Schützling Tom aufheitern kann. Dennoch ist er nicht der "Tausendsassa auf Krücken", sondern es werden auch Zweifel, Trauer und Wut sichtbar. Heinz Hoenig überzeugt ganz und gar in der Rolle. Neben dieser Dominanz zu bestehen, ist Götz Behrendt als Tom gelungen. Verlassenheit und Angst werden in seiner Figur nacherlebbar, ebenso aber auch das Vertrauen zu Menschen, die es ehrlich mit ihm meinen. Zu langatmig – nicht nur für junge Zuschauer – ist allerdings der Eisenbahntransport der deutschen Rückkehrer geraten, da wiederholt sich einiges und das Interesse nimmt ab.

Die Eikon-Produktion – die beim diesjährigen Max Ophüls Filmfestival in Saarbrücken den Publikumspreis erringen konnte – entstand in Zusammenarbeit mit der DEFA (Schauspieler und ein Teil der stimmigen Ausstattung kamen von dort) und mit der Kinder- und Jugendredaktion des ZDF. In Anbetracht dieses Kooperationspartners – und der Mittel aus der Kinderfilmförderung – verwundert es allerdings, dass "Krücke" von der Produktionsfirma ängstlich von allen Kinderfilmfestivals (Berlin, Gera, München) ferngehalten wird. Hat die professionelle wie engagierte Kinderfilm/Kinderkino-Arbeit, die seit gut 15 Jahren in der BRD betrieben wird, noch nichts am vermeintlich negativen "Markt-Image" verändern können? Es bleibt noch viel zu tun ...

Christel Strobel

 

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