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Ausgabe 79-3/1999

THE PLANET OF JUNIOR BROWN

Produktion: THE FILM WORKS, Kanada 1997 – Regie: Clement Virgo – Drehbuch: Cameron Bailey, Clement Virgo, nach einer Erzählung von Virginia Hamilton – Kamera: Jonathan Freeman – Schnitt: Susan Maggi – Musik: Christopher Dedrick – Darsteller: Martin Villafana (Junior Brown), Lynn Whitfield (Mrs. Brown), Rainbow Sun Francks (Buddy Clark), Clark Johnson (Mr. Pool), Sarah Polley (Butter) – Laufzeit: 93 Min. Farbe (35 mm) – Weltvertrieb: Krik D'Amico, MYRIAD ENTERTAINMENT, Suite 611, 2633 Lincoln Blvd., Santa Monica, California 90405, USA – Altersempfehlung: ab 14 J.

Die Geschichte der Freundschaft zwischen einem fettleibigen jungen Schwarzen und einem Streetkid in Toronto. Das klingt arg nach Betroffenheitsmelodram und großem TV-Roman der Woche. Doch Clement Virgos zweiter Langfilm hat nichts von alledem:

Der ziemlich fette Junior Brown lebt mit seiner reichlich dominanten Mutter in einer kleinen Wohnung in Toronto. Mrs. Brown zeichnet sich vor allem durch übermäßige Liebesbezeugungen und eine fast terroristische Ausnutzung ihrer Diabetes aus: Immer wenn Junior ihr zu entgleiten droht, benutzt sie ihre Krankheit als Waffe, um ihn zu zwingen, sich weiterhin um sie – und nur um sie – zu kümmern. Juniors Vater hingegen lässt sich nur allzu selten auf ein kurzes Schäferstündchen mit seiner Ehefrau blicken und verschwindet dann wieder für Monate; nicht ohne seinem Sohn Versprechungen zu machen, die er dann doch nicht einhält. Juniors große Leidenschaft sind die Künste: Er spielt leidenschaftlich gerne Klavier und versucht sich auch als Maler. Doch seine Mutter hat die Saiten des Klaviers durchgeschnitten, weil sein Spiel sie nervte und so spielt er abwechselnd auf dem toten Instrument oder auch auf einem Tisch.

Sein bester Freund ist Buddy (der Name ist Programm) Clark, ein Junge, der auf der Straße lebt und dessen Welt die verschiedenen "Planeten" der Streetkids sind: So nennen sie ihre Quartiere und Behausungen in verfallenen Gebäuden. Buddy, der Realist, und Junior, der Träumer, verbringen reichlich Zeit miteinander; vor allem bei Mr. Pool, dem Hausmeister der Schule, mit dem gemeinsam sie ein großes Modell des Sonnensystems basteln. Auch als Buddy sich in Butter verliebt, die wie er auf der Straße lebt und seine Annäherungsversuche (wegen ihrer Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch) zunächst rüde ablehnt, bleibt die Freundschaft der beiden so gegensätzlichen Jungen erhalten. Buddy ist es auch, der Junior eine Perspektive bietet, als dieser endgültig mit seiner Mutter bricht: Sie hatte seine (ohne Modell) entstandenen Aktbilder als Pornographie beschimpft und zerrissen. Und so kommt es zu einem geradezu märchenhaften Schluss, bei dem Buddy seine Freunde zusammenführt und ein neuer Planet entsteht; eben der von Junior Brown.

Clement Virgo gelang ein realistischer und doch romantischer Film, der vor allem dadurch fasziniert, dass er sämtliche Klippen der Klischees, die die Geschichte hergeben könnte, elegant umschifft und eben genau nicht von dem erzählt, was man erwartet: Es ist eben keine Story um einen armen, benachteiligten Jungen, der an seiner Fettleibigkeit leidet und sich mit einem bedauernswerten Straßenkind zusammentut, das ihn vor den Widrigkeiten des Lebens schützt. Ganz im Gegenteil: Virgos Film schildert in stimmungsvollen und wunderbaren Farben die Freundschaft zweier Außenseiter und ganz nebenbei die zarte und anrührende Liebe zwischen Buddy und Butter. Dabei malt er die Existenzbedingungen der Streetkids nicht in düsteren Farben im sozialpädagogisch angehauchten Miserabilismus, sondern zeigt – ohne Beschönigung – das Leben der Kids, das eben mehr als eine Seite hat: Natürlich ist es hart, manchmal brutal und ungerecht. Aber es bietet auch Freiräume und Möglichkeiten, die diese Kids zu Hause nie gehabt hätten. Damit macht er eindringlicher als jede noch so engagierte Dokumentation deutlich, was die Kids auf die Straße trieb und was sie dort zu finden hofften: Ein Leben fernab der Glitzerfassaden und öden Vorstädte, ein Leben mit echten Gefühlen, wirklicher Freundschaft und Solidarität.

Dabei vertraut seine zuweilen nur in Andeutungen erzählte Geschichte auf die Imagination des Publikums. Und so nimmt man seinem anrührenden, aber bewusst unkitschigem Film auch das romantisch-märchenhafte Happy End ab, das man jedem anderen nie verziehen hätte, eben weil es organisch aus seiner ohne jede Larmoyanz erzählten Geschichte erwächst. Virgo gelang ein intelligentes Stück Jugendkino, das den Kids etwas zu erzählen weiß, ohne sie zu belehren; ein Film, der von Problemen in Extremsituationen erzählt ohne ein Problemfilm zu sein und dessen wunderschöne Musik eine Menge zur zuweilen traumhaft-magischen Atmosphäre beiträgt. Insofern war die Auszeichnung durch die Jugendjury beim Kinder- und Jugendfilmfestival in Frankfurt/Main, LUCAS '98, nur konsequent.

Lutz Gräfe

 

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