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Ausgabe 1-1/1980

DIE KINDER AUS NR. 67 ODER HEIL HITLER, ICH HÄTT' GERN'N PAAR PFERDEÄPPEL ...

Produktion: Road Movies Filmproduktion GmbH 1979/80 – Verleih: Basis Film, Berlin (35mm) – Drehbuch: Usch Barthelmeß-Weller, Werner Meyer, nach der Romanfolge von Lisa Tetzner – Regie: Usch Barthelmeß-Weller, Werner Meyer – Darsteller: Bernd Riedel Erwin), René Schaaf Paul) May Buschke (Miriam), Jürgen Frei, (Willi), Tilo Brückner (Vater Brackmann) – Kamera: Jürgen Jürges, Hans-Günther Bücking – Musik: Andi Brauer – Ausstattung: Maciej Putowski, Thomas Irmscher – Länge: 103 Min. – Erstaufführung: 25. Februar 1980, Internationales Forum des jungen Films, Berlin

Inhalt und Struktur

Der Film beschreibt milieugerecht das Leben Berliner Kinder in einem sozial intakten Hinterhaus ein halbes Jahr vor und ein halbes Jahr nach der Machtergreifung durch die Nazis (1932/33). Er zeichnet die Freundschaft zweier 13-jähriger Jungen nach, die durch die politische Entwicklung auseinander bricht. Während der eine, dem Trend der damaligen Zeit folgend, der HJ beitritt, widersetzt sich der andere und wird zum Außenseiter; ein sehenswerter Spielfilm zur deutschen Zeitgeschichte für Kinder und für Erwachsene.

Im Mittelpunkt des Films steht die Freundschaft von Paul Meister und Erwin Brackmann. Sie gehören zu einer Bande von Kindern aus dem Hinterhof des Mietshauses Nr. 67. Um sich einen richtigen Fußball leisten zu können, verrichten sie allerlei Arbeiten und verdienen sich so das Geld dafür. Pauls Familie gerät durch die Arbeitslosigkeit des Vaters immer mehr in wirtschaftliche Not. Deswegen kann sich auch Paul für ein von Erwin angeregtes Maskenfest im Hinterhof nicht recht begeistern. Ausgangspunkt für dieses Fest ist die Freundschaft zwischen Eryin und Miriam, einem gleichaltrigen Mädchen, deren Tante der Masken- und Kostümverleih im Vorderhaus gehört. Während die Vorbereitungen zum Maskenfest auf vollen Touren laufen, wird die finanzielle Lage von Pauls Familie immer bedrohlicher. Sie können die Miete nicht mehr bezahlen. Nachdem der Gerichtsvollzieher zur Pfändung von Wohnungsgegenständen gekommen ist, funktionieren die Kinder und Erwachsenen das Maskenfest zu einem Wohltätigkeitsfest für Pauls Familie um. Der Erlös reicht aus, die Miete zu bezahlen.

Als 1933 die Nazis die Macht ergreifen, löst sich die Kinderbande immer mehr auf. Der größere Teil der Kinder unterliegt den Verlockungen und momentanen Vorteilen und schließt sich der 'Hitler-Jugend' (HJ) und dem 'Bund deutscher Mädchen' (BDM) an. Erwin, der aus einer politischen Familie stammt, macht nicht mit und versteht sich dadurch immer weniger mit seinem Freund Paul. Personen, die nicht im Sinne der "neuen Herren" sind, wie Erwins Vater, werden eingesperrt und misshandelt. Miriam verlässt mit ihrer jüdischen Tante Berlin und Deutschland. Am Ende zerbricht die Freundschaft zwischen Erwin und Paul.

Der Film vermittelt Kindern und auch Erwachsenen ein anschauliches Bild der damaligen Zeit. Er verdeutlicht im Verhalten der Kinder und der Erwachsenen, wie die Nazis langsam durch Terror, begünstigt durch Arbeitslosigkeit und mit Duldung der Polizei, die Macht an sich reißen und ihre Diktatur aufbauen, dem sich nur wenige entziehen bzw. Widerstand leisten. Der Film stellt auch einen Beitrag zur Bearbeitung und Verdeutlichung deutscher Zeitgeschichte dar und vermittelt vor allem Kindern, wie die Nazis an die Macht kamen und welche Auswirkungen das auf die Menschen hatte. Vor der Machtergreifung durch die Nazis war das Leben im Berliner Hinterhaus unter den Kindern und den Erwachsenen von Solidarität und gegenseitiger Hilfsbereitschaft geprägt; nach 1933 zerbrechen die gewalttätigen Aktionen der "neuen Herren" die menschlichen Beziehungen, obwohl gerade sie von Volksgemeinschaft und ähnlichen Phrasen reden.

Der Spielfilm kann nach Meinung der Filmemacher, "nicht die Aufgabe übernehmen, faktisches Wissen vermitteln oder historische Analysen liefern. Aber er kann miterleben lassen, was Menschen betrifft oder betroffen hat, und so Wachsamkeit für das alltägliche Geschehen erzeugen, Blick und Bewusstsein für die historischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge öffnen". Deswegen haben sie auch versucht, die Geschichte aus der Perspektive der Kinder zu erzählen.

Der Film beruht auf dem ersten Band der Romanfolge von Lisa Tetzner. Sie schrieb 1932 zwei Geschichten, "Das gestohlene Brot" und "Der Fußball", die sie später unter dem Titel "Erwin und Paul" zusammenfasste und als ersten Band der Romanfolge "Die Kinder aus Nr. 67" veröffentlichte. Es folgten noch weitere acht Bände, in denen sie das Schicksal von Erwin und Paul bis 1946 beschrieb. Die Kinderbuchautorin Lisa Tetzner emigrierte mit ihrem Mann, dem Arbeiterschriftsteller Kurt Kläber (Verfasser des Jugendbuchs "Die rote Zora" unter dem Pseudonym Kurt Held), 1933 in die Schweiz, wo sie 1963 starb.

Die Autoren des Films haben ca. vier Jahre daran gearbeitet, die Finanzierung sicherzustellen. "Ein guter Film für Kinder ist auch ein Film für Erwachsene, denn jeder Erwachsene trägt die Geschichte seiner Kindheit in sich", so charakterisieren die Autoren des Films ihre Vorstellungen von Kinderfilm. Eine Definition, die dazu beitragen kann, das Ghetto des Kinderfilms aufzubrechen.

Die Dreharbeit mit Kindern beschreiben Usch Marthelmeß-Weller und Werner Meyer so: "Wir haben bei der Auswahl der Kinder sehr darauf geachtet, dass die Rolle jeweils Persönlichkeit und Eigenart des Kindes aufnehmen kann, und nicht umgekehrt das Kind für die Rolle passend inszeniert werden muss. Deshalb haben wir unsere Darsteller unter Arbeiterkindern gesucht. Wir hatten aus unseren bisherigen Filmerfahrungen mit Kindern sehr klare Vorstellungen über die Unterschiede, die zwischen Kindern, die in verschiedenen sozialen Milieus aufwachsen, bestehen: eine bestimmte Art der Körpersprache, das soziale Verhalten, beides wesentliche Momente bei den Kindern aus der Nr. 67, ist bei Kindern aus dem bürgerlichen Lebensbereich nicht zu finden.

Die Kinder haben vor den Dreharbeiten viel Zeit zusammen mit uns verbracht. Über Pfingsten waren wir vier Tage zusammen in einer Jugendherberge. Die Kinder hatten schon ihre Filmkleider an, das war ihr eigener Wunsch. Wir haben ihnen über die Zeit und Geschichte von damals erzählt, haben Photos zusammen angeschaut. Ganz fremd waren ihnen eigentlich nur die HJ-Gewohnheiten. Vor Beginn der Dreharbeiten haben wir alle Szenen mit ihnen diskutiert und gespielt. Für die Kinder war es wichtig, dass sie eine Beziehung zum Gesamtzusammenhang gewinnen konnten, damit beim achronologischen Drehen nicht nur kurzfristige Gefühle aufgeworfen und abgerufen wurden. Für uns war es eine wichtige Möglichkeit, unsere Arbeit am Drehbuch zu überprüfen.

Die Kinder haben sich auch selbst Geschichten ausgedacht, gespielt und mit Super 8 gedreht, geschnitten und vertont. Da sie wussten, wie die technische Seite beim Film funktioniert, konnten sie beim Spielen auch mit dem Kameramann mitdenken, und wir mussten ihnen nicht uneinsehbare Anordnungen geben.

Ursprünglich hatten wir vor, während der Drehzeit zusammen mit den Kindern in einem Kreuzberger Hinterhaus zu leben. Die Kinder wären davon begeistert gewesen. Aber es ist nicht gelungen, das zu realisieren: vor allen Dingen hätten wir den Kindern nicht die Betreuung geben können, die sie zu Hause haben und während der anstrengenden Dreharbeiten auch brauchten."

 

Bio-Filmografie:

Usch Barthelmeß-Weller (Jahrgang 1940) – Aufgewachsen nahe der Schweizer Grenze am Untersee. Durch den elterlichen Verlag hatte sie ständigen Umgang mit Büchern, u. a. mit denen von Lisa Tetzner. 1958 Umzug nach Berlin und bis 1960 Ausbildung am Pestalozzi-Fröbel-Haus als Kindergärtnerin; anschließend 6 Jahre Berufstätigkeit in Kindertagesstätten.1969 hatte sie ersten Kontakt zum Fernsehen (Mitarbeit an Vorschulprogrammen). Seit 1972 ständige Mitarbeiterin des SFB-Kindermagazins "Denkste" und ab 1972 auch für das Vorschulprogramm des Hessischen Rundfunks.

Werner Meyer (Jahrgang 1948) – Nach dem Abitur (1967) und nach der Kriegsdienstverweigerung studierte er Soziologie. 1970 Praxisorientierung im Bereich Publizistik und Fotografie. Volontariate beim Hessischen Rundfunk. Ab 1972 ständiger Mitarbeiter für das Kindermagazin "Denkste" des SFB und für das Vorschulprogramm des Hessischen Rundfunks. Nach den Arbeitserfahrungen in den Fernsehanstalten 1974 Beginn eines Lehrerstudiums mit dem Fach Kunst. Während dieser Zeit u. a. Gastdozent im Jugendfilmstudio in der Naunynstraße, Berlin. 1978 Abschluss des Lehrerstudiums mit dem 1. Staatsexamen.

Gemeinsame Arbeiten:

Usch-Barthelmeß-Weller und Werner Meyer machten bereits 1974 gemeinsam die beiden Kinderspielfilme "Bonbons umsonst" und "Thomas und Sven".

1975 entwickelten sie ein Drehbuch nach der Romanfolge "Die Kinder aus Nr.67" von Lisa Tetzner. 1976 schrieben sie zusammen die Kinderbücher "Boris und Lila" (Anrich Verlag) und "Bevor die Eltern kamen" (Schaffstein Verlag).

Die Geldbeschaffung für ihren neuen Film zog sich über mehrere Jahre hin.
1976 Autorenförderung von Pro Helvetia, Zürich
1977 Ko-Produktionszusage des ZDF
1978 Prämie des Kuratoriums Junger Deutscher Film
1979 Unterstützung der Stiftung Deutsche Jugendmarke,
Mittel aus der Filmförderungsanstalt und vom Berliner Senat.
Ab Anfang 1979 Vorbereitung des Films und intensive Arbeit mit den Darstellerkindern. Drehzeit Juli/August. Endfertigung des Films Januar 1980.

Quellen/Literatur:

Informationsblatt Nr. 5 des Internationalen Forums des jungen Films 1980, Hrsg.: Internationales Forum des jungen Films / Freunde der Deutschen Kinemathek, Welserstr. 25, 1000 Berlin 30

Lisa Tetzner, Die Kinder aus Nr. 67 (Band 1 + 2), Verlag Sauerländer Aarau, Frankfurt/M., Salzburg, 288 S., 14,80 DM

Vergleichsfilm

SIE NANNTEN IHN AMIGO
Produktion: DEFA, 1959 – Regie: Heiner Carow – Buch: Wera und Claus Küchenmeister – Länge: 65 Min. – Verleih: Unidoc (35mm)

Spielfilm über den 13-jährigen Rainer Meister, der mit seinen Eltern in einem Berliner Arbeiterviertel wohnt und wegen seiner Hilfsbereitschaft von allen "Amigo" gerufen wird. Im Sommer 1939 entdecken er und sein Bruder in einem Bretterverschlag einen Fremden. Als Amigo erfährt, dass es sich um einen geflohenen politischen Häftling handelt, versucht er, den Mann vor der Entdeckung durch die NS-Behörden zu bewahren. Von Sinewski Vater angezeigt, wird Amigos Vater von der Gestapo abgeholt; Amigo kann sich – gewarnt durch Sinewski, seinen Freund – in Sicherheit bringen, stellt sich aber, um den Antifaschisten vor der Polizei zu retten. Er kommt ins KZ und überlebt das Lager.

OCIC-Preis:

Die Jury der Internationalen Katholischen Filmorganisation (OCIC) verlieh im Rahmen des Internationalen Forums des Jungen Films einen Preis, verbunden mit einer Prämie, an den Film 'Die Kinder aus Nr. 67' von Usch Barthelmeß-Weller und Werner Meyer.

"Hauptverdienst des Films ist, das Anwachsen des Nationalsozialismus nicht aus sozialer und wirtschaftlicher Sicht, sondern einmal aus der Erlebniswelt von Kindern eines Arbeiterviertels zu zeigen. Ihre Spiele, ihre Beziehungen zu den Eltern und untereinander werden unausweichlich von politischen Ereignissen beeinflusst. Diese Gestaltung macht den Film für die Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen geeignet."

Das Internationale Katholische Filmbüro zeichnet mit seinem Preis Filme aus, "die nach formal-ästhetischen, künstlerischen, allgemein menschlichen und religiösen Aspekten geeignet sind, Menschlichkeit zu fördern, Denk- und Lernprozesse in Gang zu setzen und zu Frieden und Verständigung unter Völkern und Menschen beizutragen.

Hans Strobel

 

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 1-1/1980 - Filmbesprechung - SIE NANNTEN IHN AMIGO

 

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Filmtitel - "A":

 

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