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Ausgabe 1-1/1980

IM HERZEN DES HURRICAN

Produktion: Hamburger Kino Kompanie/Hark Bohm Filmprod. KG 1980 – Drehbuch und Regie: Hark Bohm – Kamera: Jaroslav Kucera – Schnitt: Susanne Paschen – Musik: Irmin Schmidt-Rueff, Enzio Edschmidt – Darsteller: Uwe Enkelmann, Dschingis Bowakow – Länge: 105 Min. – Farbe – 35mm – Verleih: Filmverlag der Autoren, München

In der bundesrepublikanischen Filmproduktion gibt es Kinder vor allem als drollige Akteure, frühreife Schulmädchen und zugkräftige Werbeträger. Im Kino sehen Jugendliche meistens Walt Disney und die bunte Tierwelt, Pistolenhelden und Supermänner: Für Erwachsene gedreht, für Kinder und Jugendliche zugelassen. Viele Produkte dieser Kinophantasien sind gewaltorientiert und tragen nicht zu sozialen Lernprozessen bei. Auch im Film sollten die Bedürfnisse der Jugendlichen, ihre Wünsche, Erwartungen und Tagträume ernst genommen werden.

Leider geschieht das in der Bundesrepublik viel zu selten, obwohl doch gerade dieses Publikum besonders kinofreudig ist. Der Hamburger Filmemacher Hark Bohm hat mit seinem neuesten Kinofilm "Im Herzen des Hurrican" wieder einmal bewiesen, dass er sein jugendliches Publikum ernst nimmt. Seit 1972 verfolgt Hark Bohm konsequent diese Filmarbeit mit und Tür Jugendliche. Seine Filme "Tschetan, der Indianerjunge", (1972), "Nordsee ist Mordsee" (1976) und "Moritz lieber Moritz" (1978) waren erfolgreiche Beispiele dafür, Konflikte und Erfahrungen Jugendlicher filmisch darzustellen. Außer Konkurrenz der 30. Internationalen Filmfestspiele Berlin war Hark Bohm mit seinem neuesten Film "Im Herzen des Hurrican" vertreten.

Der 17-jährige Chris fährt mit seiner selbstgebauten Cross-Country-Maschine von einer am Stadtrand gelegenen Hochhaussiedlung in den Wald, um in der Dämmerung Rehe zu schießen: Er wird dabei von den Revierinhabern beobachtet, gejagt und angeschossen, kann sich bis zur Innenstadt retten, bricht aber dort zusammen und wird in ein Krankenhaus gebracht. Die Polizei vermutet, dass er in einen Heroin-Bandenkrieg verwickelt ist, und will Aussagen von ihm, doch er redet nicht, sondern flieht aus dem Krankenhaus und holt sich seine bei der Polizei sichergestellte Maschine zurück.

Chris lässt sich von seinem Hehler Geld geben und wird von ihm auf die Jagd nach einem Elch geschickt, der am Tag zuvor durch die Elbe geschwommen ist und in der Boulevard-Presse für Schlagzeilen gesorgt hat. Zwei Tage lang sucht Chris den Elch vergebens und als er schon aufgeben will, steht der Elch plötzlich vor ihm: Er hat den Elch im Zielfernrohr seines Gewehrs, kann aber nicht abdrücken, denn er wird von einem Mescalero-ähnlichen Typen entwaffnet. Der Mescalero, der in Wirklichkeit ein Typ aus Hamburg ist, zieht hinter dem Elch her, um ihn zu fotografieren, und Chris, der sein Gewehr wiederhaben will, jagt jetzt den Elch und den Mescalero.

So ziehen die drei durch Deutschland und aus den beiden Feinden werden Freunde: Am Ende des Films erlegen sie den Elch, denn – so lautet die These – der Elch hat in dieser Welt zwischen Industrie, Autobahnen und Flughäfen keine Überlebenschancen. Die Aufzählung all der Dinge, die es eigentlich nicht nur Elchen schwer machen, hier und heute zu überleben, ließe sich beliebig fortsetzen; so werden, während die beiden Jungen dem Elch nachjagen, große Felder mit Pflanzenschutzmitteln besprüht oder auf einer Weide liegen verendete Rinder: Die Zerstörung der Umwelt kommt zwar nur beiläufig ins Bild, aber gerade diese Beiläufigkeit gefällt. Hark Bohm führt diese alltäglichen Ereignisse nicht agitatorisch vor, Entrüstung und Reaktion darauf überlässt er dem Zuschauer.

Wie schon in seinen früheren Filmen ("Tschetan, der Indianerjunge" und "Nordsee ist Mordsee") erzählt Hark Bohm auch hier wieder eine Freundschaftsgeschichte: "Die Freundschaft zwischen zwei Menschen, von denen man glaubt, dass sie gar nichts miteinander zu tun haben können. Das ist ja so ein Grundthema bei mir: Beziehungen zwischen Leuten, von denen man das Gefühl haben muss, dass sie nach Rasse und kultureller Tradition sich eben überhaupt nicht verständigen können. Die Geschichte des Films ist entstanden, weil ich gelesen habe, dass Elche durch die Elbe geschwommen sind und die Bundesrepublik durchquert haben. Dabei sind sie immer irgendwie auf der Autobahn überfahren worden. Man ist für bestimmte Themen sensibilisiert: Ich interessiere mich eben für all das, was man neuerdings Ökologie nennt." (Hark Bohm)

Neben den Szenen mit dem Elch, die dem Film eine gewisse Attraktivität verleihen und getrost noch mehr hätten ausgespielt werden können, stehen Episoden, die wenig integriert erscheinen: So werden zwei Journalisten, die eine Reportage über den Elch machen wollen, angegriffen und gefesselt; oder die beiden 17-Jährigen geraten in eine geldgierige Jesus-People-Sekte, die sich ungestraft bereichern darf, während eine alternative Kfz-Werkstatt, die sich um arbeitslose Jugendliche kümmert, von den Staatsschützern observiert wird. Solch simple Schwarz-Weiß-Malerei ist allerdings wenig hilfreich und hat in einem Jugendfilm keinen Platz: Vorurteile sind nicht durch neue Vorurteile zu ersetzen, da scheint Hark Bohm sein jugendliches Kino-Publikum dann doch zu unterschätzen.

Während er damit dem Film eher schadet, baut er andererseits immer wieder Anleihen des amerikanischen Action-Films ein, zu denen er sich offen bekennt, denn nur so kann er sein Zielpublikum der 15- bis 20-Jährigen erreichen und auch ansprechen. Indem sich Hark Bohm dieser Anleihen gezielt und bewusst bedient, unterwirft er sich ihnen nicht, sondern benutzt sie, um so den eingeübten Sehgewohnheiten der Jugendlichen gerecht zu werden. Hark Bohm kennt die Bilder, die bei Jugendlichen durch die Köpfe spuken, das sieht dann nach Werbefilm und "Geschmacksspekulation" aus, trifft aber genau: "Im Herzen des Hurrican" ist trotz der platten Nebenepisoden ein spannender, humorvoller und hilfreicher Film – nicht nur für Jugendliche.

Manfred Hobsch

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 2-1/1980 - Film in der Diskussion - Mit Hauptschülern "Im Herzen des Hurrican"

 

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