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Ausgabe 4-4/1980

EIN REIZENDER FRATZ

LITTLE MISS MARKER

Produktion: Universal Pictures 1979 – Drehbuch und Regie: Walter Bernstein, nach einer Story von Damon Runyon – Kamera: Philip Lathrop – Musik: Henry Mancini – Darsteller: Walter Matthau, Julie Andrews, Tony Curtis, Bob Newhart, Lee Grant, Sara Stimson – Länge: 103 Minuten – Farbe – 35mm-Verleih: Cinema Internation Corporation – FSK: ab 12 J., ffr.

Die Neuverfilmung eines schon einmal im Kino erfolgreichen Stoffes ist bei Filmproduzenten sehr beliebt, denn das Risiko scheint geringer und der Erfolg an der Kinokasse sicher. Doch der Erfolg eines Remakes hängt nicht allein vom bewährten Stoff ab, es bedarf auch gelungener Darstellerleistungen und kongenialer Regisseure, soll mehr erreicht werden als nur die Nachbildung eines Vorläufers. Zu den spektakulärsten Wiederverfilmungen der letzten Jahre gehörte "King Kong" (1933, Ernest B. Schoedsack – 1976, John Guillermin) und zu den am wenigsten erfolgreichen "Der Champ" (1931, King Vidor – 1978, Franco Zeffirelli).

Auch bei dem Film "Ein reizender Fratz", der 1979 von Walter Bernstein realisiert wurde, setzte man auf die Wiederholung früherer Erfolge: Als Damon Runyon 1932 seine Kurzgeschichte "Die kleine Miss Marker" in "Collier's Magazine" veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, dass dieser Stoff in den darauf folgenden 47 Jahren insgesamt viermal Drehbuchvorlage für Kinofilme sein würde. Bei der Erstverfilmung der Vorlage (1934, Alexander Hall) war Shirley Temple als "Little Miss Marker" der (Kinder-)Star, den Sorrowful Jones spielte Adolphe Menjou. 1949 hieß der Hauptdarsteller Bob Hope ("Kindermädchen wider Willen", Sidney Lanfield) und 14 Jahre danach hat sich Norman Jewison der Story angenommen und mit Tony Curtis im Titelpart ein rechtes Rührstück inszeniert: "Ein Rucksack voller Ärger".

Bereits seit 20 Jahren soll Walter Matthau mit dem Stoff von Damon Runyon geliebäugelt haben, ehe er seine Verfilmungswünsche realisiert sah: Als Hauptdarsteller und Co-Produzent des Films sprach er sich für Walter Bernstein als Autor und Regisseur aus. Walter Bernstein, einer der erfolgreichsten Drehbuchautoren Hollywoods ("Der Mann, der herrschen wollte", "Die Dame und der Killer"), der in den Jahren 1950-58 auf der "schwarzen Liste" stand (und seine Erfahrungen aus dieser Zeit in dem Woody-Allen-Film "Der Strohmann" zusammenfasste), hat mit dem Film "Ein reizender Fratz" sein Debüt als Regisseur.

Die Geschichte spielt im New York des Depressionsjahres 1934: Sorrowful Jones (Walter Matthau) ist ein mürrischer und geiziger Buchmacher, der seine Wettgeschäfte im Hinterzimmer eines Süßwarenladens abwickelt und hin und wieder bei nicht ganz astreinen Geschäften von einem anderen Gauner übers Ohr gehauen wird. Einer dieser Ganoven ist Blackie (Tony Curtis) – Sorrowful: "Blackie, ich konnte dich schon nicht leiden, als du ein Kind warst, und als Erwachsener bist du auch nicht besser geworden!" – der 50.000 Dollar braucht, weil er einen illegalen Spielclub aufziehen will.

Und in dieser prekären Situation erhält Sorrowful Jones von einem zahlungsunfähigen Kunden "die kleine Miss Marker" – ein etwa sechsjähriges und vorlautes Mädchen – als Pfand für eine 10-Dollar-Wette. Die Mutter der Kleinen ist schon früher auf und davon, und Sorrowful Jones wartet vergeblich auf die Rückkehr des Vaters: Der Herr Papa hat Selbstmord begangen – also behält der Buchmacher das kleine Mädchen, zumal er sich dem kindlichen Charme nur schwer entziehen kann. Als die Polizei auf der Suche nach der Kleinen ist, um sie in ein Waisenhaus zu bringen, verschweigt Sorrowful ihre Anwesenheit.

Sorrowful nimmt die Kleine überall mit hin, zu Pferderennen, ins Wettbüro und auch in Blackies illegalen Spielclub, den er recht widerwillig mitfinanziert hat: Dort lernt er die Witwe Amanda Worthington (Julie Andrews) kennen, die entsetzt ist, wie er mit dem Mädchen umgeht. Von nun an kümmert sie sich ein wenig um die Erziehung der Kleinen. Diese herzliche Beziehung zwischen Sorrowful, Amanda und dem Mädchen verärgert den Ganoven Blackie, der sich rächen will und der Polizei das Versteck der kleinen Miss Marker verrät. Um zu verhindern, dass das Mädchen ins Waisenhaus eingeliefert wird, gibt es nur einen Ausweg – der überzeugte Junggeselle Jones muss Amanda heiraten, denn die Kleine soll ja in einer richtigen Familie aufwachsen.

Das klingt nun alles nach lieb-nettem Familienfilm für Jung und Alt, bei dem viel Sentiment und Rührung zur Wirkung kommt, doch Walter Bernstein hat die Sache besser in Griff bekommen, als jede Inhaltsbeschreibung vermuten lässt: Zugegeben, der Film mag unzeitgemäß wirken, aber Walter Matthau ist geradezu eine Idealbesetzung für die Rolle des Sorrowful Jones – Sorrowful heißt ja in der Übersetzung sorgenvoll und genauso sieht Matthau auch aus – und an seiner lebensecht-überzeugenden Darstellung hängt der ganze Film, bei dem Oberflächlichkeit und Sentimentalität vermieden wurden.

Die grundsätzliche Schwierigkeit bei Film-Geschichten, in denen Kinder im Mittelpunkt stehen, ist die Gestaltung der Kinderrollen: Bei der Suche nach einem geeigneten Kind – fast 5000 Mädchen bewarben sich – wurde bewusst jede Ähnlichkeit mit Shirley Temple vermieden, und tatsächlich ist die siebenjährige Sara Stimson ein ganz natürliches Mädchen, das die Gefühle offen zeigen kann. Die kleine Sara wurde nicht mit Erwachsenen-Attributen versehen und darf auch nicht neunmalklug daherschwätzen – wie dies oft in den Filmen von Mary Pickford und Shirley Temple der Fall war – sie spielt das freche Mädchen alters- und kindgemäß.

Manfred Hobsch

 

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