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Ausgabe 5-1/1981

Das erste deutsche Musical mit Kindern

Gespräch mit Gloria Behrens zu "Rosi und die große Stadt"

(Interview zum Film ROSI UND DIE GROSSE STADT)

"Rosi und die große Stadt" erzählt die Geschichte der zwölfjährigen Rosi, die mit ihrem Bruder und ihrem Vater nach dessen Scheidung aus der bayerischen Provinz in die Großstadt Berlin gezogen ist.
Ihr Bruder Bepi fährt voll auf das Großstadtleben ab – "große Stadt ... buntes Leben ... flotte Bienen".
Rosi hasst die graue, bedrohliche Stadt, sie hat Heimweh. Alles ist ihr mehr als fremd. In ihrem Viertel versteht sie zunächst weder die türkischen noch die Berliner Kinder. Trotzdem oder gerade deswegen arbeitet sie in einem Türkenladen als Ausfahrerin, um das Geld für eine Fahrkarte nach Bayern zu sparen. Schließlich freundet sie sich mit Ayla, einem türkischen Mädchen, und Jutta aus Berlin an. Eingewöhnen kann sie sich aber nicht so richtig. Denn die Schwierigkeiten in der Schule und zuhause hören nicht auf.
An einem Abend ziehen die drei Freundinnen ohne das Wissen ihrer Eltern los, neugierig auf das "bunte Leben": ein abenteuerlicher Streifzug durch Berlin, von Kreuzberg über den Kudamm, in eine Rock'n' Roll selige Spielhölle und in die leere U-Bahn. Die Nacht voller Erlebnisse und Überraschungen nimmt für alle ein unerwartetes Ende." (Produktionsmitteilung)

"Rosi und die große Stadt" ist das erste deutsche Musical mit Kindern und über Kinder. Mit Gloria Behrens, der Regisseurin des Films, sprach Hans Strobel von der Redaktion der Kinder/Jugendfilmkorrespondenz (KJK).

KJK: Durch welche Erfahrungen und Überlegungen bist Du auf die Idee gekommen, ein Kinderfilm-Musical zu machen?
Gloria Behrens: "Seit 10 Jahren mache ich Filme für und mit Kindern und Jugendlichen. Die Grundlage dafür waren immer Beobachtungen, Gespräche, Arbeit, Unternehmungen mit ihnen. Dabei ist mir aufgefallen, dass Kinder z. B. gängige deutsche Schlager nehmen und die Texte umdichten. Das hat mich interessiert, und ich habe sie dann einfach auf Kassette solche Schlager oder auch Kinderverse aufsprechen und singen lassen. Da kamen witzige Sachen heraus, z. B. erinnere ich mich an einen Schlager von Peter Alexander 'Hier ist ein Mensch ...' da haben die Kinder draus gemacht, 'hier ist ein Mensch, der muss aufs Klo, gib ihm Papier und mach ihn froh.' Dann haben die Kinder immer amerikanische und englische Rock/Popmusik gehört, aber da haben sie die Texte nicht verstanden, sondern das war die Musik, die ihnen sozusagen in die Beine ging, wo sie sich dazu bewegt haben, die Musik, die ihnen gefiel, aber singen konnten sie die Lieder nicht. Mit Rainer Gansera, der auch die Liedtexte für 'Rosi und die große Stadt' geschrieben hat, haben wir dann gemeinsam überlegt, dass man für Kinder eigentlich Texte und Lieder machen müsste, die mehr mit ihnen zu tun haben. Also, dass es deutsche Texte und Lieder gibt, die davon ausgehen, was in der Schule los ist oder was Jungen und Mädchen voneinander denken und sich an den Kopf werfen wollen, und dass es aber eine Musik sein sollte, die davon ausgeht, was ihnen gefällt – so ist dann der Wolfgang Dauner dazugekommen.
Wenn man viel mit Kindern zusammen ist, kann man beobachten, dass sie alles, was sie machen, in ein Spiel umwandeln. Also, wenn sie von der Schule heimgehen, dann gehen sie nicht einfach, sondern sie hüpfen oder geben sich Regeln, dass sie nicht auf den Strich der Steinplatten treten dürfen, oder sie gehen im Rhythmus zu Kinderversen, wo sie was Bestimmtes dazu machen müssen. Das ist der andere Ansatzpunkt gewesen, solche Bewegungsformen bewusst einzusetzen, sie weiter zu entwickeln ..."

Hattest Du irgendwelche Vorbilder?
"Vorbilder, ja, alle Musicals, die ich kenne, sind auf eine bestimmte Art Vorbilder. Wir haben uns (der Komponist, die Choreografen, der Kameramann, der Liedtexter, die Ausstatterin) gezielt damit vorbereitet. Was wir an Filmmusicals bekommen konnten, haben wir uns angeschaut und darüber geredet, genauer herausgefunden, wie sie gemacht sind, und uns dann drüber verständigt, wie wir arbeiten wollen. – Und dann gibt es auch keine Vorbilder, denn ein Filmmusical mit Kindern, ich meine, in dem Kinder und ihre Welt im Mittelpunkt stehen, hat es in Deutschland überhaupt noch nicht gegeben (selbst Musicals nicht, denn was es gab, waren höchstens Revuefilme oder Musikfilme mit Caterina Valente, Peter Alexander, später dann Peter Kraus, Conny ...). Dann gab es 'Bugsy Malone', wo Kinder aber völlig in die Rollen von Erwachsenen schlüpften, das war bei diesem Film gerade die Konzeption. Also auch kein Vorbild, in dem Sinn, dass wir so etwas machen wollten. Wir konnten dabei höchstens sehen, wie haben die mit Kindern gearbeitet, was haben die denen abverlangt. Also haben wir uns immer auch in der Abgrenzung zu diesen Vorbildern befunden, nicht um etwas total anderes zu machen, sondern weil wir von anderen Voraussetzungen und auch Zielen ausgingen ..."

Wie hast Du Deine Hauptdarsteller gefunden? Nach welchen Kriterien hast Du ausgewählt?
"Es gibt drei Hauptfiguren im Film: Rosi und die beiden Freundinnen, die sie findet – Jutta, die Berlinerin, und Ayla, das türkische Mädchen. Rosi kannte ich schon drei Jahre, sie hat auch schon in einem anderen Film mitgespielt. Auf sie wurde das Drehbuch fast zugeschrieben. Ich hatte sie beim Schreiben vor Augen und wurde durch sie beeinflusst. Die beiden anderen Mädchen habe ich in Berlin gesucht und sie schließlich mit Hilfe von türkischen und deutschen Lehrern und durch unendlich viele Schulbesuche gefunden. Wichtig war, dass sie für die Rolle aufgrund des Typs und der Ausstrahlung passten. Ich bin also nicht in Ballettschulen gegangen oder in Kinderchors, sondern habe mir unter den Kindern, die ich gesehen habe, und es waren unendlich viele, dann die zwei rausgesucht, wo ich dachte, die passen dafür. Die Wahl war von Anfang an sehr eindeutig."

Wie wurden die Kinder auf die Dreharbeiten vorbereitet (für die Tanzszenen, für die Musikszenen)?
Die 'Hauptkinder', die drei Mädchen, zwei Berliner Jungen und ein türkischer machten ein dreiviertel Jahr vor Drehbeginn zuerst einmal einen zweiwöchigen Workshop mit Sigrid Herzog und Jango Edwards, den beiden Choreografen. Sie trainierten akrobatische, rhythmische und tänzerische Fähigkeiten. Sie sollten aber nicht zu perfekten Tänzern ausgebildet werden – das wäre in dieser kurzen Zeit niemals zu leisten gewesen – sondern eine Kontrolle über ihren Körper und ihr rhythmisches Gefühl erzielen, so dass sie in der Lage waren, einfache Bewegungsabläufe bewusst und zur Musik exakt wiederzugeben. Nach diesem ersten Workshop hatten sie zwei bis drei Mal die Woche Training. Während die Kinder, die in der Schulklasse mitspielten, ab Herbst jede Woche zwei Stunden hatten, eine Akrobatik, eine Tanz, in den Ferien jeweils intensiver. Zwei Monate vor Drehbeginn erfolgte dann die unmittelbare Einstudierung von dem, was die Kinder zu den verschiedenen Liedern machen sollten. Die Musik bzw. die Lieder waren im Studio mit anderen Stimmen als Playbacks aufgenommen, und alle Kinder bekamen die Texte und die Musik-Kassetten von den Nummern, bei denen sie mitmachten oder sangen. Sie haben dann zuhause einfach die Texte gelernt und die Lieder dazu angehört, bis sie sie zu den Playbackstimmen mitsingen konnten. Zusammen mit dem, was an Bewegung, Tanz, Spiel bei den Nummern gemacht werden sollte, haben wir Proben gemacht, die z. T. auch mit Video aufgezeichnet wurden, so dass die Kinder sich auch selbst sehen konnten."

Welchen Einfluss bzw. Mitwirkungsmöglichkeiten hatten die Kinder auf die Gestaltung des Films?
"Die Kinder hatten etwa den Einfluss, den auch Schauspieler haben, also wir haben versucht, uns gegenseitig ernst zu nehmen, und wenn jemand was nicht gefallen hat, hat er es gesagt oder wir haben bei den Proben drüber geredet, was sie passieren soll und warum, und versucht, es gemeinsam umzusetzen. Wir haben zusammengearbeitet und manchmal haben wir uns auch heftig gestritten."

Wie lange dauerten die Vorbereitungsarbeiten, die Dreharbeiten, die gesamte Produktionszeit?
"Das Drehbuch ist im Sommer 1978 entstanden, die unmittelbaren Vorbereitungen begannen im Frühjahr 1979: Leute finden, die mitarbeiten, die Konzeption zu erarbeiten, im Juni habe ich die Kinder gesucht, und dann gingen schon die Workshops, das Training los. Die Liedtexte mussten geschrieben werden, die Musik komponiert und immer wieder sich gemeinsam klar werden, was und wie wir es konkret umsetzen wollten. Von den Bereichen Musik, Liedtext, Choreografie, Ausstattung, Kamera, Regie mussten wir wirklich aufeinander zuarbeiten. Ab Mitte Januar 1980 etwa begannen die Proben für den Film und Mitte März bis Ende Mai 80 dauerten die Dreharbeiten. Ganz fertig wird er erst Anfang März 1981."

Welche Schwierigkeiten ergaben sich aus der Filmarbeit mit den Kindern?

"Für die Kinder war sicherlich am schwierigsten, diese lange Vorbereitungszeit und dann noch die neun Wochen Drehzeit überhaupt durchzuhalten, nicht die Lust völlig zu verlieren, bis es richtig klappt – die Abläufe von den Musiknummern immer und immer zu wiederholen, beim Proben und dann beim Drehen, und dabei auch noch spielerisch mit dem Gesang und den Bewegungen etwas auszudrücken, eine Stimmung oder eine Haltung zur Darstellung zu bringen, etwas zu erzählen, zu präsentieren. Dabei hatten sie oft noch Schule und mussten die Filmarbeit 'nebenher' machen. Da wäre wichtig zu erreichen, wenn mehr Kinderfilme hier gemacht werden sollen, dass zumindest die Hauptpersonen nicht mit Schule und Dreharbeiten belastet werden, sondern dass die Behörden die Kinder für diesen Zeitraum von der Schule befreien, sie möglicherweise Privatstunden haben und später einen Nachhilfelehrer, der den Stoff, den sie versäumt haben, mit ihnen aufholt. Da wäre den Kindern, der Arbeit am Film und auch dem Lernen in der Schule sehr geholfen."

Wie wurde der Film finanziert?
"Der Film hatte eine Prämie des Kuratoriums Junger Deutscher Film, des Bundesministerium des Innern, der Filmförderungsanstalt, Berlinmittel und Fernsehbeteiligung. Die Eigenmittel bestanden aus den Rückstellungen der tura-film und Gagenrückstellungen von mir. Die Gesamtproduktionssumme beläuft sich auf ca. 1,5 Mill."

Welche Probleme ergeben sich, einen Kinderfilm in der BRD in die Kinos zu bringen? Welche Filmwirtschaftsstruktur brauchen die Kinderfilm-Macher bei uns, um gut arbeiten zu können?"
"Es ist ja überhaupt schwierig, Filme in die Kinos zu bringen, das heißt, einen Verleih zu finden. Mit deutschen Kinderfilmen gibt es bisher kaum Erfahrungen, weil es bisher fast keine deutschen Kinderfilme gab. Darüber hinaus taucht gleich die Frage von Seiten der Kinobesitzer und Verleiher auf, ja und wer geht abends in den Film? Ein Kinderfilm braucht einfach ein anderes Sich-drum-kümmern. So ein Film soll nicht nur in den paar Großstädten laufen, sondern auch in die Mittel- und Kleinstädte gelangen und so weit ich informiert bin, haben da nur die ganz großen Verleiher, vorwiegend die amerikanischen, die Möglichkeiten, und die haben an einem deutschen Kinderfilm kaum Interesse, weil sie sich kein großes Geschäft versprechen und diese besondere Arbeit nicht leisten wollen. Sie müssten Risiken eingehen und sich eben anders für den Film einsetzen, als sie es üblicherweise tun. Dafür sind bei ihnen die Strukturen ebenso wie in der gängigen Filmproduktion viel zu verfestigt. Die kleineren Verleihe gehen das Risiko eher ein, aber der Vertrieb ist vielleicht so kostenintensiv, dass sie einen größeren finanziellen Spielraum bräuchten. Der Vertrieb von Kinderfilmen müsste also mit größeren Prämien ausgestattet werden, so dass davon z. B. eine Person bezahlt werden könnte, die sich nur um diesen einen Film kümmert. Auch könnte man sich eine zentrale Institution vorstellen, die sich nur darum kümmert. Es gilt für die Produktion und den Vertrieb von Kinderfilmen, da beides unter besonderen und erschwerten Bedingungen stattfindet."

Interview: Hans Strobel


Gloria Behrens, geb. 1948 in Ludwigsburg;1967-70 Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film, München; seitdem Arbeit als Regisseurin und Autorin von verschiedenen Kinder- und Jugend(spiel)filmen; lebt in München.

Filmografie:

1970-72 "Die Kinder vom Hasenbergl", fünfteilige, 50-minütige TV-Serie
1973 "Und wer küsst mich? Wie ist das mit 16", jeweils 50 Min.
1974 "Fünf Mädchen" – 1. und 2. Geschichte, 60 Min. und 70 Min.
1975 "Geschichten vom Lehrling Franz und seinen Freunden", Teil 1-4, je 30 Min.
1976 "Ich kann nicht mehr sehen", Dokumentarfilm, 30 Min.
1977 "Moni", ca. 50 Min.
1978 "Walter und die neue Angel", ca. 50 Min.
1979 "Martin", ca. 50 Min.
1981 "Rosi und die große Stadt", 90 Min.

 

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