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Ausgabe 54-2/1993

"Ich wollte keinen Problemfilm machen"

Gespräch mit Juraj Herz, Regisseur, und Therese Herz, Hauptdarstellerin des Films "Die dumme Augustine"

(Interview zum Film DIE DUMME AUGUSTINE)

Bio-Filmografie
Juraj Herz, geb. 1934 in Kezmarok (Slowakei), Studium der Fotografie in Bratislava und Puppenspiel an der FAMU in Prag, Regisseur und Schauspieler am Prager Theater Semafor, 1961 Regieassistent im Filmstudio Barrandov, 1965 erste eigene Regie beim Kurzspielfilm Gesammelte Rohheiten, 1968 Oscar-Nominierung für den Film "Der Leichenverbrenner", in der Tschechoslowakei Regie bei insgesamt 23 – häufig preisgekrönten – Filmen, 1987 Übersiedlung nach München – Filme (Auswahl): "Eine standesgemäße Ehe" (1970), "Morgiana" (1971), "Ein Tag für meine Liebe" (1976), "Das neunte Herz" (1977), "Die Jungfrau und das Ungeheuer" (1978), "Galoschen des Glücks" (1985), "Die dumme Augustine" (1992)
Therese Herz, geb. 1960 in Prag, Ausbildung am Tanzkonservatorium Prag, Solotänzerin des Theaters Laterna Magica, Schauspielerin an verschiedenen Prager Theatern, u. a. Titelrolle in "Alice im Wunderland", und in zahlreichen Fernsehinszenierungen und Filmen, u. a. "Liebe zwischen Regentropfen" (1978), "Märchen vom Sonnenkönig" (1982), "Galoschen des Glücks" (1985), "Gagman" (1986), "Der Froschkönig" (1990), "Die dumme Augustine" (1992)

KJK: Was hat Sie an dem Buch "Die dumme Augustine" von Otfried Preußler und Herbert Lentz fasziniert und inspiriert?
Juraj Herz: "Ich sah eine Gelegenheit für meine Frau, eine Paraderolle zu spielen. Ich habe nach einem Thema für sie gesucht. Das bedeutet nicht, dass sie nur in Kinderfilmen spielt. Aber sie ist eine Komödiantin, und es ist sehr schwer, etwas zu finden, wo man sein komödiantisches Talent ausdrücken kann. Sie hat schon einmal eine Hauptrolle bei mir gespielt, das war in Gagman (über die Anfänge der Hollywood-Stummfilmzeit). Da spielte sie ein junges Mädchen, das in Hollywood aufsteigt."

Wenn Sie eine Geschichte als Vorlage haben, ist es für Sie wichtig, viel Eigenes einzubringen?
Juraj Herz: "Auf jeden Fall. Wenn ich ein fast fertiges Drehbuch – Drehbücher sind übrigens niemals fertig – von einem Fremden bekomme, dann schreibe ich es immer so um, wie ich es mir vorstelle."

Das Buch birgt viel Naivität. Spiegelt das der Film wider?
Juraj Herz: "Ja, wir wollten das auf jeden Fall. Es war meine Absicht, dass alles lieb und naiv wirkt. Die Grundidee, die schon von Otfried Preußler kam, die ist naiv. Es funktioniert alles aus der Sicht der Kinder, dass ein Clown im Leben eben auch ein Clown bleibt, dass er schlafen geht mit der roten Nase. Nur ein Kind kann sich vorstellen, wenn es Leute vom Zirkus sieht, dass sie auch im Leben exakt so agieren. Der Zauberer ist eben auch im Leben ein Zauberer. Das ist eine naive Sicht, die wir behalten haben."

Ist es Ihnen, Frau Herz, denn leicht gefallen, sich in die Rolle der Augustine hineinzuleben?
Therese Herz: "Es ist mir nicht leicht gefallen, weil es schrecklich schwer ist, eine komödiantische Rolle zu spielen. Es ist ungleich viel schwerer zu spielen, als im Film krank oder verliebt zu sein oder zu sterben. Ich habe Nächte schlecht geschlafen, weil ich immer unter dem Zwang stand, witzig zu sein."
Juraj Herz: "Auch ich hatte Angst. Aber ich habe die Angst verloren, als wir entdeckten, wie Augustine aussehen soll. Als wir die Kostüme, die Maske hatten, da sah ich die Therese und sagte, wunderbar, jetzt haben wir es. Auf der Maske kann man immer aufbauen, wenn man sich etwas anzieht, dann bewegt man sich ganz anders."
Therese Herz: "Juraj hat eine Vorstellung gehabt und dort wollte er mich haben. Und ich lasse mich natürlich führen. Aber ich hatte große Angst vor Bernhard Paul. Er ist ein Clown, er spielt im Zirkus, er erfindet selber Witze. Und er weiß, wie die Kinder und die Leute darauf reagieren."
Juraj Herz: "Auf der anderen Seite hatte es Therese leichter beim Drehen als Bernhard Paul, weil sie ihre Rolle hatte. Er spielt ja seit 20 Jahren Clown – für das ganze Zelt. Vor der Kamera ist es ihm extrem schwer gefallen, das zu machen, was ich wollte: wenig spielen, reduzieren, nicht für die ganze Manege den Clown mimen. Zu wissen, was ein Detail ist. Ich war die ersten Tage verzweifelt, ich wusste nicht, wie ich ihn in den Kasten bekomme."

Wo wurde der Film gedreht?
Juraj Herz: Wir haben in Zlín (früher Gottwaldov – d. Red.), einer Stadt in Mähren, gedreht – eine ausgefallene Stadt, weil der Gründer Thomas Bata, der Schuhfabrikant, dort in den 30er-Jahren eine neue Stadt nach amerikanischem Vorbild gebaut hat. Er hat die ganze Gegend umgestaltet. Das war phänomenal, er hat sich dort alles gebaut. Auch einen Flughafen, und eben ein Filmstudio für seine Werbefilme. Dieses Studio wurde dann ein sehr bekanntes Kinderfilmstudio, wo man vor allem Trickfilme produzierte. Ich wollte dorthin, um die Möglichkeiten zu nutzen."

Ist Ihr Film auch eine Hommage an vergangene Zirkus-Zeiten?

Juraj Herz: "Ja sicher, auch an vergangene Zeiten, aber es gibt ja auch ein Vorbild aus diesen Tagen, den Zirkus Roncalli. Meine Frau mochte keinen Zirkus. Aber als wir nach München kamen, sagte ich ihr, da ist heute Abend ein Zirkus, den musst du sehen, das ist etwas anderes. Und sie war das erste Mal begeistert. Das war Jahre vor dem Film, da wussten wir noch gar nicht, dass wir einen Zirkusfilm drehen würden."

Therese Herz: "Es gibt aber auch eine ganz andere Art von Zirkus. Als wir die 'Augustine' gedreht haben, sind wir auch in den Zirkus gegangen, da waren wir im 'Krone'. Das war wirklich furchtbar. Es war peinlich. 'Roncalli' dagegen ist eine Märchenwelt, die eigenen Gesetzen folgt, angefangen mit den Kostümen. Keine einzige peinliche Nummer."
Juraj Herz: "Das hat aber auch ein Mann bewirkt, der Zirkus mit anderen Augen ansah: Bernhard Paul. Er hat den Zirkus so aufgebaut, wie er in seiner Vorstellung existierte."

Haben Sie bewusst die Peinlichkeiten des konventionellen Zirkus vermieden?
Juraj Herz: "Ja, natürlich. Ich habe nur eine sogenannte Peinlichkeit gelassen, das ist die Figur des Zauberers. Das ist gezielt. Er ist der Gegenspieler des Clowns. Diese Figur ist im Buch nicht enthalten. Wir brauchten eine schwarze Figur, einen Rivalen. Einen Wettstreiter um die Zuneigung des Publikums. Auch im besten Zirkus herrscht ein großer Ehrgeiz im Kampf um den Applaus. Das ist wie im Theater."

Warum zum Schluss die versöhnliche Geste?
Juraj Herz: "Das ist ein Kinderfilm. Ich wollte keinen Problemfilm machen. Es sollte positiv ausgehen, die Kinder sollten was zum Lächeln haben."
Therese Herz: "Ich gehe immer wieder mit meiner Tochter ins Kino, in Kinderfilme wohlgemerkt. Und trotzdem haben sie immer eine aggressive Grundstimmung. Bei uns gibt es auch den Bösewicht, aber er ist irgendwie komisch. Ich war überrascht, wie aggressiv 'Die Schöne und das Biest' war. Das macht Kinder wütend, die kommen dann in den Kindergarten und sagen zueinander 'Stirb!'. Das wollten wir vermeiden."

Gibt es bei der "Dummen Augustine" eine beabsichtigte Ähnlichkeit mit Chaplin-Filmen, vor allem in der Bewegung der Figuren?
Juraj Herz: "Das kommt daher, weil wir mit einem 16-Bild-Film gedreht haben. Das war ja in der Stummfilm-Ära üblich. Wenn jetzt 16 Bilder auf 24 Bilder pro Sekunde projiziert werden, wirkt das zackig. Das wollten wir so."

Also eine Reminiszenz an die Stummfilmzeit?
Juraj Herz: "Ich habe es nicht gern, wenn im Film viel geredet wird. Im Kino soll man schauen. Leider wird in den meisten Filmen zuviel geredet."

Ihr Film wirkt eher wie das Gegenteil einer aalglatten Hollywood-Produktion. Was ist Ihr künstlerischer Anspruch? Was halten Sie von einem Film wie "Die unendliche Geschichte"?
Juraj Herz: "Sie sprechen einen Film an, der leblos war. Ich hatte freilich nicht genügend Geld. Wenn ich viel mehr Geld hätte, gäbe es vielleicht auch einen gigantischen Film, aber er würde Wärme ausstrahlen. Wenn ich ein paar Millionen mehr hätte, würde ich immer versuchen, den Charme einer kleinen Produktion zu erhalten. Sie wissen ja, dass man ohne Fernsehen keinen Film mehr drehen kann; da kommt das Geld her. In der Tschechoslowakei war das anders. Ich habe dort 23 Filme gedreht. Wenn ich gesagt habe, ich will so einen Film drehen, dann hat man mir schon geglaubt, dass er gut wird. Da zog natürlich mein Name. Vor fünf Jahren musste ich in Deutschland wieder von vorne anfangen. Die Leute hier haben Angst vor Risiko. Da muss ich sie eben mit einem kleinen Film überzeugen. Der Film ist finanziert worden vom ZDF (Anm.: fürs Kino konzipiert, kommt in 2-3 Jahren im Fernsehen) und mit Fördergeldern. Für das Geld von der 'Unendlichen Geschichte' mache ich zwanzig Filme wie die 'Augustine'. Das heißt nicht, dass ich nicht Lust hätte auf Mega-Produktionen."

Was ist der Unterschied beim Filmemachen zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei?
Juraj Herz: "Jetzt gibt es kaum mehr einen Unterschied. Der war früher sehr viel größer. Ich war 23 Jahre angestellt in einer Fabrik, einem Filmstudio. Ich bekam mein Gehalt, ob ich drehte oder nicht. Dann wurden wir auch noch für den Film bezahlt. Wir mussten nicht bangen, ob wir drehen werden oder nicht. Es gab Schwierigkeiten mit den Drehbüchern. Aber wenn das Drehbuch angenommen war, dann hat man es gedreht. Alle Leute im Filmstudio waren professionell, dort war alles konzentriert, man gab nichts außer Haus. Dort wurden alle Sachen erledigt, ohne dass ich mich um so etwas wie Negativ kümmern musste. Der Film wurde geschnitten und weitergegeben. Heute fragen sie mich, was ist mit den Fußnummern, und ich bin erst mal ahnungslos. Das ist spannend, aber auch nervig. Hier in Deutschland läuft es nicht so professionell. Nach der zweiten Revolution ist die Situation in Prag ganz anders. Das Staatsstudio existiert nicht mehr. Es wurde aufgekauft, wird nicht mehr vom Staat regiert. Früher kam das Geld vom Staat, egal wie teuer der Film war. Wenn das akzeptierte Drehbuch soviel verschlang, dann bekam man es auch. Jetzt muss man Sponsoren suchen. Damals haben wir im Jahr dreißig Filme gedreht, jetzt drehen sie drei bis fünf. Viele Filmleute sind weggegangen."

Wie sehen Sie die Zukunft des tschechoslowakischen Kinderfilms?
Juraj Herz: "Kinderfilme haben früher Regisseure gedreht, die keine politischen Filme drehen wollten oder konnten. Jetzt dürfen sie natürlich andere Sachen machen. Außerdem bringt ein Kinderfilm nicht so viel Geld auf einmal herein. Für die Zukunft sehe ich da schwarz. Der tschechoslowakische Kinderfilm war ja deshalb so gut, weil dort die Besten, die Könner, einen Kinderfilm gedreht haben. Hier ist es umgekehrt. Hier wird der Kinderfilm oft als Versuchskaninchen für kommende Regisseure missbraucht, weil man glaubt, ein Kinderfilm sei einfacher zu machen."

Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit den Kinder-Darstellern?
Juraj Herz: "Das ist immer schwierig. Jedes Kind ist ein Laie und kein professioneller Schauspieler. Da muss man viel vorspielen, zeigen. Wenn sie lachen sollen, sagen sie, das ist überhaupt nicht lustig. Mit Kindern zu arbeiten, ist für mich nicht einfach. Ich arbeite lieber mit Erwachsenen. Der Reiz am Kinderfilm in Deutschland ist, dass man wegkommt von den typischen Fernseh-Serien und -Spielen. Ein Film soll ein Phantasiegebilde sein und keine Kopie davon, was sich im Supermarkt oder bei den 'Guldenburgs' abspielt, sondern ein Kunstwerk mit Stil, etwas Märchenhaftes. Auch für die Akteure hat das großen Reiz, weil sie solche stilisierten Fabel-Figuren ganz selten spielen können. Ich glaube, 'Die dumme Augustine' hat es nicht schwer, bei einem breiten Kinderpublikum anzukommen. Einen Kinderfilm kann man nicht für sich machen, er muss publikumsorientiert sein. Es gibt ja auch einen Grund, warum viele deutsche Regisseure ihr Publikum verscheucht haben. Sie haben die Filme für sich gedreht – mit Träumen und Ideen, die niemanden interessieren."

Und Ihre Zukunftspläne?
Juraj Herz: "Als nächstes kommt was ganz anderes: Die Serie 'Vision 2000', es geht um Menschen im Gespräch mit Max Schell, Havel, Schewardnadse oder Norman Mailer. Das drehen wir fürs Fernsehen. Dann möchte ich einen Film über die Geliebte von Boris Pasternak machen, sie war das Vorbild für die weibliche Hauptrolle in 'Dr. Schiwago'."

Können Sie sich in Deutschland verwirklichen?
Juraj Herz: "Auf jeden Fall!"

Das Gespräch führte Katja Nele Bode

 

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