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Ausgabe 9-1/1982

Können Kinderfilme alt werden? Oder: "Das doppelte Lottchen" heute

(Film in der Diskussion zum Film DAS DOPPELTE LOTTCHEN – 1950)

Lotte Körner und Luise Palfy lernen sich im Ferienlager kennen und stellen zu ihrer Verblüffung fest, dass sie sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Sie finden heraus, dass sie Zwillingsschwestern sind und dass ihre Eltern sich kurz nach ihrer Geburt scheiden ließen. Um mehr über sich zu erfahren, beschließen sie, sich "auszutauschen": Lotte soll als Luise zum Vater, Luise als Lotte zur Mutter zurückkehren. Die schwierigsten Situationen werden gemeistert, bis schließlich alles herauskommt und es den beiden Mädchen gelingt, ihre Eltern wieder zusammenzubringen.

Können Kinderfilme alt werden? Oder: "Das doppelte Lottchen" heute

Können Kinderfilme alt werden? Ich würde diese Frage mit "jein" beantworten -Kinderfilme werden in der Regel nicht so rasch und hoffnungslos alt wie manche "normalen" Filme für Erwachsene. Filme, die jüngere und jüngste Zuschauer ansprechen, folgen ja auch bestimmten ästhetischen Konventionen, benützen bestimmte Stilisierungen – und werden von Autoren gemacht, die längst erwachsen sind und die Welt nicht mehr unter dem Blickwinkel sehen können, unter dem Kinder sie sehen.

Ich erinnere mich lebhaft an einige Filme aus meiner Kindheit, und ich bemühe mich, sie auch meiner sechsjährigen Tochter zu zeigen, wo immer das geht. "Das doppelte Lottchen" ist einer dieser Filme, die sich mir einprägten. Dieser Eindruck mag durch die Tatsache verstärkt worden sein, dass es in Bulgarien in den 50er-Jahren nur wenige westdeutsche Filme zu sehen gab – Staudtes "Rosen für den Staatsanwalt", "Wir Wunderkinder" von Kurt Hoffmann, und eben das "Lottchen" – und dass Filme für Kinder in den sozialistischen Ländern damals noch kaum produziert wurden. "Das doppelte Lottchen" war in Bulgarien ein Zuschauer-Erfolg, ein Kassenschlager, ja das Stadtgespräch von Sofia. Allerdings war es – ein Gespräch unter Eltern. Während "Das fliegende Klassenzimmer" oder "Emil und die Detektive" eher Kinder anregen, scheint es, das "Das doppelte Lottchen" eher die Eltern betrifft. Die Folgen einer Scheidung, und was man dagegen unternehmen kann – welches Kind wird das wohl zu einem ernsthaften Problem machen? Und der Kampf gegen die "schreckliche Rivalin", die charmante Freundin von Papa, das Fräulein Irene Gerlach – welches Mädchen würde ihren Ehrgeiz schon darauf verschwenden? Und dann, Erich Kästner selbst, am Anfang des Films – für welches Kind könnte dieser Auftritt eine Bedeutung haben?

Ich denke, die Autoren des "doppelten Lottchen" waren sich klar darüber, dass sie keinen Kinderfilm (im heutigen Sinn) machten, sondern das, was man heute "Familien-Kino" nennt. Die Geschichte der schlauen Zwillingsschwestern, die ihren unvernünftigen Eltern eine Lehre erteilen, ist für beide "Parteien" attraktiv – Kinder erhalten ein gutes Beispiel für das Engagement in Sachen Familie; und Eltern können an einem amüsanten Stoff Spaß haben, an witzigen, subtil gezeichneten Figuren, an einem ironischen Dialog. Der Regisseur des Films bemühte sich, die Prosa, die Stilistik, die Weltanschauung Erich Kästners so getreu wie möglich wiederzugeben. Das ist ihm sicherlich gelungen – wäre da nicht die spezifische, betuliche Atmosphäre der westdeutschen 50er-Jahre, gäbe es nicht diese lächelnden, munteren, optimistischen Menschen, würde nicht die Vorstellung deutlich, zwei Mädchen, die die Sympathie des Publikums erobern sollen, müssten wie kleine Erwachsene, wie kleine Frauen aussehen und sich benehmen. Heute sind die "Stars" des Kinderfilms anders: ungewöhnlicher, auch ungeschickter. Solche Kinder konnten damals bestenfalls Komparsen sein. Jutta und Isa Günther, Luise und Lotte, die zum Erfolg des Films wesentlich beitrugen, sehen eigentlich wie Teenager von heute aus – jedenfalls wirken sie viel älter als die Rollen, die sie spielen. Deshalb akzeptiert man es auch, dass die eine jeden Tag ein meisterliches Abendessen kocht, dass die andere regelmäßig in die Oper geht, und dass die beiden ihre Eltern bestrafen, indem sie sie zwingen, erneut zusammenzuleben. Besonders interessant sind eine Reihe von scheinbar nebensächlichen Episoden – wie etwa die mit dem Hund, der Luise nicht erkennt, und gerade erst hat man über den untrüglichen Instinkt von Tieren gesprochen. Solche Details sind bei Kästner zu finden, und der Regisseur hat sie nicht unterschätzt. Ich vermute, dass größere Kinder die subtile Ironie Kästners durchaus verstehen, obwohl sie in der Filminszenierung nicht auf organische Weise vorhanden ist, aber trotzdem immer wieder deutlich durchscheint.

Nach der Vorführung des Films im 'forum 2' im Münchner Olympiadorf habe ich ein paar Mädchen – im Alter etwa zwischen zehn und vierzehn – gefragt, was sie verstanden hätten. "Alles", war die lächelnde Antwort. Und was ist das, alles? "Die beiden Mädchen wechseln die Rollen, und nicht einmal die Eltern merken den Schwindel." Und meine Tochter wunderte sich, wie München damals aussah: kleine, ruhige Straßen, gelegentlich eine Straßenbahn, ein Auto, Tante-Emma-Läden. Ihr Kommentar: heute kauft man im Kaufhaus ein.

Vielleicht sind die Sechsjährigen nicht unbedingt die zuverlässigen Zuschauer, die ein Filmemacher sich wünscht. Wenn aber ein Film solche Kommentare provoziert – dann kann er nicht schlecht sein. Für Kinder wie für Erwachsene.

Maria Ratschewa

 

Erich Kästner, der aufgrund des Realismus in seinen Kinderbüchern sich mit der Kritik mancher Pädagogen auseinander setzen musste, begann ein Kapitel in dem Buch "Das doppelte Lottchen" so:

"Sollte euch beim Lesen ein Erwachsener über die Schultern blicken und rufen: 'Dieser Mensch! Wie kann er nur, um alles in der Welt, solche Sachen den Kindern erzählen' ... dann richtet ihm einen schönen Gruß aus, und ich ließe ihm sagen, es gäbe auf der Welt sehr viele geschiedene Eltern, und es gäbe sehr viele Kinder, die darunter litten, dass sich ihre Eltern nicht scheiden ließen! Wenn man aber den Kindern zumutete, unter diesen Umständen zu leiden, dann sei es doch wohl allzu zartfühlend und außerdem verkehrt, nicht mit ihnen darüber in verständiger und verständlicher Form zu sprechen!" (1)

Luiselotte Enderle, die langjährige Lebensgefährtin von Erich Kästner, beschreibt die Kritik konservativer Lehrer an seinen Kinderbüchern in ihrer Monographie über Erich Kästner und dessen Einstellung Kindern gegenüber:

"Sie lehnten seinen Realismus ab. Sie versicherten, dass seine Kinder gar keine Kinder seien. Dass sie nicht wie Kinder sprächen. Kurz und gut: Sie fanden seine Bücher keineswegs empfehlenswert. Kästner ließ sich nicht beirren. Er erzählte in seinem zweiten Kinderbuch die Geschichte von Pünktchen, dem vernachlässigten kleinen Mädchen aus reichem Hause, und von Anton, dem armen kleinen Jungen mit der liebevollen Mutter, und von der abenteuerlichen Freundschaft dieser beiden. Als 'Pünktchen und Anton' dramatisiert auf die Bühne ging, hatte Kästner dafür Herrn Zeigefinger und Tante Eulalia erfunden. 'Meine Tante Eulalia war ursprünglich nicht dafür', erzählte Zeigefinger vor dem Vorhang. 'Dieses Pünktchen und dieser Anton erleben da mitunter Dinge, also, das gehört sich nicht!' – 'Liebe Tante Eulalia', erwiderte Zeigefinger, 'was würdest du sagen, wenn man den Kindern ein Stück zeigte, in dem ein wildes Tier eine alte Dame frisst?' – 'Das würde ich auf der Stelle verbieten!', rief Tante Eulalia. 'Dann verbiete mal auf der Stelle Rotkäppchen!'

Zeigefinger Kästner blieb also seinen Gegnern die Kritik an ihrer Kritik nicht schuldig. Aber was weit wichtiger war: Die Kinder, selber blieben den Kritikern die Antwort nicht schuldig. Kästners Kinderbücher eroberten die Welt. Von Berlin bis Tokio, von Stockholm bis New York, von Amsterdam bis Warschau. Kinder lassen sich nichts oktroyieren. Sie wählen sich ihre Lieblinge selber. Die Kinder haben sich Kästner mit Haut und Haaren erobert. Und Kästner hat die Kinder mit Haut und Haaren erobert. Wenn man in vielen Ländern nach seinen Büchern Deutsch lernt, so nicht nur deshalb, weil Kästners Sprache klar, einfach, präzise und weil sein Humor international verständlich ist; und nicht nur, weil die Probleme seiner Bücher überall gelten, die Helden seiner Geschichten in jedem Lande leben könnten, sondern vor allem deshalb, weil er die Kindheit für einen Zustand ungewöhnlicher Gescheitheit und nicht für einen Zustand großer Dummheit hält. Weil er 'unerfahren' nicht mit 'dumm' verwechselt. Er hat für Gescheite geschrieben – und die Gescheiten haben ihm bestätigt, dass das richtig war.

Sie bejahen diesen optimistischen Realismus. Er macht sie fit fürs Leben. Das ist ihnen recht. Und dem Auto ist es erst recht recht. Denn gerade das ist seine Absicht. Und diese Absicht gilt es, mit den besten Mitteln zu verwirklichen. Das fordert er! Deshalb erklärte er anlässlich einer 'Kundgebung für das Jugendbuch' in Zürich: Wer soll für die Jugend Vorbilder aufrichten? Keine großen Denkmäler, aber Denkmäler der Größe? Wer soll ihr das Heimweh nach dem Glück schenken? Wer soll ihr Herz zum Lachen bringen? Doch um alles in der Welt nicht jene mediokren Leute, die 'nur' Kinderbücher fabrizieren? Doch nicht jene ahnungslosen Leute, die, weil Kinder erwiesenermaßen klein sind, in Kniebeuge schreiben?... Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die Aufgaben der Literatur. Sie kann und darf die neuen Funktionen und das Mehr an Verantwortung nicht ablehnen. Sie muss das Patronat für die Jugendliteratur übernehmen, und das heißt zugleich: für das Kindertheater, für den Jugendfilm, für den Rundfunk und für das Fernsehen. Die Jugend ist beeinflussbar wie eh und je ... Der Jugend kann, in unserer desolaten Welt, nur helfen, wer an die Menschen glaubt. Er hat kaum Anlass, an die abgewerteten Zeitgenossen zu glauben. Sich selbst wird er dabei nicht ausnehmen dürfen." (2)

(1) Erich Kästner, Das doppelte Lottchen, Ein Roman für Kinder, Atrium-Verlag, Zürich / Cecilie Dressler Verlag, Berlin
(2) Erich Kästner, in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, dargestellt von Luiselotte Enderle, rororo-Taschenbuch 680, 1979, S. 96 f.

 

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