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Ausgabe 12-4/1982

"Der Zappler" – ein Kinderfilm über einen spastischen Jungen

Gespräch mit Regisseur Wolfram Deutschmann

(Interview zum Film DER ZAPPLER)

In Berlin wurde Ende August 1982 der neue Kinderfilm "Der Zappler" abgedreht. Stefan ist die Hauptfigur des Films: Es ist 12 Jahre alt, spastisch gelähmt und mit seiner Mutter in eine neue Stadt gezogen. Bei den Kindern in der Nachbarschaft stößt Stefan auf Feindseligkeit und Ablehnung. Stefan träumt von einer Operation, die ihn gesund machen soll, doch nach eingehenden Untersuchungen muss er erfahren, dass die Operation aussichtslos ist.

Regisseur Wolfram Deutschmann (Jahrgang 1951), selbst von Geburt an gehbehindert, studierte nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann und dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg von 1975 bis 1979 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie. Nach Dokumentarfilmen ("Lieber arm dran, als Arm ab, 1981), Mitarbeit an dem alternativen Wochenschauprojekt "Utupua Filmschau" (1977 bis 1979) und Magazinbeiträgen für den Norddeutschen Rundfunk und den Südwestfunk ist "Der Zappler" sein erster Spielfilm. Die Hauptrolle des Films spielt Karsten Kunitz, der selbst behindert ist, allerdings nicht spastisch.

KJK: Wie kam es zur Idee, den Kinderfilm "Der Zappler" zu realisieren?
Wolfram Deutschmann: "Es gibt von Ernst Klee eine Geschichte, die heißt 'Der Zappler'. Ich habe dieses Buch als Vorlage genommen und ein Drehbuch daraus gemacht. Die erste Adaption war gelinde gesagt eine Katastrophe, weil das Buch so gar nicht zu verfilmen war. Das ist schon zu Anfang der 70er-Jahre entstanden und das merkte man, damals spielte der Integrationsgedanke noch eine große Rolle, das hat sich aber im Laufe der Jahre als überholt herausgestellt. Das war halt wahnsinnig konfliktarm nach dem Motto 'gemeinsam schaffen wir es schon: Wir Kinder gehen mit unseren fortschrittlichen Eltern zum Bürgermeister und prangern den Missstand an.' Mit Reinhild Paul, die früher Kindergärtnerin war und seit zehn Jahren Ausstattung und Kostüme macht, bin ich das dann noch mal durchgegangen und wir haben daraus ein ganz anderes Drehbuch geschrieben. Es wurde nur der Grundkonflikt beibehalten: Ein schwer behindertes Kind, das eben auch optisch behindert ist, kommt in eine fremde Stadt und will Freunde finden, aber es klappt vorne und hinten nicht. Das war die Grundidee und dann ging die Spinnerei los. Und eine ganze Menge ist da schon halbautobiografisch, das sind Konflikte, die ich kenne ..."

Du kennst die Situation der Behinderten selbst, wie weit stecken in der Filmgeschichte eigene Probleme?
"Direkt stecken sie natürlich nicht drin, weil ich viele von diesen Schwierigkeiten nicht hatte, also ich gehöre noch zu den Behinderten, die es vom optischen her relativ leicht haben, sich irgendwo einzugliedern – aber meistens ist das auch noch schwer genug, nur für Spastiker ist es noch viel schwieriger. Auch mein ganzes Leben war ein ständiges Preistrampeln, ein ständiger Kampf um Anerkennung. Es bestehen schon grundsätzlich Vorurteile und Spastiker werden immer automatisch mit einer geistigen Behinderung verwechselt. Bei mir war es immer so, dass sie gesagt haben, der ist ja behindert, den dürfen wir nicht so rannehmen. Ich musste immer aus meiner Außenseiterstellung herauskommen, musste immer den ersten Schritt machen."

"Der Zappler" ist dein erster Spielfilm: Wie hast du dich auf die Arbeit mit den Kindern vorbereitet?
"Es bestand relativ lange kein festes Drehbuch und so war der Karsten der einzige, den ich vorher dingfest gemacht habe. Ich habe ständig rumgesucht. Die Suche nach den anderen Kindern war erst drei Wochen vor Drehbeginn sehr intensiv, das lief zum Schluss ein bisschen hektisch. Wir waren bei Agenturen und da guckt man sich an einem Tag so 30 Kinder an und man erlebt 30 Mütter, die ihre Kinder unbedingt beim Film unterbringen wollen. Das ist eine unbrauchbare Art, sich Kinder auszusuchen, das funktioniert allenfalls in der Werbung. Das hab ich auch draus gelernt: Wenn ich noch mal einen Kinderfilm machen würde, wäre die Suche viel länger und intensiver. Es hat aber hinterher sehr gut geklappt, weil die Charaktere genau dem Drehbuch entsprachen, d. h. die Kindergruppe hat sich in der Freizeit und den Drehpausen genauso verhalten, wie sie im Drehbuch angelegt waren: Die große Klappe war auch immer die große Klappe, und der Außenseiter war immer der Außenseiter."

Du hast die Hauptrolle mit einem behinderten Kind besetzt: Karsten Kunitz, der den Stefan spielt, genießt es, während der Dreharbeiten, dass er im Mittelpunkt steht. Mit Drehende ist alles vorüber und er muss den Weg in den Alltag zurückfinden: Meinst du, dem Karsten wird das leicht fallen und wie kannst du ihm dabei helfen?
"Das ist halt generell das Problem ..."

Das ist sicher, aber für Karsten ist es vielleicht ein Stück härter?
"Ja, der Karsten war immer schon der Hauptdarsteller und von jedem nur mit Lob überschüttet, und er hat es auch wirklich toll gemacht. Er hat sich jetzt so auf die Erwachsenen fixiert, die ihn alle gelobt haben, wobei das nach der ersten Woche schon kein pädagogisches Mittel mehr war. Zuhause bei seinen Eltern ist Karsten eigentlich genau das Kind, das er auch im Film ist, überbehütet und sehr eingeschränkt, so dass er wenig Möglichkeiten hat, sich zu öffnen. Er lebt in einer ziemlichen Isolation, lediglich in der Schule ist er der Anerkannte. Er besucht eine Behindertensonderschule, eigentlich eine Einrichtung, die es gar nicht so geben dürfte. Ich bin sicher, wenn er jetzt wiederkommt, ist er da der Star. Wenn in einer Zeitung mal was über ihn gestanden hat, dann ist er der absolute Star – und das treibt das Problem nur noch weiter. Wenn ich an Werner Herzog und den Stroszek denke, den Bruno S., der nach den Dreharbeiten in seinen Hinterhof abgeschoben wurde und da vergammelte, ganz so extrem wird es nicht, weil der Karsten neben seinem Zuhause eben auch die Schule hat. Das entbindet uns und mich natürlich nicht davon, sich weiter um ihn zu kümmern, das ist halt immer ein großer Spruch und das sind immer große Vorhaben, aber wir müssen versuchen, das wieder abzubauen. Da liegt im Augenblick nur die Absicht vor und wir müssen sehen, wo wir da ansetzen – bewusst ist mir das schon."

Die Gruppe Kick-Film ("Sturm im Ofenrohr") – Armin Fausten, Claus Gottschall und Reiner Penzholz – produziert einen dokumentarischen Videofilm über die Entstehung des Kinderfilms "Der Zappler". Wie kam es zu diesem außergewöhnlichen Projekt?
"Sie wollen ja kontinuierlich im Kinderfilmbereich arbeiten und solche Sachen gibt es eigentlich immer nur bei großen Filmen, wie z. B. der "'Blechtrommel', wo das ja speziell zur Promotion eingesetzt wird. Da sind dann laufend die Stars und Schlöndorff zu sehen, alles andere ist mehr oder weniger uninteressant. Für Kinder muss das ja anders sein: Es gibt überhaupt – ob das Bücher oder Filme sind – sehr wenig, wo den Kindern erklärt wird, wie so ein Film entsteht und was man da alles braucht."

Das Drehbuch des Films wirkt so ein bisschen thesenhaft: Die Grundaussage – ein Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten ist möglich – erscheint mir doch recht "pädagogisch" ausgerichtet zu sein und der Zeigefinger ist auch nicht weit ...
"Es ist bestimmt nicht in jeder Situation gelungen, den Zeigefinger wieder herunterzunehmen, aber ich halte es für noch vertretbar, denn gegenüber anderen Behindertenfilmen ist die Aussage dieses Films schon was Neues: 'Vorstadtkrokodile' ist ein Film, den ich eigentlich schon mag, aber da muss das behinderte Kind eine ganz tolle Leistung bringen, um anerkannt zu werden, macht aber selbst nie so viele Fehler. Wir haben uns überlegt, wie kommt eigentlich dieses Missverhältnis zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zustande, und ich kann aus meiner Erfahrung sagen, sehr viel sind natürlich auch die Behinderten selbst schuld oder müssen dran schuld sein, das ist kein Vorwurf, sondern einfach eine Konsequenz. Es gibt den Begriff des Musterkrüppelchens 'lieb, doof und leicht zu verwalten', die meisten Behinderten werden von Kindheit auf so erzogen, immer gefügig und gehorsam. So wird es den Behinderten unmöglich gemacht, mal auszubrechen. Behinderten Kindern soll unser Film Mut machen, nicht immer klein beizugeben, sich mal hinzustellen und aufdringlich zu sein. Das ist die einzige Möglichkeit, weiterzukommen. Du siehst im Straßenbild eben keine Behinderten, und die Umwelt muss sich einfach daran gewöhnen, dazu ist es nötig, dass die Behinderten rausgehen. Das bedeutet auf der anderen Seite, dass du jede Menge einstecken musst. Im Film ist das schon so, dass die Rolle des 'Zapplers' arg optimistisch angelegt ist, aber ich kenne einen Spastiker und den hatte ich auch immer im Hinterkopf, bei dem ist das genauso, der diesen Kampf heute noch führt und der wird sein Leben noch weiterkämpfen. Da ist unser Filmschluss anders, sie können eben doch miteinander, aber es musste auch ein Filmschluss sein. Wenn es davon eine Fortsetzung gäbe – ich hab nicht vor, sie zu drehen – dann wären die Probleme weiterhin da, nur auf einer anderen Ebene."

Das Gespräch führte Manfred Hobsch

 

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