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Ausgabe 13-1/1983

PEPPERMINT FRIEDEN

Produktion: Nourfilm, BRD 1982 – Buch und Regie: Marianne S. W. Rosenbaum – Kamera: Alfred Tichawsky, Thilo Pongratz – Montage: Gerard Samaan, Birgit Klingl Musik: Konstantin Wecker – Darsteller: Saskia Tyroller (Marianne), Gesine Strempel (Mutter), Hans Peter Korff (Vater), Elisabeth Neumann-Viertel (Großmutter), Cleo Kretschmer (Nilla Grünapfel), Peter Fonda (Mr. Frieden), Sigi Zimmerschied (Herr Arira), Konstantin Wecker (Schreiner Lustig), Franz Tyroller (Schieber), Hans Brenner (Pfarrer), Gerard Samaan (Dr. Klug) – Länge: ca. 120 Min. – s/w und Farbe – 35 mm

"Wenn den Menschen die Lust genommen wird, wenn die Körperteile, die Lust bringen, zur Tabuzone erklärt werden, suchen sie sich eine andere Lust, eine negative, selbst und andere zerstörerische Lust, durch die auch unter anderem Krieg ermöglicht wird. Wenn der Körper enteignet wird, nur Gottvater gehört, dann wird man überhaupt enteignet und verfügbar für alle anderen Gottväter." (Marianne Rosenbaum)

Marianne ist ein Kriegskind – geboren 1940 in einem kleinen böhmischen Ort. Sie erfährt den Krieg als etwas, das von Erwachsenen für Erwachsene gemacht ist: "Kleine Kinder dürfen nicht in den Krieg", sagt der Vater, als sie mit ihm nach "Minsk und Smolensk" möchte. Marianne sieht viel, spürt intuitiv die Bedrohung. Die Mutter versucht, das Kind davor zu bewahren; hält ihm die Augen zu, als eine Gruppe von kahl geschorenen Menschen abgeführt wird, sucht nach Ausreden, als Dr. Klug, Mariannes erwachsener Spielfreund, plötzlich nicht mehr da ist. Marianne hört immer wieder geflüsterte Worte, es ist von Abtransport die Rede, von Verschleppung, Verbrennung, von der Ziegelei, aus der schon wieder starker Rauch steigt. Sie ahnt, dass in der Ziegelei nicht Ziegel gebrannt werden, dass Dr. Klug nicht verreist ist. Sie sieht auch, wie Flugzeuge über ihren Ort zum Angriff fliegen, sieht im Tiefflieger, der auf die Kinder schießt, einen Mann sitzen – absichtlich schießt er auf sie –, weiß, dass Dresden "absichtlich" kaputtgemacht wird.

Plötzlich ist alles vorbei. Ein fremder Mann in einem fremden Ort nimmt sie auf den Arm und nennt sie "meine große Tochter". Es ist der Vater, der aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen und in einem niederbayerischen Dorf als Lehrer eingesetzt wurde. Viele Werte sind plötzlich anders, alle Hitler-Bilder werden verbrannt. Die Erwachsenen erklären nichts, tun so, als wäre nichts gewesen. Die Kinder spielen weiter Krieg. Als wieder Flugzeuge am Himmel auftauchen, werfen sie sich zu Boden. Doch Marianne stellt lakonisch fest: "Es ist doch kein Krieg mehr – wenn Krieg wäre, wär' der Mister Frieden nie bei der Nilla." Mr. Frieden, ein strahlender, Kaugummi verteilender Amerikaner vom nahen Fliegerhorst, ist der Freund von Nilla Grünapfel und der Freund der Kinder.

Die Kinder wachsen hinein in die moralisierende Verlogenheit der Nachkriegszeit, sind den Drohungen des Pfarrers ausgeliefert: Der Kaugummi ist eine Versuchung des Teufels. Und was Nilla mit Mr. Frieden treibt, ist Todsünde! Strafe für diese Todsünde: Syphilis. Ein Wort, das die Erwachsenen flüstern und was für die Kinder bedeutet: Da fallen die Nasen ab. Marianne: "Schade um die schöne Nase vom Mister Frieden. Meine Nase fällt mir aber nicht ab – ich werde eine Heilige!" Die Kinder leben zwischen Angst und Faszination, sind im Konflikt, Verbotenes zu tun und werden verfolgt von der Gewissheit, dass Gott alles sieht, "auch was in finsterer Nacht geschieht".

In Mariannes Umgebung gibt es alle Typen der Nachkriegszeit: Da ist die Mutter, die alles ungeschehen machen will, und der Vater, ein Mitläufer ("Wir haben nichts gewusst"); die Großmutter, stark und unfromm ("Ich lass mir das Reden nicht verbieten, wir sind nicht mehr im Dritten Reich"); Nilla Grünapfel, die Liebe statt Krieg will ("Lernen's euch jetzt wieder vom Krieg? Streicheln lernen's euch net!"); der "rote" Schreiner Lustig ("Zwanzig Millionen Russen wurden von den Deutschen umgebracht!"); der Schieber als Nutznießer der Nachkriegszeit, der noch schnell seine Geschäfte machen will, bevor er nach Argentinien auswandert; und schließlich der kriegsblinde Heiratsschwindler Herr Arira als düsterer Prophet eines neuen, großen Krieges: "Wenn die Frauen wie die Männer sein wollen, dann beginnt der größte Krieg aller Zeiten! Dann kommen die Rotkappen über die Hügel des Bayerischen Waldes – drüben werden die Roten immer stärker, und wenn die zu uns rein wollen, dann werfen die Amerikaner ihre Atombombe!"

Marianne hört "Atombombe" und hat Angst. Was der Vater zu ihrer Beruhigung sagt, kann sie nicht überzeugen: "Frieden kommt, Frieden bleibt – Krieg kommt nie wieder." In Mariannes Fieberträumen mischen sich Vergangenes und Gegenwärtiges, Angst und Hoffnung.

Der Film endet 1950 mit Nachrichten vom Korea-Krieg. "Wo ist Korea?", will Marianne vom Vater wissen. "Sehr weit weg", beruhigt er. "Weiter als Minsk und Smolensk?" "Ja, noch viel weiter ..."

Der Film ist aus der Sicht der kleinen Marianne gedreht. Die Filmgeschichte ist autobiografisch: Die Filmemacherin Marianne Rosenbaum beschreibt mit Liebe zum Detail ihre eigene Kindheit und berichtet zugleich mit größter Genauigkeit am Beispiel eines bayerischen Dorfes nahe der tschechischen Grenze, auf welchem Boden die Saat des Kalten Krieges aufgehen konnte. Hier liegt alle Macht beim Pfarrer, der die Gebote Gottes zur moralischen Unterdrückung seiner Gemeinde missbraucht. Politik wird von der Kanzel verkündet – die Angst vor dem Iwan geschürt und zugleich zu höchster Wachsamkeit aufgerufen. In der Schule verteufelt der Pfarrer die Einflüsse der amerikanischen Besatzer, wettert gegen Unkeuschheit und Lust. Aber Mariannes quälende Frage "Wo war Gott im Krieg?" beantwortet er nicht, sondern verständigt den Vater.

Der Film ist ein Stück Vergangenheitsbewältigung und gleichzeitig Dokumentation. Er ist nicht nur für jene, die in ähnlichem Milieu aufgewachsen sind, nachvollziehbar, sondern macht alle "Kriegskinder" betroffen – auch die heutigen, die den fernen Krieg vom Fernsehen kennen und die von den auf unserem Boden stationierten Raketen betroffen sind – legt Erinnerungen frei, erklärt Zusammenhänge, macht politische Entwicklungen bewusst.

Die Darstellerin Saskia Tyroller verkörpert die Film- Marianne so intensiv, dass man das Gefühl hat, sie ist Marianne. Obwohl der Film in drei Monaten Drehzeit entstanden ist, scheint sie mit der Entwicklung zu wachsen – von der kindlich-neugierigen Sechsjährigen bis hin zur nachdenklich fragenden Zehnjährigen.

Gudrun Lukasz-Aden / Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 13-1/1983 - Interview - "Peppermint Frieden"

 

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