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Ausgabe 13-1/1983

"Peppermint Frieden"

Interview mit Marianne Rosenbaum zu ihrem Film "Peppermint Frieden"

(Interview zum Film PEPPERMINT FRIEDEN)

KJK: Die Geschichte des Films, die Sensibilität und Genauigkeit jeder Szene, haben uns tief beeindruckt – wie lange hast du daran gearbeitet?
Marianne Rosenbaum: "Sieben Jahre – mal eine halbe Stunde am Tag, mal nachts zwei Stunden, wie ich halt Zeit hatte."

Was war der "Auslöser"?
"Die Geburt von Nurith. In der Klinik, als meine Tochter geboren wurde, habe ich angefangen, zu schreiben. Ich habe mir überlegt, wenn ich ein Kind bekomme, muss ich mir über mich klar werden. Durch sie bekam ich bestimmte Nähen an meine Kindheit, habe mich an sehr viel erinnert."

Wie war dein Verhältnis zu deiner Mutter?
"Meiner Mutter gehörte das Leiden, das aus der Kriegszeit kam, sie wollte immer dafür getröstet werden. Ich war überhaupt nicht dabei. Obwohl ich schon 1940 geboren wurde, schien ich für sie erst 1945 auf die Welt gekommen zu sein. Sie dachte, wie kann die Kleine wissen, was wir nicht wissen."

Hast du es gewusst damals, als kleines Kind?
"Als Kind nimmt man sowieso viel mehr auf, als die Erwachsenen wahrhaben wollen, kennt Grausamkeiten aus den Märchen, mit denen man aufwächst, die nah an unserer Kinderrealität waren – Menschen werden in 'Backöfen' verbrannt. Hinzu kommt die Faszination von allem, was verboten ist, da hören Kinder noch genauer hin."

Ist der Film also nur aus deiner subjektiven Erinnerung heraus entstanden oder hast du über jene Zeit noch zusätzliche Recherchen gemacht?
"Ich habe mich mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in Verbindung gesetzt, mit dem Institut für Friedensforschung und die Straubinger Zeitung von 1946 bis 1956 im Archiv gelesen, bin in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, die Plätze meiner Kindheitsspaziergänge abgegangen, habe die Ziegelei wieder gefunden."

Und die perfide Weihnachtspredigt, die der Pfarrer im Film hält?
"Sie ist die Summe aller Sonntagspredigten. Der Pfarrer predigte gegen den Iwan, gegen Hitler, als es vorbei war, oder gegen meinen Vater, weil der nicht getan hat, was er wollte. Der Pfarrer brauchte die Angst, er war mit ihr erzogen worden – mit der Angst vor dem Russen, vor dem Franzosen und vor dem Teufel, und wahrscheinlich brauchte er sie auch für seine Gänsehaut."

Wie war das Verhältnis deines Vaters zum Pfarrer?
"Vater hatte ständig Streit, was mir die Kraft gegeben hat, zu reflektieren. Vater war Lehrer in dem Dorf. Er bekam die Stelle, da er nur Mitläufer war. Er war der Zugereiste, der dritte Fremde neben dem Iwan und dem Ami."

Offensichtlich spielte die Großmutter in deiner Kindheit eine große Rolle?
"Großmutter war eine selbstständige Frau. Sie war gegen alles, was Macht verkörperte, sie schätzte nur ihre eigene Macht."

Du hast deinen Film an Originalschauplätzen gedreht – in Sossau bei Straubing, wo du aufgewachsen bist. Wie war das Zurückkommen?
"Ich habe die Beziehung dorthin nie verloren. Wir haben eine kleine Wohnung dort, und die Kinder aus der Umgebung kommen immer zu meiner Tochter Nurith, wenn wir da sind, weil sie da alles dürfen."

Kinder und Erwachsene aus Sossau haben in deinem Film mitgespielt; was glaubst du, wie sie auf den fertigen Film reagieren werden?
"Ich nehme an, dass sie ihn mögen. Ich habe bei den Dreharbeiten versucht, alles zu erklären und habe immer gesagt: Das war in meiner Kindheit hier so, jetzt gibt es das ja sicher nicht mehr. Die Kinder haben nichts dazu gesagt, sie haben nicht zugestimmt, aber auch nicht widersprochen. Eines Tages brachten sie mir den Beichtspiegel mit, und da habe ich gesehen, er war unverändert. Nur eine Gewissensfrage ist hinzugekommen: Habe ich ferngesehen?"

Manchmal ist einem die Intensität des Spiels von Saskia als Marianne fast unheimlich – wie hat sie die Dreharbeiten verkraftet?
"Sie ist die Tochter meiner Freundin, mit der ich in Straubing aufgewachsen bin. Sie lebt jetzt auch in München, fährt aber jedes Wochenende nach Straubing. – Die ersten drei Tage hatte Saskia Schwierigkeiten. Sie wollte nicht mit so vielen Männern arbeiten. Nach ein paar Tagen jedoch hat sie das Filmteam beherrscht, das musste tun, was sie wollte. Sie hat nicht unter den 63 Drehtagen gelitten. Sie ist von Tag zu Tag glücklicher geworden. Sie geht zur Montessori-Schule in München, ist vorher schon selbstbewusst gewesen ..."

Und wie geht's ihr jetzt?
"Na ja, sie hat mich gefragt, wann machen wir unseren nächsten Film ..."

Die Besetzung des Mr. Frieden mit Peter Fonda hat Schlagzeilen gemacht. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit ihm?
"Alles im Film ist zwischen Symbol und Realität – auch die Besetzung. Die Rollen haben einen Symbolcharakter. Ich wollte einen Amerikaner, der den strahlenden Sieger verkörpert, und der auch hinter dem Inhalt des Films steht."

Womit hast du ihn "geködert"?
"Ich habe ihm am Telefon die Geschichte erzählt. Ich spreche sehr schlecht englisch, aber für Wichtiges braucht man nicht so viele Wörter – er hat Ja gesagt zum Inhalt und bat: Schick mir was Geschriebenes."

Wie steht er zum Inhalt?
"Er konnte ihn nachempfinden. Als Kind hat er auch immer Angst gehabt, dass der Krieg zu ihnen kommt, damals bei Pearl Harbour, wo seine Verwandten hin mussten. Und weil er in der Friedensbewegung arbeitet. Er mag die Erde auch lieber ganz als kaputt."

Die Mutter wird von Gesine Strempel gespielt ...
"Ja, ich bin sehr froh über diese Besetzung. Zuerst dachte ich an Romy Schneider, dann an Maria Schell wegen der Symbolträchtigkeit, aber als Mutter ist sie zu alt, als Großmutter zu jung. Da rief mich Gesine an, Mitglied der Kommission der Filmförderungsanstalt, die die Förderung meines Films mit der Begründung 'zu romanhaft' mehrheitlich abgelehnt hatte. Gesine hat mir gesagt, wie sehr ihr das Drehbuch gefällt. Ich hab' sie kennen gelernt und fand in ihr die ideale Besetzung für die Rolle der Mutter – sie konnte die Mischung aus Stärke und Verzweiflung, Aufgezehrtheit und Zärtlichkeit spielen."

Konstantin Wecker hat die Musik für den Film komponiert und spielt den Schreiner Lustig, den ehemaligen KZ-Häftling. Wie bist du auf ihn gekommen?
"Ich kannte seine Musik zum Chile-Stück der 'Roten Rübe', und ich finde wunderbar, was er für den Film gemacht hat. Seine Musik trifft das Zeitgefühl; geht in den Bauch, ist amerikanisch und gleichzeitig ist sie etwas, was zum Film passt und zu ihm. Er war sehr glücklich mit dem Film. Bei Polydor ist auch die LP mit der Filmmusik und die Single mit dem Titelsong 'Hallo, Mr. Frieden' erschienen."

War es schwierig mit der Finanzierung des Films?
"Ich habe vom Bundesinnenministerium die Drehbuchförderung (20.000 DM) und die Projektförderung (250.000 DM) bekommen, der Rest ist privat zusammengekommen. Der Film hat zwei Millionen gekostet. Wir hatten das Glück, einen Rechtsanwalt und Steuerberater zu kennen, die begeistert waren vom Filmstoff und geschäftliche Verbindungen für die Finanzierung nutzten."

Was machst du jetzt?
"Ich schreibe grad an dem Buch zum Film, das im Weismann-Frauenbuchverlag erscheint. Es ist kein Drehbuch, sondern die Geschichte von Marianne, teilweise in Ich-Form geschrieben, teilweise über sie – subjektiv und objektiv."

Marianne Rosenbaum zu der Frage, ob sie den Film auch als einen Kinderfilm sieht:
"... insofern, wie Kinder etwas aus den Erzählungen ihrer Eltern beziehen. Kinder fragen oft, erzähl' mir was aus deiner Kindheit. Das tut der Film."

Gudrun Lukasz-Aden/Christel Strobel

 

Biografie Marianne S. W. Rosenbaum

Geboren am 22. Mai 1940 in Leitmeritz/Böhmen; 1960-1965 Studium der Malerei an der Münchner Akademie der Bildenden Künste; 1965-1967 Rom-Stipendium (DAAD, Villa Massimo); Volontariat bei Pietro Germi 1967-1972 Studium Film/Regie an der Film-Fakultät in der Akademie der Musischen Künste (FAMU) in Prag (Zweites Stipendium des DAAD); gleichzeitig freie Mitarbeit beim ZDF und BR. 1972-1976 Dozentur für Bildgestaltung und Filmsprache an der Hochschule für Fernsehen und Film München. 1975 Geburt der Tochter Nurith-Hayat. 1977-1980 Autorin und Co-Regisseurin von 12 Folgen der TV-Serie "Neues aus Uhlenbusch"; Arbeit mit den Sintis in Straubing und Film über eine Jüdin, einen Kommunisten und einen Zigeuner aus Straubing, die in Theresienstadt, Dachau und Auschwitz waren. 1980-1982 Arbeit am Drehbuch und Roman "Peppermint Frieden".

 

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