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Ausgabe 14-2/1983

KONRAD AUS DER KONSERVENBÜCHSE

Produktion: Ottokar Runze Filmprod., BRD 1983 – Buch: Claudia Schröder, nach einem Buch von Christine Nöstlinger – Regie: Claudia Schröder – Kamera: Fritz Moser – Ton: Detlev Fichtner, Uwe Grimm – Schnitt: Sabine Jagiella – Musik: Willy Siebert – Darsteller: Violetta Ferrari, Heinz Schubert, Alexandra Degen, Daniel Thorbecke – Laufzeit: 80 Minuten – Farbe – 16mm-Verleih: atlas Duisburg

Der Film "Konrad aus der Konservenbüchse" (nach einem Kinderbuch von Christine Nöstlinger) ist ein modernes Märchen und daher also nach herkömmlichem pädagogischen Verständnis für Kinder gemacht und geeignet ... Aber er ist nicht nur deswegen ein wirklich guter, herrlich unkonventioneller Kinderfilm, weil er seine Handlung aus märchenhaften, sprich unwahrscheinlichen Motiven entwickelt. Viel mehr ist er es darum, weil er nachvollziehbar für das Recht des Kindes auf persönliche Entwicklung plädiert, indem er tradierte pädagogische Zielvorstellungen einfach umkehrt. Aus Konrad kann nämlich gar kein "artiges" Kind erzogen werden, weil er "von Geburt" an artig ist. Ein Wunschtraum für Eltern und Erzieher? Mitnichten, denn im Film wird gerade diese Denkfigur radikal demontiert. Durch seine Freundschaft mit anderen, "normalen" Kindern wird der synthetische Konrad nach und nach zu einem wirklichen Menschen, der erstaunt zur Kenntnis nimmt, dass man, um das zu werden, sich einfach "schlecht" benehmen muss. Ein Film, eine Satire, auch und gerade für Erwachsene, geeignet, ihnen ihre verkrusteten Erziehungskategorien nachhaltig lächerlich und damit veränderbar zu machen.

Um was geht es? Zu einer etwas exaltierten, weil alternden Malerin (schön zickig: Violetta Ferrari) kommt eines Tages ein großes Paket, offenbar von einem Versandhaus. Natürlich öffnet sie es neugierig, obwohl sie es gar nicht bestellt hat. Zum Vorschein kommt eine riesengroße Konservenbüchse mit einer beiliegenden Gebrauchsanweisung zum Öffnen. Inhalt der Dose ist ein greisenhaftes Geschöpf, ein Zwerg, ein Embryo mit allen menschlichen Zügen, der sich auch noch in wohl gewählten Worten ausdrücken kann: "Du musst die Nährlösung über mich gießen!" Die total verblüffte Frau tut, was das Wesen sagt, und siehe da: Der Homunkulus wächst sich in Sekundenschnelle zu einem wohlgestalteten nackten Knaben von sieben Jahren aus und weckt damit den Mutterinstinkt der auf jugendlich getrimmten Matrone. Sie kauft ihm Sachen zum Anziehen und zum Spielen und weist ihm eine Ecke in der Wohnung zu. Gehorsam folgt der Junge ihren Anweisungen, obwohl ihm manches nicht geheuer vorkommt, denn alle "guten" Kindereigenschaften sind ihm sozusagen pränatal mit in die Dose gelegt worden. Hierdurch aber fühlt sich die unfreiwillige Mutter überfordert, und sie ruft ihren in seiner Männlichkeit etwas gebremsten Freund Egon, einen Apotheker (sympathisch zurückhaltend trottelig gespielt von Heinz Schubert), zu Hilfe. Der, stolz auf seine flugs selbst gewählte Vaterrolle, sieht die ganze Sache realistischer und sorgt dafür, dass Konrad in die Schule geht. Da ist auch noch das Mädchen Kitty, das im gleichen Haus wohnt und Konrad zu einer chaotischen Geburtstagskuchenschlacht einlädt. Der beginnt, wie weiland Emile, zu lernen, aber freilich auf eine völlig un-Rousseausche Art.

Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die Dosensendung ein Irrläufer war, und die Versandhausblaumänner beginnen eine Verfolgungsjagd auf Konrad. Sie wollen seiner wieder habhaft werden, weil er dabei ist, ihnen mit seiner erwachenden Normalität das Geschäft zu verderben ("Wohlerzogenheit wird garantiert"). In einigen beklommen machenden, von weitem an Michael Endes graue Herren in "Momo" erinnernden Szenen repräsentieren sie die Computergläubigkeit einer an das grenzenlos Machbare gewöhnten Gesellschaft, müssen aber die Erfahrung machen, dass in diesem simplen Falle ihre Allmacht Grenzen hat.

Der Spielfilm wird in seiner fröhlichen und unverkrampften Art, mit den "heiligen" bürgerlichen Erziehungsvorstellungen umzugehen, Kindern (ab fünf Jahren) und Erwachsenen gleichermaßen Spaß machen. Aber nicht nur das: für eine eventuelle Nachauswertung gibt es eine Fülle von Themen, über die Kinder untereinander oder mit Erwachsenen reden können. Insofern ist es ein Spaßmacher- und Mutmacherfilm – er macht Mut, eigene Positionen zu überdenken und, bestenfalls, zu verändern. Ein bisschen steht dem allerdings die Länge des Films im Wege, nicht nur die zeitliche, sondern hier und da auch eine dramaturgische Länge, einhergehend mit ein paar szenischen Wiederholungen und Dehnungen. Das hat natürlich, wie Insider wissen, nicht zuletzt mit den Richtlinien der Fördergremien zu tun, die die Kategorie "Filme für Kinder" noch nicht kennen und für die eben Spielfilme ab einer bestimmten Länge erst beginnen. Außerdem sind das auch Kritikerhypothesen, die in anderen Fällen vom Kinderpublikum schon widerlegt wurden. Jedenfalls kann man sich über einen schönen neuen Film freuen, der auch kleineren Kindern schon gezeigt werden kann. Das Amt für Jugend Hamburg wird den Film im nichtgewerblichen 16mm-Bereich in ca. zwanzig Jugendfreizeitstätten im Mai '83 erproben. Dann wird man weitersehen.

Bernt Lindner

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 15-2/1983 - Interview - "Ich möchte vor allem keine pädagogischen Filme machen"

 

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