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Ausgabe 14-2/1983

"Das tapfere Schneiderlein"

(Hintergrund zum Film DAS TAPFERE SCHNEIDERLEIN)

Zur Vorbereitung

Die Filme Lotte Reinigers sind auf kindliche Weise naiv, und sie erschließen sich jedem, der sich noch etwas von dieser Naivität erhalten hat. Nicht ohne Grund erhielt Lotte Reiniger im Jahre 1955 auf der Biennale in Venedig den Silber-Delphin (1. Preis für Kurzfilme) für "Das tapfere Schneiderlein". Wer sich mit Kindern auf diesen Zehn-Minuten-Silhouettenfilm einlassen will, dem möchte ich hier einige Ratschläge zur Vorbereitung geben:

1. Versuchen Sie sich das Märchen ins Gedächtnis zurückzurufen. Es muss sein, denn Kinder sind heutzutage über Rundfunk, Fernsehen, Schallplatte, Kassette und Bilderbuch mit den klassischen Märchen vertraut.

2. Gelingt Ihnen diese Rückerinnerung nur höchst bruchstückhaft, dann fangen Sie bitte an, das Märchen wieder einmal zu lesen. Haben Sie kein Märchenbuch zur Hand, empfiehlt es sich, das Taschenbuch (Goldmann-TB Nr. 412) zu kaufen, das alle Märchen der Brüder Grimm enthält.

3. Wird das Gelesene lebendig und sind Sie dabei, sich gleichsam in das tapfere Schneiderlein zu verwandeln und seine Wege und Abenteuer wie eigene mitzumachen, dann ist der Augenblick gekommen, den Raum zu verdunkeln, um sich dem schwarz-weißen Zauberspiel des Lotte-Reiniger-Films zu öffnen.

4. Lassen Sie sich dabei ruhig ein Weilchen Zeit, um über die Wirkungen nachzudenken, die der Film bei Ihnen auslöst. Vielleicht überkommt Sie das Bedürfnis, den Film abermals anzusehen.

5. Wenn Sie sich jetzt noch die Kinder vergegenwärtigen, denen Sie den Film zeigen wollen, dann müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn Ihnen nichts zur Nachbereitung einfiele.

6. Eine wichtige Kleinigkeit dürfen Sie allerdings nicht vergessen: Die Kinder müssen darauf eingestimmt werden, dass etwas Besonderes auf sie zukommt, und dass Lotte Reiniger ihre Geschichte in einer heute nicht alltäglichen Weise erzählt.

Zum Inhalt

Zunächst erscheint in einem an eine Guckkastenbühne erinnernden Oval der englischsprachige, von einer Eröffnungsmusik begleitete Vorspann. Vor einer mit Stadtmauern und Türmen bewehrten Stadt dann der Filmtitel: "The Gallant Little Tailor". Erst jetzt beginnt die Geschichte, die in einer kleinen Stadt ihren Anfang nimmt: Das Schneiderlein sitzt nähend am Fenster seiner Schneiderstube ... Es kauft ein Viertelpfündchen Mus ... Vergeblich versucht das Schneiderlein einen sirrenden Fliegenschwarm zu verjagen ... Es schlägt zu und stickt den Erfolg auf seinen Gürtel: 7 in one stroke (7 auf einen Streich). Vergnügt zieht das Schneiderlein in die Welt hinaus und legt sich auf der Wiese vor einem geschlossenen Stadttor nieder.

Die zweite Episode der Geschichte ist durch kurze und eine ganze Reihe sich wiederholender ähnlicher Einstellungen gekennzeichnet: Der König der Stadt ist in Sorge, weil zwei gewalttätige Riesen seine Untertanen in Atem halten ... Das Schneiderlein wird entdeckt und vor den König gebracht ... Es übernimmt den Auftrag, die Riesen einzufangen ... Mit dem Pferd und dem Gefolge des von den Riesen besiegten Ritters zieht das Schneiderlein zum Stadttor hinaus.

Die dritte Episode schildert des Schneiderleins Suche nach den Riesen ... Es steigt vom Pferd und schleicht sich mutterseelenallein in den Wald hinein ... Mutig schwingt es sich auf den Baum zwischen den schnarchenden Riesen ... Der Furcht erregende Kampf der von dem Schneiderlein überlisteten Riesen beginnt ... Das Stöckchen schwingende Schneiderlein als Sieger.

Die abschließende Episode zeigt, wie das Schneiderlein mit den auf einem Karren festgebundenen Riesen in die Stadt zurückkehrt und vom König und seiner Tochter auf dem Balkon des Palastes erwartet wird ... Das Schneiderlein tritt im Schloss dem König und seiner Tochter gegenüber ... Alle halten sich an den Händen, und der Erzähler im Film verkündet die Hochzeit und das glückliche Ende.

Nach dem Film (Methodisch-didaktische Hinweise)

Nach dem Film äußern sich die Kinder in der Regel spontan, und es fällt nicht schwer, diese Äußerungen als Einstiege für mögliches Weiterarbeiten zu nutzen. Mit Sicherheit fällt die Bemerkung, dass in dem Film einiges nicht stimme und manches vergessen worden sei. Genau das ist der fruchtbare Augenblick, um eine lebendige und folgenreiche Auseinandersetzung mit dem Film in die Wege zu leiten. Erinnernd, erzählend, vergleichend, malend oder spielend kommen die Märchenprobleme zur Sprache – auch das fehlende Einhorn und Wildschwein, auch die vergessene Übernachtung in der Höhle des Riesen, auch die Tatsache, dass die Königstochter das Schneiderlein wieder loswerden wollte ...

In der Regel bringen die Kinder auch Hinweise darauf, was ihnen am Film besonders gefallen hat. Er ist erstaunlich, was einige Kinder wahrnehmen und was anderen zunächst völlig entgeht: das mit der Faust drohende Mus verkaufende Weiblein, das mit den Ohren wackelnde und schweifwedelnde Pferd des Ritters, die Kuckucksrufe beim Kampf der Riesen ...

So gibt es Gründe genug, den Film wenigstens ein zweites Mal vorzuführen. Nicht zufällig sagte eine Sechsjährige: "Wenn man den Film gesehen hat, kann man gut schlafen und hat keine bösen Träume!" Man sollte keine Scheu davor haben, so einen Film im Verlauf von Tagen und Wochen auch noch ein drittes oder viertes Mal zu zeigen. Kinder wollen das und brauchen es. Wer sich geschickt und sensibel daranmacht, kann hier ganz neue, von der Medienpädagogik noch kaum bedachte Wege gehen.

Ewald Heller

 

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