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Ausgabe 16-4/1983

KÄMPFEN FÜR ZWEI

KNOKKEN VOOR TWEE

Produktion: Castor Film Prod., Niederlande 1982 – Drehbuch und Regie: Karst van der Meulen – Kamera: Fred Tammes – Musik: Tonny Eyk – Darsteller: Peter Bos (Puppenspieler Walter), Michael Walma van de Molen (Freddie), Inge Sliggers (Saskia) u. a. – Laufzeit: 120 Min. – Farbe – Beim 9. Intern. Kinderfilmfestival Frankfurt lief der Film unter dem Titel: "Kämpfen um beide".

Das jüngste Produkt aus der Kinderfilmfactory des niederländischen Regisseurs Karst van der Meulen hat 'Ehescheidung' zum Thema. Anders jedoch als in den bekannten Streifen mit diesem Sujet (z. B. "Kramer gegen Kramer") wird die Ehescheidung aus der Sicht eines betroffenen Kindes erzählt. Das ist für Kinder nachvollziehbar und für Eltern ein Lehrstück.

"Knokken voor twee" beginnt unvermittelt: Die Hauptperson Freddie kauft sich eine Clownsmaske, setzt sie auf und fährt als Clown auf dem Fahrrad durch die Stadt. Passanten schauen sich nach ihm um. Dadurch entsteht Chaos auf der Straße: In Slapstickmanier fallen Menschen übereinander hin, werden versehentlich nass gespritzt, es passieren die tollsten Sachen. Am Ende dieser Slapstick-Sequenz kommt Freddie nach Hause, die Erwartung des Kinopublikums, dass der Film genauso lustig weitergeht, wie er begonnen hat, wird herb enttäuscht: Bei Freddie zu Hause streiten die Eltern. Freddie glaubt, dass die Eltern wegen ihm Streit haben. Ergeht auf sein Zimmer und weint. Er beschließt, wegzugehen. In seinem Abschiedsbrief schreibt er: "Lieber Papa und Mama, weil ihr dauernd wegen mir Streit habt, werde ich mal lieber weggehen ..."

Wohin soll er jedoch mit seinen zwölf Jahren? Freddie kennt nur eine Adresse: die seines ehemaligen Nachbarmädchens Saskia. Auf dem Weg dahin sitzt er im Zug einer Familie gegenüber: Vater, Mutter und Sohn haben Spaß miteinander. Alles kann Freddie sehen, bloß nicht den Anblick einer glücklichen Familie. Er setzt sich weg. Aber auch die beobachtenden Blicke des Geschäftsmannes ihm gegenüber, der ihn über den Rand einer Zeitung hinweg mustert, kann er jetzt nicht verknusen. Er steht auf und setzt sich allein auf den Klappstuhl im Gang des Zuges – ein Häufchen Elend. Kaum einer im Kino, der Freddies Gefühle nicht nachvollziehen kann. Eine der gelungensten Szenen! Aber noch andere Gefühle kommen in dieser Situation für Freddie hinzu: Angst, die Angst sitzt ihm im Nacken. Als er aus dem Zug steigt, steht zufällig ein Funkwagen der Polizei auf dem Bahnhofsvorplatz – Grund genug, nicht in den abfahrbereiten Bus zu steigen.

Nach einigen Abenteuern gelangt Freddie am anderen Morgen endlich zu Saskia. Doch Saskia kann ihm keine Unterkunft geben, da ihr Vater, mit dem sie und ihr Bruder seit der Scheidung ihrer Eltern zusammenwohnen, Freddies Eltern kennt und die natürlich sofort benachrichtigen würde. Wohl aber kann sie ihm einen Unterschlupf besorgen: in ihrem Klubhaus, einem Treffpunkt von Kindern, deren Eltern geschieden sind. Doch Saskia kann nicht alleine entscheiden, ob Freddie dort vorläufig untertauchen kann. Erst muss eine Versammlung einberufen werden, die darüber zu entscheiden hat. Schließlich sind Freddies Eltern (noch) nicht geschieden. Durch Saskias Fürsprache wird er endlich – Freddie ist mit den Nerven schon ganz fertig – aufgenommen und darf vorläufig im Schuppen übernachten, mit der Auflage allerdings, dass er zu Hause anrufen soll. Er braucht nicht zu erzählen, wo er ist, es wäre jedoch unfair, die Eltern mit ihrer Angst sitzen zu lassen.

Alles scheint geregelt, als plötzlich die Kinder die Nachricht erreicht, dass sie ihr Klubhaus verlassen müssen, weil auf dem Grundstück alles abgerissen werden soll. Gerade jetzt, wo sie ihren Schuppen so dringend für Freddie brauchen! Da ist guter Rat teuer: woher nehmen, wenn nicht "kraken"? Sie gehen auf die Suche nach leer stehenden Häusern, sie demonstrieren im Rathaus, doch alles scheint vergeblich. Ihr Freund und ihre Vertrauensperson, der Puppenspieler Walter, hat scheinbar die Lösung des Problems. Ihm gehört nämlich eine leer stehende Villa. Doch auch das hat einen Pferdefuß: Walter kann nur über die Villa verfügen – so das Testament seines Vaters – wenn er seinen Beruf als Puppenspieler aufgibt. Nach vielen Komplikationen mit Rechtsanwälten, Eltern und Polizei gibt es am Ende des Films für alle ein Happy End. Die Kinder dürfen ihr Klubhaus in der leer stehenden Villa von Walter einrichten. Bei dem großen Eröffnungsfest, das die Kinder für ihre Eltern organisieren, kommen auch Freddie und seine Eltern wieder zusammen. Freddie (und hoffentlich auch seine Eltern) hat in den letzten Tagen einiges gelernt.

Mit "Knokken voor twee" ist es Karst van der Meulen gelungen, einen Film zu machen, der die Kinder wie die Erwachsenen gleichermaßen ernst nimmt. Zwar geraten die Eltern und Erwachsenen in diesem Film allzu oft in die Nähe einer Karikatur, das tut jedoch der Seriosität des Films wenig Abbruch. Die Perspektive des Films stimmt, die Proportionen der Problematik werden nicht verschoben und alles wird spannend erzählt. Allein das Milieu, in dem die Geschichte erzählt wird, ist mit seinen Villen und Gärten doch allzu einseitig, erinnert zu sehr an jene englischen Familienfilmvorbilder. Aber nur in diesem Sinne wird eine schöne heile Welt ins Bild gebracht, die es so auch in Hollands Vorstädten nicht (mehr) gibt. Nach "Martin und der Zauberer" und "Die Bande von nebenan" ist "Knokken voor twee" Karst van der Meulen's bislang gelungenster Film.

Reinhold F. Bertlein

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 8-4/1981 - Interview - "Machen nur Idealisten Kinderfilme?"

 

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