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Ausgabe 18-2/1984

FLUSSFAHRT MIT HUHN

FLUSSFAHRT MIT HUHN

Produktion: Frankfurter Filmwerkstatt / Hessischer Rundfunk, BRD 1983 – Drehbuch und Regie: Arend Agthe – Kamera: Jürgen Jürges – Ton: Jochen Hergersberg – Schnitt: Yvonne Kölsch – Musik: Matthias Raue, Martin Cyrus – Darsteller: Julia Martinek (Johanna), David Hoppe (Robert), Fedor Hoppe (Alex), Uwe Müller (Harald), Hans Beerhenke (Großvater) – Laufzeit: 100 Min. – Farbe 35mm-Verleih: Nickelodeon, Berlin

Während Johannas Eltern mit Roberts Mutter eine Urlaubsreise unternehmen, bleiben die beiden Kinder bei Roberts Großvater zurück. Der Junge hat allerdings Wichtigeres zu tun, als sich um seine Cousine zu kümmern. Für Johanna ist zunächst alles etwas fremd in dem Haus der Verwandten. Ihre Neugier wird geweckt, als sie Roberts Beobachtungsstation hinterm Haus an der Weser gesehen und in seinem Zimmer ein geheimes Vorratslager unterm Bett entdeckt hat. Das Verhalten ihres Cousins kommt ihr nun höchst merkwürdig vor. Johanna erreicht schließlich, dass Robert sie in seinen Plan einweiht: Mit einem Floß will er Weser abwärts fahren, um einen unerforschten Zugang zum Meer, die "Nord-Ost-Passage", zu finden. Auf seiner Landkarte sind nur das Heimatdorf Speele und die Wesermündung zu sehen, alles andere hat Robert "gelöscht".

Zum verabredeten Zeitpunkt mitten in der Nacht sind außer Robert und Johanna nur Harald und dessen kleiner Bruder Alex aus der Nachbarschaft zur Stelle, die anderen können nicht unauffällig von zu Hause weg. Außerdem hat Johanna vorher ein stattliches braunes Huhn im großväterlichen Hühnerstall gefangen, denn nach Roberts Meinung gehört auf jedes richtige Schiff ein Huhn – zur Abschreckung des Klabautermanns. Als der Großvater die Kinder am Morgen wecken will, findet er einen Brief von Johanna: "Lieber Opa, wir sind in einem geheimen Auftrag unterwegs, wir erkunden einen neuen Zugang zum Meer." – Schon kommt auch der Anruf von der Mutter aus dem Urlaub, ob es allen gut geht, und dem Großvater fällt zunächst einmal nur die Ausrede einer Zelttour ein ... Doch sein nächster Weg führt ihn zum Nachbarn, um dessen Boot mit Außenbordmotor zu leihen und den Kindern zu folgen.

Und nun beginnt eine amüsante Verfolgung zwischen Großvater und Kindern, wobei einer den andern mit immer neuen Varianten austrickst. Einmal verstecken sich die Kinder am schützenden Ufer und lassen den Opa vorbeituckern: "Wir geben ihm eine halbe Stunde Vorsprung!" Dann entführen sie ihm gar das Motorboot und fahren damit selbst, das Floß im Schlepptau. Opa setzt derweil schwimmend und Rad fahrend seine Verfolgung fort, ist rechtzeitig auf einer Brücke zur Stelle, will sich in einer waghalsigen Aktion auf den Bootskonvoi abseilen, aber auch da hängen ihn die Kinder wieder ab. Das nächste Abenteuer ist das Verlieren und Finden von Haralds kleinem Bruder, und schließlich geraten sie abseits in eine verlassene Fabrikhalle, aus der es für sie keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Der Opa – auf dessen Hilfe sie nun hoffen – sitzt aber im Arrest bei der Bundeswehr, weil er mit seinem phantasievollen Blätterkostüm zur Tarnung vor den Kindern arglos ein Manöverlager passiert hat und nun unter dem Verdacht eines "getarnten Spions" festgehalten wird. Zum Schluss wird mal wieder alles ganz anders, wie Johanna im Schiffstagebuch vermerkt, und mit Vergnügen sieht man die Kinder, das Huhn und den Großvater vereint dem Meer zusteuern.

"Flussfahrt mit Huhn" ist ein Film, der Spaß macht – ein Film voller Poesie und Spannung zugleich. Die Bilder lassen Zeit zum Betrachten, vermitteln ein Gefühl für die Landschaft und wecken Lust, selbst auf Entdeckungsfahrt zu gehen.

Differenziert werden die Kinder gezeichnet: Robert lebt in der Abenteuerwelt seiner Bücher – zu seinen favorisierten Autoren gehören Mark Twain und Stevenson – und interpretiert reale Erlebnisse manchmal so, dass sie ihn und andere gefährden. Johanna ist neugierig und doch ängstlich, sie hat am ehesten Mitgefühl mit dem ausgetricksten Opa und ist froh, als sie zusammen im Boot sitzen. Dem Großvater fällt eine Doppelrolle zu, die ihn manchmal zu überfordern scheint, die er aber immer wieder mit neuer List und erstaunlichem Erfindungsgeist spielt: Einerseits muss er den Erwachsenen vortäuschen, dass es den Kindern gut geht, andererseits muss er versuchen, sie "einzufangen", schließlich hat er die Verantwortung während der Abwesenheit der Eltern übernommen – und im Grunde hat er großes Verständnis für die Abenteuerlust der Kinder ...

Das Huhn – von dem sich ja der Filmtitel ableitet – spielt schließlich auch keine unwesentliche Rolle. Wer genau beobachtet, wird sehen, dass es auf seine Weise die handelnden Personen unterstützt und damit die einzelnen Episoden abrundet.

Eine besondere Qualität liegt in der sensiblen Darstellung der Beziehung zwischen dem Großvater und den Kindern. Indem der Film ihre Gemeinsamkeit zeigt – die Lust, sich auf das Abenteuer einzulassen und mit Phantasie zu bewältigen – schafft er Sympathie für beide Teile.

Der Film wendet sich mit seiner einfachen Geschichte auch gegen eine überorganisierte Welt, die den Kindern das Recht auf Erproben und Entwickeln ihrer eigenen Fähigkeiten vorenthält. In einer verwalteten Gesellschaft, in der "produktive Arbeit" als höchster Wert gilt, sind Kinder und alte Menschen gleichermaßen benachteiligt. Insofern bekommt die Verbindung Großvater-Kinder eine zusätzliche Bedeutung.

Der Film "Flussfahrt mit Huhn" ist ein Appell, sich Freiräume für Abenteuer und spannende Erlebnisse selbst zu schaffen.

Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 95-2/2003 - Interview - "Ich bin liebend gern zum Kinderfilm zurückgekommen "
KJK 19-2/1984 - Kinder-Film-Kritik - Flussfahrt mit Huhn
KJK 18-2/1984 - Interview - "Kinderfilm richtet sich auch an die kindlichen Fähigkeiten der Erwachsenen"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.FLUSSFAHRT MIT HUHN im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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