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Ausgabe 19-3/1984

DIE UNENDLICHE GESCHICHTE

Produktion: Neue Constantin / Bavaria / WDR, BRD 1984 – Drehbuch: Wolfgang Petersen, Herman Weigel – Regie: Wolfgang Petersen – Kamera: Jost Vacano, Franz Rath – Ton: Mike Le Mare, Ed Parente, Chris Price – Bauten und Ausstattung: Ul de Rico, Rolf Zehetbauer – Spezialeffekte: Brian Johnson – Schnitt: Jane Seitz – Musik: Klaus Doldinger – Darsteller: Barret Oliver (Bastian), Noah Hathaway (Atréju), Tami Stronach (Die Kindliche Kaiserin), Tilo Prückner (Nachtalb), Sydney Bromley (Engywuck), Patricia Hayes (Urgl) u. a. – Laufzeit: 99 Min. – Farbe – FSK: ab 6, ffr. – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Neue Constantin – Kinostart: 6.4.1984

Nach einer Million deutschsprachiger Auflage für Michael Endes "Die unendliche Geschichte" folgt nun die Kinoverwertung eines Stoffes, der aus verschiedenen Mythen/Sagen/Märchen eklektisch gemischt das gegenwärtig erfolgreiche Repertoire des Fantasy-Genres um ein weiteres Stück ergänzt. Der Film vereinfacht und reduziert das vorgegebene Handlungsgerüst und führt in relativ enger Anlehnung an die Struktur des Textes bestimmte Stationen im Lande Phantásien vor.

Im Vorspann entdeckt Bastian (Barret Oliver), ein zurückgenommener, verträumter Schuljunge, ein magisches Buch, das ihn einige Stadien der Verzweiflung und der Begeisterung durchleben lässt. Es beginnt um Mitternacht im gespenstischen Haulewald, jenseits von Zeit und Raum, im Nirgendwo. Drei phantastische Gestalten, ein Felsenbeißer, Nachtalb und Winzling, brechen zum Elfenbeinturm auf, dem Sitz der todkranken Kindlichen Kaiserin. Dort erfolgt die Berufung Atréjus (Noah Hathaway). Der edle Sprössling aus einem alten Indianerstamm nimmt furchtlos seine Mission an. Neben dem eher passiv mitleidenden, ängstlichen Bastian tritt damit eine zweite ideale Identifikationsfigur, die sich aktiv ins Abenteuer stürzt. Mit Hilfe eines Zaubermedaillons, dem Auryn, und seinem Wildpferd Artax macht er sich auf, das Heilmittel zu finden. Die Sümpfe der Traurigkeit durchquerend, in deren Morast das Pferd heillos versinkt, stößt er zum Hornberg, zur uralten Schildkröte Morla vor. Die verrät gelangweilt, dass die Kindliche Kaiserin einen neuen Namen braucht und der Namensgeber im südlichen Orakel erfragt werden muss.

Der Film überspringt eine Zwischenstation, in der die Riesenspinne Ygramul ihr giftiges Unwesen treibt. Dem schrecklichen Monster gelingt es, sich der Verfilmung zu widersetzen, so dass nur die glückliche Rettung Atréjus durch den Drachen Fuchur und ihr Aufenthalt bei der Höhle eines alten Gnomenpaares zu sehen sind. Über ein primitives Observatorium versucht der närrische Gnom, Atréju in die Geheimnisse des südlichen Orakels einzuweihen, indem er sich selbst und die Begrenztheit wissenschaftlichen Forschungsdranges parodiert. Obgleich ein mutiger Rittersmann von "Laser"-Strahlen getroffen verbrennt. (ein Stilbruch, der sich den besonderen Gags des Drehbuchs verdankt), überwindet Atréju dank seiner Willenskraft die Gefahr und schreitet unverletzt an den riesigen Busen der beiden Sphinxen vorbei. Endlich erfährt er, nachdem er durch den Spiegel eines weiteren Zaubertores geschlüpft ist, wer allein die Kindliche Kaiserin und darüber hinaus das vom "Nichts" bedrohte Land Phantásien wirklich retten kann: ein Menschenkind (Symbol für die schwächere, aber bessere Hälfte der Menschheit) in Gestalt unseres Bastian Balthasar Bux, der die Chance der Errettung erhält.

Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass unsere Beteiligung und innere Anteilnahme an der "Unendlichen Geschichte" gefordert und belohnt wird, wenn wir wie Bastian in der Nachfolge Atréjus uns aufmachen, an Phantásien festzuhalten, das heißt die uralten Hoffnungen, Träume und Utopien der Menschheit nicht zu verdrängen, sondern bewahrend zu erneuern. Eine symbolische, eine konservative Botschaft, der sich auch Nichtkonservative stellen müssen. Bevor jedoch der Gedanke der Wiedererfindung und Wiederbelebung einer kurz vor der Zerstörung sich befindenden Welt und todkranken Menschheit durchs Happy End verzuckert wird, erleben wir in der Kinofassung der "Unendlichen Geschichte" noch einige geschmalzte Szenen: In Manier eines ausgedehnten Werbe-Spots den uralten Traum vom Fliegen und die Gefahr des unerwarteten Sturzes, Atréju auf dem Rücken des fliegenden Drachen (Juchhe), dann am verlassenen Strand (Auweh). Der Felsenbeißer erscheint erneut und erhebt tollpatschig beschwörend seine riesigen Hände. In der "Spukstadt" erzählt zähneknirschend der Werwolf Gmork die Fabel von der bösen Macht, die die Menschen korrumpiert. Je weniger Hoffnung und Phantasie, desto mehr Herrschaft und Kontrolle, lehrt das Fabelwesen, das im Film von Atréju erdolcht wird, während es im Buch, Opfer seines Todestriebes, selbst zerfällt.

Nun erscheint, musikalisch gefühlsselig angekündigt, die Kindliche Kaiserin (Tami Stronach) selbst. Unter dem Glorienschein einer Diva und guten Fee wird sie in der rührenden Begegnung mit Bastian, ihrem irdischen Retter, durch die Namensgebung geheilt. Bastian überwindet sein ängstliches Ich und findet zu einem neuen Selbstwertgefühl. Während die schönsten Szenen des Films Revue passieren, darf auch er auf Fuchurs Rücken durch die Luft reiten. Der Nachspann endet im Klamauk. Mit Hilfe Fuchurs nimmt Bastian Rache an seinen Schulkameraden, jagt sie in denselben Müllcontainer, in den er zu Beginn der "Unendlichen Geschichte" gesperrt worden war.

Anders als im Buch, in dem eine ungeheure Vielzahl von mythen-, sagen- und märchenhaften Motiven/Gestalten/Handlungsmustern wiederbelebt und die Geschichte zur wunderbaren Selbsterfahrung des Lesers ausgesponnen wird, sind die Episoden und Plots im Film bewusst trivialisiert und gemäß den Standards des Fantasy-Genres für ein Weltpublikum hochgestylt. Ein fortlaufender Wechsel zwischen der irrealen Story und dem lesenden Bastian sorgt beim Zuschauer für ein atemloses Ein- und Aussteigen. Das erhöht zwar geschickt die Spannung, die doppelbödige Übertragung der Fiktion in die Realität und das spiegelbildliche Verhältnis der gleichermaßen extrem bedrohten Innen- und Außenwelt wird aber zugunsten einer ungebrochenen formalen Kontrastierung zerrieben.

Zweifellos verdankt der Film seine Hauptattraktivität der Zurschaustellung und Vorführung bestimmter Fabelwesen, die von Zehetbauer und Ul de Rico zu Filmmonstern präpariert wurden. Der Film ist hier im Genre und Stil ganz zeitgemäß. Mit den Mitteln der fortgeschrittensten Technik (hinter dem Glücksdrachen verbirgt sich z. B. eine Art kleine Raumstation mit einem Gewirr elektronischer Leitungen und mit 18 Technikern, die die Bewegungen und den Gesichtsausdruck des Drachen steuern) werden prähistorische Tiere aus naturhaft-archaischem Stoff zum Leben erweckt und in den Kampf gegen das technologische Zeitalter geschickt. Da gibt es aus dem uralten Riesengeschlecht einen Gebirgsriesen, der sich von Felsbrocken ernährt und deshalb Felsenbeißer heißt. Er durchlöchert das Gebirge, höhlt seine Umwelt und auf diese Weise zugleich seine eigene Lebensgrundlage aus. So wächst er zum modernen Prototyp ökologischer Selbstzerstörung heran. Mit einer verrosteten Stimme ausgestattet, ist er zugleich grenzenlos naiv und trotz seiner Riesenkraft seltsam unbeholfen.

Der gewaltige Glücksdrache Fuchur, eine Mischung aus einem Kamel und Cockerspaniel, glaubt unerschütterlich an das Gute in der Welt. Auch er hat paradoxe Eigenschaften. So kann er trotz seines Körpergewichts ohne Flügel fliegen, was ihm im Film schwerer fällt, so dass er froh ist, wenn er ruhen kann. Er ist ein magisches Geschöpf der Geborgenheit und verkörpert das Glück im Unglück, wobei seine Stimme unglücklicherweise etwas arg onkelhaft und betulich ausfällt.

Stark mythologischen Ursprungs ist Morla, eine Riesensumpfschildkröte. Sie versinnbildlicht die Last des Uralters, dem allerdings die Jugend, die Gegenwart und selbst die größte Gefahr zunehmend gleichgültig geworden sind. Diese Fabelwesen agieren selbständig und erwecken die Illusion virtuell natürlicher Lebewesen. Sie sind daher für die Kinder attraktive Phantasiefiguren. Stärker als die im Nirgendwo angesiedelten Landschaften, deren Bilder realgegenwärtige Ängste wie Wald- und Menschensterben, Auflösung und Verfall reflektieren, besitzen sie einprägsame Konturen, die im Kontrast zur abstrakten Bedrohung durch das "Nichts" greifbar werden. Ganz anders als ewig siegreiche Superhelden vermitteln sie Überlebensfähigkeiten, Ausdauer und Stärke. Sie sind Helfer und Ratgeber in der Bedrohung und lassen gerade bei Kindern eine konkretisierbare Ahnung und Angst vor dem Kampf gegen die Dekomposition und Destruktion der Welt aufkommen.

Der Film ist deutlich auf ein kindliches Publikum zugeschnitten. Kinder ab 8 Jahren finden den Film "schön", "spannend" und "phantastisch". Die meisten erklären, dass sie den Film gern ansehen, dem Geschehen folgen können und die Fabelwesen, Bastian/Atréju und die Kindliche Kaiserin "toll" finden. Keine scheußlichen Brutalitäten, sehr abenteuerlich und manchmal aufgelockert komisch. Nicht wenige hat der Film so stark angeregt, dass sie ihn bereits mehrmals gesehen haben. Dagegen kennen wenige das Buch, das sich mit seinem hintersinnigen Okkultismus stärker an einem Erwachsenenpublikum orientiert.

Der Film skelettiert die literarische Vorlage und schwelgt zugleich in der illustren Welt Phantásiens, die nach amerikanischem Vorbild in deutschen Studios aufgebaut wird. So bewegt sich die Filmfassung im vorgeschriebenen Rahmen einschlägiger Produkte desselben Genres ("E.T.", "Star Wars"). Dies zwingt den Regisseur zu einer doppelten Aussage. Zum einen muss er seine Kreativität den Mustern einer gehobenen Konfektionsware anpassen. Zum anderen darf er im filmischen Duktus weder allzu persönlich noch allzu engagiert werden und wie im Autorenfilm die soziale Realität deutlicher ins Spiel bringen. Daher konnte Wolfgang Petersen auch nicht die naiven Erwartungen des Autors Michael Ende erfüllen, sein Buch werde unter den gegebenen Bedingungen kongenial verfilmt. Herausgekommen ist ein spannender Unterhaltungsfilm.

Helmut Kommer

Literaturhinweise

Remy Eyssen: Der Film "Die unendliche Geschichte". Story – Dreharbeiten -Hintergrundbericht. Fotos von Karin Rocholl und Karl Heinz Vogelmann. Wilhelm Heyne Verlag, München 1984, 190 S., 6,80 DM

Ulli Pfau: Phantásien in Halle 4/5. Michael Endes "Unendliche Geschichte" und ihre Verfilmung. Mit 16 Abbildungen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1984, 168 S., 9,80 DM

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 19-3/1984 - Hintergrund - "Die unendliche Geschichte" im Spiegel der Kritik
KJK 19-3/1984 - Kinder-Film-Kritik - Die unendliche Geschichte

 

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