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Ausgabe 19-3/1984

"Ida und Lucien"

Zusammenfassung des Gesprächs mit dem Regisseur Chergui Kharoubi über seinen Film

(Interview zum Film IDA UND LUCIEN)

"Ida und Lucien" ist in erster Linie eine autobiografische Erzählung. Ich bin in Algerien aufgewachsen, und dort unterscheidet sich die Situation der Familie sehr von der europäischen. Generell wird innerhalb der Familie wenig gesprochen, und ganz besonders die Mutter ist von morgens bis abends im Haushalt beschäftigt, ohne mehr als das Allernötigste zu reden. Zwischen den älteren, schul- und arbeitsfähigen Kindern und der Mütter ist das Gespräch auf eine informative Aussage reduziert – Essenszeiten, Arbeitsaufträge und Verpflichtungen – das ist auch schon alles.

Ich konnte mit meiner Mutter niemals über ein Problem sprechen, konnte ihr gegenüber keine Gefühle zum Ausdruck bringen und habe sie seit meinem "Kleinstkindalter" nicht mehr umarmt. Für Jungen ist das sowieso unmöglich, es ist gegen die Sitte. Ich erinnere mich, wie ich sie manchmal von hinten beobachtete, mich aber schnell umzudrehen hatte, sobald sie sich mir zuwandte.

Dieses "Kommunikationsproblem" haben auch Ida und Lucien. Das ergibt sich erstmal aus der Konstellation der verschiedenen Lebensbereiche. Ida führt ein ausschließlich "internes" Leben, ihre eigenen Grenzen sind mit denen des Hofes gesteckt. Luciens Leben spielt sich überwiegend extern ab, oft ist er in seinem Waldversteck, streunt herum oder trampt in eine nahe gelegene Stadt. Im einzig gemeinsamen Schnittbereich der beiden – ich stelle mir das vor wie bei zwei geometrischen Kreisen, die sich in einem kleinen Teilfeld überlappen – sind die beiden nicht fähig, sich gefühlsmäßig auszutauschen. Für Lucien ist die Kälte der Aufträge und Beschimpfungen der Mutter unerträglich, die Ida in Momenten der eigenen Frustration auch noch, unter Alkoholgenuss, provokativ forciert. Lucien bricht aus. Durch seine mitgebrachte Vase versucht er, symbolhaft die unausgesprochene Liebe zu seiner Mutter zu artikulieren. Abgesehen von meiner ganz persönlichen Verbundenheit zum Inhalt des Films glaube ich aber auch, dass es wohl nicht ein typisch algerisches Problem zwischen Eltern und Kindern ist ...

Sie haben mich auch zur Arbeit mit Lucien während der Drehzeit befragt. Dazu muss ich sagen, diese Arbeit hat schon viel früher begonnen! Als ich Lucien das erste Mal begegnete, fiel er mir sofort in seiner extrem schlampigen und dabei sehr selbstbewussten Erscheinung auf. Dazu kommt, dass er durch diese Augenkrankheit (Lucien hat ein einseitiges Trachom, eine Virusinfektion, besonders verbreitet im Nahen Osten, in Indien, Mittelamerika, auch in Algerien, eine der häufigsten Erblindungsursachen) eine für sein Alter sehr ernste Ausstrahlung hat.

Nach einem ersten Gespräch, auch über meinen Film, erschien mir Lucien sehr geeignet für den Film. Er war mir gegenüber jedoch noch sehr verschlossen und zeigte wenig Vertrauen. Ich wollte es genau wissen. In den darauf folgenden Monaten wohnte ich zusammen mit Lucien und einigen Freunden von mir in unserer Wohnung in Brüssel. Wir waren wirklich Tag und Nacht zusammen, wegen der Aufteilung der wenigen Zimmer schliefen wir auch im selben Raum. In dieser Zeit intensivierte sich unsere Beziehung so stark, dass es eigentlich keine "Gesprächstabus" mehr zwischen uns gab. Lucien begann ein Bewusstsein zu seiner Filmrolle zu entwickeln, er wusste, welches Verhalten für den Film-Lucien typisch war und welche Reaktionen auf keinen Fall zu seinem Charakter passten.

Ob es eine Szene im Drehbuch gab, mit der er überhaupt nicht klar kam? Ja, ich erinnere mich an eine Einstellung, in der er wieder mal Ärger mit Ida gehabt hatte und aus seiner aggressiven Stimmung nach einem Huhn auf dem Weg über den Hof treten sollte. Wir haben das x-mal geprobt, aber Lucien sagte mir, dass es für ihn absolut unmöglich sei, dem Tier einen Tritt zu geben. Also habe ich diese Szene gestrichen.

Das Gespräch führte Vålborg-Ingrun Finke

 

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KJK-Ausgabe 19/1984

 

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