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Ausgabe 20-4/1984

DIE KLEINE BANDE

LA PETITE BANDE

DIE KLEINE BANDE

Produktion: Hamster Productions-Gaumont, Frankreich 1983 – Buch: Gilles Perrault – Regie: Michel Deville – Kamera: Claude Lecomte – Musik: Edgar Cosma- Laufzeit: 91 Min. – Farbe

Von der französischen Kinderfilmproduktion war in den letzten Jahren kein Angebot auf dem internationalen Kinderfilmfestival in Frankfurt zu sehen. War es Zufall oder Reflex der Schwierigkeiten, die der Kinderfilm auch in Frankreich hat? Die Lücke war auf jeden Fall schmerzlich groß. Wer Kinderfilme aus Frankreich spielen wollte, hatte kaum eine Auswahl. "Bim, der Esel" (1951) und "Die Reise im Ballon" (1960) von Albert Lamorisse, "Der Krieg der Knöpfe" (1961) und "Der Krieg der Kinder" (1963) von Yves Robert, "Der König und der Vogel" (1979) von Paul Grimault blieben neben einem Dutzend weiterer Produktionen die seltenen Exemplare einer vernachlässigten Gattung. Ist diese kulturelle Schmalspurzeit nun passé? Hat sich die Situation der französischen Kinokultur und damit auch des Kinderfilms in unserem Nachbarland geändert? Zwei Beiträge, die zum 10. Geburtstag des Frankfurter Festivals liefen, "Bloß weg hier" ("Laisse beton") von Serge Leperon und "Die kleine Bande" ("La petite bande") von Michel Deville lassen hoffen. Von entgegen gesetzten Polen her beleuchten sie das breite Spektrum der Möglichkeiten. Im harten realistischen Stil einer sozial engagierten Dokumentation enthüllt Serge Leperon die zubetonierten Verhältnisse der Banlieus von Paris und das Abgleiten des 14-jährigen Alis in die Kriminalität.

Ganz anders dagegen Michel Deville. Scheinbar unbeschwert und verspielt setzt er auf die unzerstörte und unzerstörbare Abenteuer- und Unternehmungslust einer Kinderbande. Im Alter zwischen 6 und 10 Jahren wollen sie zu siebt der Langeweile und Öde des Alltags entfliehen und ihr Glück woanders versuchen. Kurz entschlossen überqueren sie daher eines Tages den Kanal von England nach Frankreich. Aber das geht natürlich nicht so einfach. Die Bandenmitglieder müssen sich in einem Autolastzug verstecken, am Zoll vorbeischmuggeln und als blinde Passagiere stets auf der Hut sein. Getrieben von Hunger und Neugier bringen sie nach einer Strandübernachtung eine französische Kleinstadt durcheinander. Sie verschütten die Milch des Bauern, stoßen einen Fischstand um und platzen unversehens in die Gedenkfeier eines Veteranenvereins.

Ihr unbekümmertes Handeln und ihre Streiche werden von den Erwachsenen nicht toleriert. Im Gegenteil. Sie werden gejagt, von der Polizei, von der Feuerwehr, schließlich von der ganzen Stadt. Ein Zirkuszelt bietet Schutz. Obwohl sie sich als Orchester-Musiker verkleiden, werden sie bald erkannt. Bei ihrer panikartigen Flucht lassen sie das Zirkuszelt einstürzen und gewinnen Zeit. Von einem netten Kapitän aufgenommen, beginnt eine Flussfahrt, doch der entpuppt sich als Kinderfänger. In einem Winzerkeller werden sie festgehalten. Erneute Selbstbefreiung mit Hilfe eines großen Fasses. Dann erfolgt der Gegenschlag von der Polizei, die die Kinder in eine Klinik einliefert. Dort werden sie auf ihren Geisteszustand untersucht. Bei den verschiedenen psychologischen Tests erweisen sich die Kinder jedoch als so normal und widerspenstig, dass das gesamte Klinikpersonal an ihnen irre wird und die erwachsenen Weißkittel abtransportiert werden müssen.

Die Kinder erleben nicht nur verschiedene Reisestationen, sondern auch abwechslungsreiche Reiseformen. Auf Tramptour werden sie von denselben Erwachsenen, nur in anderer Gestalt und anderem Kostüm, entführt, denen sie auf der Kanalfähre begegnet waren: im Rolls Royce ein Gentleman, eine urdeutsche Trachtengruppe, eine Nonnenschar, zwei Hare-Krishna-Jünger, zwei Scheichs, ein komisches Ehepaar. Aus den Klauen dieser Ganoven und Peiniger werden die Kinder von einer herumstreunenden Katze befreit, die auf wundersame Weise einen Fesselballon herbeizaubert, mit dem sie sanft in den Himmel entschweben. Auf der Suche nach ihrem festgehaltenen Bandenführer und der kleinen Göre, die dem Kidnapping des Kapitäns nicht entkam, gerät die Restbande in eine mysteriöse Höhle. Hier müssen sie mit Schrecken erkennen, dass ihre Verfolger dabei sind, die beiden gefangenen Kinder durch eine große Maschine in kleine hässliche Erwachsene zu verwandeln. In dieser ausweglosen Situation erscheint der einzige erwachsene Schutzengel, den die Kinder bereits beim englischen Zoll kennen gelernt haben. Ohne seine Identität preiszugeben, betäubt der Unbekannte per Laserpistole die Erwachsenen. Nach der glücklichen Rückverwandlung der beiden Kinder entkommen alle und wollen zurück nach England. Ihr Schiff kentert jedoch bereits beim ersten Sturm, so dass sie auf einer Insel stranden. Ironisch endet der Film – die nächste Abenteuerfolge kommt bestimmt.

Devilles realistisch-phantastischer Ausreißerfilm ist typisch französisch. Locker, spritzig und geistreich legt er los. Wie in einer bunten Revue werden am laufenden Band witzige Einfälle, Gags und verblüffende Überraschungen produziert. Klare, schöne, in sich stimmige Einstellungen lösen sich wie hingewürfelt ab. Eine Dramaturgie unerwarteter Wechselfälle und Verwicklungen sorgt für eine turbulente und geheimnisvolle Stimmung, der wir uns genussvoll hingeben dürfen. Deville hat die Kinder und die Lacher auf seiner Seite. Eine nicht enden wollende Kette von Ereignissen hält sie in Schwung und bester Laune.

Die sieben Kinder werden nicht als Einzelcharaktere vorgeführt, sondern als eine Gruppe Gleichgesinnter. Sie sind einerseits Akteure, andererseits Spiel- und Tretball der Erwachsenen und der Intrige. Als Verfolgte und sich zur Wehr Setzende torkeln sie von einer Falle in die andere, lassen sich jedoch nie unterkriegen. Der Film ist eindeutig und klar konzipiert. Die kleine Bande ist oppositionell. Sie verletzt Normen und Konventionen einer Welt, in die sie hineingeboren ist und die ihren Bedürfnissen nicht gerecht wird. Die Kinder können sich nur als Bande gegenüber einer regelsüchtigen und kinderfeindlichen Erwachsenenwelt behaupten. Damit dieses Kunststück gelingt, müssen sie ihre Wildheit, Spontaneität, Frechheit und Frivolität bewahren. In der Höhlenszene, die zugleich eine Schlüsselszene des Films darstellt, wird das Dilemma symbolisiert. Die kleine Bande muss ihr Recht auf eine eigene Kindheit gegenüber dem gewaltsamen Übergriff der Erwachsenen verteidigen.

Die Frankfurter Kinderjury hat diese Botschaft verstanden. Aber es war nicht die Botschaft allein, die sie veranlasste, diesen Film mit einem zweiten Preis auszuzeichnen. Ihnen gefielen die Aktion und das Tempo des Films, die flotte Schnittfolge der Handlungs- und Schauplätze, die nicht konstant sind und nicht logisch verknüpft werden. An zahlreichen geheimnisvollen Figuren, Szenen und Gags (der unbekannte Helfer, die hilfreiche Katze, das mysteriöse Schloss, die sterbende Frau, die Motorrad fahrenden Girls etc.) hatten sie ihren Spaß. Besonders angetan waren sie vom originellen Stil und der experimentellen Technik des Films. Denn anders als durchschnittliche Kinofilme verzichtet der Regisseur ganz auf Sprache, Worte und Dialoge. Stattdessen verlässt er sich ganz auf die Plausibilität der Grammatik und Syntax der Bilder, die eindrucksvoll von Musik und Geräuschen unterstützt wird. In den Worten der Kinderjury: "Echt spitze", "irre witzig" und "mal ganz anders gemacht".

Und wer wollte das leugnen. Die Sprachlosigkeit, ebenso wie die groteske Abenteuerlichkeit und Komik sind gerade die bewundernswerten Stärken dieses Films, der "pour toute la famille" zu empfehlen ist. Mit schönen Bildern, versteckten Anspielungen, heillosen Verwechslungen und Slapstick-Nummern, mit Szenen zum Gruseln und Szenen zum Lachen steht "Die kleine Bande" in ihren besten Stellen in der Nachfolge der unvergesslichen Filmkomödien von Tati.

Helmut Kommer

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DIE KLEINE BANDE im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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