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Ausgabe 20-4/1984

"Unsere Arbeitsmethode ist mit einem dauernden Lernprozess verbunden"

Interview mit dem Filmkollektiv 'Grupo Chaski'

(Interview zum Film GREGORIO)

Das peruanische Filmkollektiv 'Grupo Chaski' hat nach dem 45-minütigen Dokumentarfilm "Miss Universo en el Peru" seinen zweiten Film fertig gestellt. Bei der zweiten Arbeit handelt es sich um einen dokumentarischen Spielfilm mit dem Titel "Gregorio" (90 Min., Farbe, 16mm). Thema dieses Films ist der Exodus vom Land in die städtischen Ballungszentren, der Aufeinanderprall zweier Welten. Erzählt wird die Geschichte des zwölfjährigen Indiojungen Gregorio, der zusammen mit seiner Familie vom Andendörfchen Recuayhuanca in die Millionenstadt Lima zieht.

Die 'Grupo Chaski' wurde Anfang 1982 in Lima, Peru, gegründet. Der Name 'Chaski' stammt von den Meldeläufern des Inkareiches, die mit dem Stafettensystem erstaunliche Kommunikationsleistungen vollbrachten. Dank ihres Einsatzes gelangten Waren und Informationen in relativ kurzer Zeit an die abgelegensten Punkte des Landes. Die Gruppe will Filme herstellen, die etwas mit der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Wirklichkeit Perus zu tun haben. Die Filme entstehen in enger Zusammenarbeit mit den am meisten benachteiligten Bevölkerungsschichten. Dabei sollen die Betroffenen nicht Objekte sein, sondern zu Darstellern und Protagonisten in diesen Filmen werden. Es sollen diejenigen eine Stimme erhalten, die bisher aus dem herrschenden Mediensystem ausgeschlossen blieben. Zurzeit besteht die Gruppe aus Maria Barea (40), Susana Pastor (27), Fernando Espinoza (42), Alejandro Legaspi (36) und Stefan C. Kaspar (36). Alle verfügen über eine langjährige Erfahrung in der praktischen Filmarbeit.

Seit der Gründung der Gruppe konnten zwei Filme realisiert werden:

"Miss Universo en el Peru" (16mm, 45 Min., Farbe, Dokumentarfilm, 1982, Verleih BRD: EMZ Bayern und Württemberg; Schweiz: Filmpool; Selecta; Zoom) In diesem Film geht es um die Konfrontation gegensätzlicher Frauenwirklichkeiten, um die Verwendung der Frau in der Werbung für Konsumprodukte, um die Rolle des Massenmediums Fernsehen in einem Drittweltland und um den amerikanischen Kulturimperialismus in Lateinamerika.

Der Film wurde mit dem "Kukuli-Preis" für die beste peruanische Produktion des Jahres ausgezeichnet. Internationale Preise: Beim Festival des lateinamerikanischen Films in La Havana, Kuba / "Goldenes Eichhorn" beim Filmfestival in Amsterdam, Niederlande / Preis der Jury beim Festival von Biarritz, Frankreich / Preis des Publikums beim Festival von Nyon, Schweiz.

"Gregorio" (16mm, 90 Min., Farbe, dokumentarischer Spielfilm, 1983/84, Verleih: Matthias Film, Gänsheidestr. 67, 7000 Stuttgart 1)

KJK: "Gregorio" ist soeben fertig gestellt worden. Wie ich weiß, habt Ihr große Probleme mit der Finanzierung gehabt. Könnt Ihr uns erzählen, woher die Idee zum Film kommt und wie Ihr es trotz finanzieller Risiken geschafft habt, ihn zu realisieren?
Grupo Chaski: "Der Emigrantenstrom vom Land in die städtischen Ballungszentren ist eines der gravierenden Probleme, mit denen sich die Länder der Dritten Welt auseinander zu setzen haben. Für Filmschaffende, die sich mit den wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnissen eines Landes befassen wollen, liegt das Emigrationsthema nahe. Für das Drehbuch konnten wir auf eigene Recherchen zurückgreifen: Während längerer Zeit hatten wir mit zehn Emigrantenkindern aus den Barriaden oder Elendsvierteln von Lima zusammengearbeitet. Die Kinder schilderten uns ihr Leben im Andendorf und ihre ersten Erfahrungen in der Großstadt. Die Abschrift der Tonbänder ergab über 600 Schreibmaschinenseiten, Schilderungen, die uns in ihrer Sicht und Direktheit betroffen machten. Als Filmen spürten wir die Verantwortung unserer Rolle. Es war nun an uns, die Botschaft, die wir von den Kindern über Schwierigkeiten und Hoffnungen ihrer Lebenssituation erhalten hatten, in unser Medium umzusetzen und sie mit gleicher Kraft und Intensität an einen möglichst großen Kreis von Zuschauern heranzutragen. Aus dem direkten Kontakt mit den Menschen, um die es im Film geht, schöpften wir unsere Ausdauer und Hartnäckigkeit.
Die Finanzsuche war schwierig und unendlich lang. In Peru selber wird kritisches Filmschaffen nicht unterstützt. In Europa werden die Subventionen praktisch ausschließlich für nationale Filme eingesetzt. Auf Verständnis stieß das Filmvorhaben lediglich bei Entwicklungshilfeorganisationen, die jedoch mit ihrer Unterstützungsarbeit für Projekte im Medienbereich erst am Anfang stehen und deshalb zurückhaltend reagierten. Trotzdem tauchten immer wieder Leute auf, die vor neuen Wegen und den damit verbundenen Risiken nicht zurückschrecken. Auf Chaski-Seite war es nur mit Engagement, Ausdauer und starken persönlichen Einschränkungen zu schaffen."

Bei den Finanziers fehlt das Fernsehen. Hatte es an Eurem Projekt kein Interesse?
"Die Gesuche wurden abgelehnt. Das Fernsehen zählt nicht zu den risikofreudigen und fortschrittlichen Institutionen. Dies wird vor allem bei der Berichterstattung aus der Dritten Welt deutlich. Das Fernsehen beschränkt sich fast ausschließlich auf das eigene Korrespondentennetz oder auf eigene Teams, die für zwei bis drei Wochen an irgendeinen Brennpunkt des Geschehens geschickt werden. So entstehen Filme, die dem technischen und formalen Standard sowie den Sehgewohnheiten des Publikums entsprechen. Die Themenauswahl zielt auf das Spektakuläre, auf Kriege, Gewalt, Katastrophen und Elend. Damit rücken die Menschen anderer Kulturen kaum näher. Das tiefere Verständnis für ihre alltägliche Lebenssituation wird verbaut.
Um diesen Zustand zu überwinden, müsste das Fernsehen die Zusammenarbeit mit einheimischen Filmemachern suchen, die die Verhältnisse in ihren Ländern wirklich kennen und deshalb andere Akzente setzen. Peru beispielsweise lässt sich nicht auf die Terroristengruppe 'Sendero Luminoso' und auf die Toten von Ayacucho beschränken. Um diese Gewaltsymptome zu verstehen, müssten die sozialen Zusammenhänge tiefer ausgeleuchtet werden. Und dazu reichen die dreiwöchigen Aufenthalte ausländischer Fernsehteams nicht aus."

Ihr macht Eure Filme als Gruppe. Welches sind Eure Arbeitsmethoden? Normalerweise gibt es den herausragenden Regisseur.
"Filme entstehen immer als Resultat einer Gruppenarbeit. Die Frage ist nur, wie demokratisch oder undemokratisch die Gruppen funktionieren, die sie realisieren. Die hierarchische Arbeitsweise während den Dreharbeiten ist Folge davon, dass während der Entstehungsphase eines Films meist nur einzelne Personen beteiligt sind, die dann über einen derartigen Wissensvorsprung verfügen, dass die anderen über die Techniker- und Spezialistenrolle nicht hinauskommen. Wir versuchen, diese Hierarchiebildung zu verhindern, indem wir von Anfang an Beteiligungsmöglichkeiten für alle Gruppenmitglieder schaffen. Dies gilt beispielsweise für die Wahl des Themas, die Recherchen, die Diskussion des eingeholten Dokumentationsmaterials sowie die Ausarbeitung des Drehbuchs.
Sowohl bei 'Miss Universo' wie bei 'Gregorio' fanden viele wichtige Gespräche und Diskussionen bereits vor Aufnahme der Dreharbeiten statt. Wir versuchten jeweils, eine Art Gruppenkonsens zu erreichen, der uns dann für die Drehphase als Richtlinie diente. Während den Dreh- und Montagearbeiten verteilten wir Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die jedoch in ständigem Gedankenaustausch mit der ganzen Gruppe ausgeführt wurden. Unsere Arbeitsmethode ist mit einem dauernden Lernprozess verbunden, der nicht ohne Schwierigkeiten und Widersprüche abläuft. Die bisherigen Erfahrungen haben jedoch unseren Glauben an die Wichtigkeit der Gruppenarbeit bei der Herstellung von Filmen gestärkt."

Ihr habt den Film in Peru gedreht und werdet ihn auch dort auf den Markt bringen. Was bezweckt Ihr mit diesem Film. Interessiert den Peruaner, dem es schlecht geht, dies auch noch im Film zu sehen?
"In Europa besteht eine Tendenz, das Thema Dritte Welt auf eine Sicht von Elend und Hoffnungslosigkeit zu reduzieren. Solche Filme würden hier kritisch aufgenommen, weil sich die Menschen nicht so sehen. In 'Miss Universo en el Peru' und in 'Gregorio' haben wir versucht, diesem Klischee aus dem Weg zu gehen. Neben allen Ungerechtigkeiten, Hindernissen und Rückschlägen werden auch der Kampf, die Hoffnung und die Lebenskraft der Menschen gezeigt. Unsere Protagonisten sind nicht nur Objekte und Opfer von ungerechten sozialen Zuständen, sie handeln und stellen sich in ihrer menschlichen Vielfalt selber dar. Es sind Bilder, die etwas mit der Alltagswirklichkeit der Mehrheit der Peruaner zu tun haben, und diese Bilder stoßen hier auf ein sehr großes Interesse.
Wir haben diese Erfahrung mit unserem ersten Dokumentarfilm gemacht, der seit seiner Fertigstellung im Oktober 1982 ununterbrochen für Vorführungen angefordert wird. Die Reaktion des Basispublikums ist sehr intensiv, Applause und Kommentare während der Vorführungen sind die Regel, oft finden nach Schluss des Films heftige Debatten statt. Auch mit 'Gregorio' wird es nicht anders sein. Eine erste 'Testvorführung' hat uns in dieser Annahme bestärkt. Das Publikum scheint diese Filme als 'ihre Filme' zu empfinden. Es unterscheidet sie klar vom Entfremdungsangebot des Fernsehens und des Kommerzkinos."

Ihr werdet den Film auch in der Schweiz und in Deutschland auswerten. Habt Ihr den Eindruck, dass "Gregorio" auch den deutschen und schweizerischen Zuschauer interessiert?
"In Europa besteht ein Vorurteil, das vor allem von den Fernsehanstalten gepflegt und verstärkt wird. Nach diesen Normen sollte ein Film über die Dritte Welt gewissen formalen, technischen und inhaltlichen Sehgewohnheiten des europäischen Publikums entsprechen. Wichtig sei zudem ein 'Deutschland-, oder Schweizbezug', um beim Publikum Interesse auszulösen. Diese Kriterien sind eigentlich ein Trick, um die Filmemacher und die Menschen dieser Länder nicht selber und direkt zu Wort kommen zu lassen. In gewisser Weise stellen sie eine doppelte Bevormundung dar: auf der einen Seite der Menschen und Filmemacher in den Ländern der Dritten Welt, die sich über das Medium Film ausdrücken und mitteilen möchten – auf der anderen Seite des europäischen Zuschauers, der sich so mit Informationen aus zweiter und dritter Hand abfinden muss. Wir hoffen, dass es in der Schweiz und in Deutschland möglichst viele Zuschauer gibt, die über den Film 'Gregorio' die Möglichkeit nutzen, einen Blick zu tun auf eine typische peruanische Lebenssituation. Wir hoffen, dass möglichst viele Zuschauer des oben genannten Tricks etwas müde sind – ein Fenster braucht ja nicht immer ein Spiegel zu sein."

Das Gespräch führte Friedemann Schuchardt

 

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