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Ausgabe 55-3/1993

DAS EICHHÖRNCHEN UND DIE ZAUBERMUSCHEL

VEVERKA A KOUZELNA MUSLE

Produktion: Barrandov Film Studios, CSSR 1988 – Regie und Buch: Vera Plivová-Simková – Kamera: Antonín Holub – Musik: Michal Pavlícek – Darsteller: Helena Vitovská, Tereza Vokurková, Jan Kalous, Jiri Schmitzer u. a. – Länge: 77 Min. – Farbe – Verleih: Progress (35mm) – Altersempfehlung: ab 6 J.

Im November 1992 zeigte die ARD den ersten der beiden "Eichhörnchen"-Filme, deren Titelheldin die etwa fünfjährige kleine Kacka ist, die mit ihrer Familie und der Oma "Pralinchen" auf dem Land lebt. Damals musste sie sich damit abfinden, dass sie statt des gewünschten Schwesterchens gleich zwei Brüder bekam. Diesmal jedoch ist der Schmerz ungleich größer: Der über alles geliebte Opa väterlicherseits stirbt kurz nachdem er wegen eines Krankenhausaufenthaltes der Oma ins Haus der Familie gezogen war. Der Film beginnt mit der Beerdigung und erzählt in Rückblenden aus der Erinnerung des Mädchens die Geschichte eines unbeschwerten Sommers, den Kacka mit dem Opa und ihren Freunden verbrachte: Sie gehen fischen, streifen im Wald umher und haben viel Spaß. Eines Tages schenkt ihr der Opa eine große Südseemuschel. Diese Muschel hat erstaunliche Fähigkeiten: Sie kann Dinge und Menschen herbeizaubern, aber auch den Wind und das Meer beeinflussen. Doch wie alle Zaubergeschenke ist sie nicht ungefährlich: Selbstsüchtige Wünsche verwandeln Kacka in eine abscheuliche Meduse. Die Muschel hilft ihr aber auch, mit der Trauer um den Opa fertig zu werden. Denn während die Erwachsenen sich auf die Beerdigung vorbereiten, flieht sie mit der Muschel in eine Traumwelt, wo sie mit ihrer besten Freundin, vielen erdachten Tieren und dem Nachbarjungen Honza nach Herzenslust spielen und vor allem vergessen kann. Aber sie lernt auch, dass es immer einen Abschied gibt und dass Traumwelten nicht wirklich beständig sind. Und so kann sie am Ende Abschied nehmen vom Opa.

Mit diesem Film wagte sich die renommierte tschechische Kinderfilmregisseurin an ein gerade im Kinderkino heikles Thema, den Tod und wie Kinder damit umgehen. Getragen von einer spontanen und natürlichen Hauptdarstellerin, entstand ein gelegentlich etwas zu pädagogischer Film, der sich ähnlich wie Fred Noczynskis "Sprache der Vögel" (1991) an Kinder im Vorschulalter richtet. Plivová-Simkovás Film ist dabei vor allem für ein Publikum gedacht, das den ersten Film bereits kennt – beide entstanden im Verlauf eines Jahres und wurden in der damaligen CSSR auch in kurzem zeitlichen Abstand gezeigt –, denn im ersten Teil sind die Übergänge zwischen Real- und Traumsequenzen noch deutlich markiert, während sie im zweiten Film teilweise recht unvermittelt geschehen. Da jedoch beide Filme Real- und Traumwelt formal und ästhetisch auf dieselbe Weise voneinander trennen, ist das Publikum durch den ersten Film eingestimmt und weiß jeweils sofort, wo der Film gerade spielt. Aber auch so ist das Spiel mit den verschiedenen Ebenen virtuos und ohne Kenntnis des ersten Films erkennbar, wenn auch mit einiger Verzögerung. Dabei folgt die Kamera den Kindern im Film sehr oft hautnah und es scheint, als sei sie nur zufällige Beobachterin spielender Kinder – sicherlich noch die beste Methode, mit so jungen Darstellerinnen umzugehen.

Störend wirkt dabei allein, dass vor allem die Geschichten und Sequenzen in Kackas Traumland doch manchmal zu pädagogisch daherkommen und die Muschel zuweilen zum Zeigefinger der Filmemacherin verkommt. Die Spielfreude der Kinder und der Einfallsreichtum des Drehbuchs sorgen jedoch dafür, dass dies das Kinderpublikum kaum stören dürfte. Da wird nach Herzenslust fabuliert: Aus Steinen werden kleine Krokodile, die Muschel zaubert ein Pferd und einen Delphin herbei. Und so nähert sich der Zuschauer auf ganz einfache Weise der Kindersicht einer Welt, die im Spiel und in der Phantasie versucht, das Unfassbare zu fassen. Im Umgang mit dem schwierigen Thema erweist sich das Talent der Filmemacherin: Ohne daraus dröge Belehrung oder ein melancholisches Trauerstück zu machen, zeigt sie, wie das Mädchen den Verlust verarbeitet und wie sie die Kraft dazu vor allem aus sich selbst und ihren Freunden schöpft, aber auch aus dem liebevollen Rückhalt, den ihr die Familie bietet, ohne dass diese einen idyllischen oder geschönten Eindruck macht.

Vera Plivová-Simkovás Film überzeugt durch die geschickte Verbindung von Real- und Traumwelt, die zugleich auch die Phantasie des Kinderpublikums anzuregen vermag, dem mit der kleinen Kacka eine ansprechende Hauptfigur geboten wird, in deren Spielen und Träumen es sich wiedererkennen kann. Ein leichter, aber nicht leichtfertiger Film zu einem schwierigen Thema für ein Publikum, dem gerade hierzulande im Kino nicht allzu viel geboten wird. Denn ernst zu nehmende Filme für kleinere Kinder sind nach wie vor Mangelware im Kino.

Lutz Gräfe

 

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