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Ausgabe 22-2/1985

"Ein Film ohne Publikum ist kein Film"

Interview mit Guido Pieters

(Interview zum Film CISKE, DER KLEINE HALUNKE)

"Ciske, der kleine Halunke" hieß einer der beiden niederländischen Beiträge des diesjährigen Kinderfilmfests Berlin. Sein Regisseur Guido Pieters bekam für diesen Film von der internationalen UNICEF-Jury eine lobende Erwähnung. Reinhold F. Bertlein sprach während der Berlinale mit Guido Pieters, dessen Film "Dr. Vlimmen" vor zwei Jahren bei der ARD zu sehen war.

KJK: Wie bist Du auf die Idee zu dem Film gekommen?
Guido Pieters: "Ein Freund machte mich auf das Buch aufmerksam. Es stellte sich heraus, dass die Filmrechte nicht verlängert waren – Wolfgang Staudte verfilmte das Buch in den 50er-Jahren schon einmal – so konnte ich an die Rechte des Buches kommen. Mit den Rechten des Buches in der Hand, begannen wir das Drehbuch zu schreiben."

Was hat Dich an dem Buch besonders interessiert?
"Ein paar Dinge. Erstens: Ich wollte sehr gerne einen Film mit einem Kind drehen. Und zweitens interessierte mich die Geschichte."

Warum?
"Ich finde es eine sehr gute Geschichte, weil sowohl Eltern als auch Kinder gezeigt werden, die nicht gut miteinander kommunizieren können. Der Junge wird von seinem Vater wie von seiner Mutter vor den eigenen Karren gespannt. Und am Ende nimmt das einen katastrophalen Verlauf. Die Geschichte zeigt auf, wie Menschen durchs Leben gehen, ohne dass sie – wie das im normalen Leben so oft geschieht – genügend über die Dinge nachdenken."

Welche Dinge?
"Wenn man sieht, wie gewissenlos eigentlich der Vater mit seinem Sohn umspringt, da kriege ich eine Gänsehaut von. Auf der anderen Seite: Er liebt seinen Sohn über alles."

Er wurde aber doch sehr sympathisch dargestellt.
"Das ja, aber er ist halt auch sehr unbesonnen. Und die Mutter, das ist ein sehr komplizierter Typ. Sie steht eigentlich auch mit dem Rücken zur Wand und kann nicht anders."

Du hast den Film aus der Perspektive des Kindes gemacht, das kommt auch in den Kamerastandpunkten zum Ausdruck. Hast Du daran gedacht, dass dies eine gute Möglichkeit ist für Kinder, um aus dieser Perspektive heraus der Geschichte zu folgen?
"Ich habe eigentlich keinen Moment darüber nachgedacht, ob Kinder hieran interessiert sind oder nicht. Wenn man einen Film macht, dann weiß man doch nie, wer zu ihm ins Kino kommt. Du kannst zwar sagen, diese oder jene ist meine Zielgruppe. Doch das stimmt doch nie!"

Du hast also nicht in erster Linie einen Kinderfilm machen wollen?
"Absolut nicht! Es ist auch kein Kinderfilm. Es ist ein Film für Alt und Jung. Und manche Jüngere und manche Ältere amüsieren sich bei dem Film absolut nicht und andere tun das sehr wohl ..."

Bist Du der Meinung, dass Filmemacher keine spezifischen Kinderfilme machen sollten, sondern Filme, die für alle Altersgruppen geeignet sind?
"Ja, das finde ich ganz sicher. Die meisten Kinderfilme, die ich kenne, die haben eine furchtbare Art von Moral, von, der mir übel wird. Und ich denke, dass Kinder heutzutage schlau genug sind und sich nicht manipulieren lassen von all diesen Pseudoerziehern, die sogenannte 'weltverbessernde Geschichten' in die Welt setzen."

Nun in "Ciske" sitzt doch auch eine 'weltverbessernde Moral'?
"Insofern, als der Film vorsichtig probiert deutlich zu machen, dass, wenn Menschen nicht gleichgültig miteinander umgehen, sie ein ganzes Stück weiterkommen. Doch viel weiter geht der Film nicht."

Ist der Titel des alten Films – 'Ein Kind sucht Liebe' – nicht das eigentliche Credo Deines 'Ciske-Films'?
"Das ist ein schöner Titel. Auch unser Ciske ist auf der Suche nach Zärtlichkeit. Und wo er die kriegen kann, da geht es aufgrund der Umstände nicht, und wo er sie kriegen müsste, bekommt er sie nicht."

Ich will noch gerne über eine der Schlüsselszenen sprechen, nämlich die Szene, in der Tante Jans der Mutter von Ciske die Tür weist mit den Worten 'Wenn Du Ciske keine Liebe gibst, dann tu' ich es – und jetzt raus aus meinem Haus!'. Dort wurde sehr deutlich die Moral des Films auf einen Nenner gebracht. Und ich habe bei den Zuschauerkindern bemerken können, dass sie aufatmeten, so im Sinne von 'so, das ist endlich einmal ausgesprochen!'. War das Absicht?
"Ja! Ich fand, dass das in dem Film einmal gesagt werden musste."

Die zweite Schlüsselszene – als Ciske seine Mutter ersticht – wird von manchen, vor allen Dingen von Erwachsenen, als zu blutrünstig für Kinder erfahren. Was sagst Du zu dieser Kritik?
"Ich kann da nur eine Antwort darauf geben. Wenn man eine Halsschlagader eines Menschen erwischt, dann blutet das halt entsetzlich und es ist natürlich Unsinn, wenn man dann anfängt zu stilisieren im Film. Darüber hinaus: Wenn man das unter den Teppich kehrt, dann wirste unglaubwürdig. Schließlich biste neunzig Minuten damit beschäftigt, eine Geschichte zu erzählen und das, worum es dann geht, das zeigste dann nicht ..."

Du meinst, dass man Sex und Gewalt ohne weiteres in einem Film zeigen kann, den sich auch Kinder ansehen?
"Ja, wenn das in den richtigen Kontext gesetzt wird, das eine mit dem anderen zu tun hat, sich daraus entwickelt, durchaus – dann sollte man das nicht vor den Kindern wegmuffeln."

Was macht Deinen Film für Kinder geeignet?
"Es geht in dem Film um einen Altersgenossen, der es schwer hat, und wie er sich dagegen wehrt und wie er es am Ende schafft, mit ein wenig Hilfe von außen, seine Probleme zu meistern. Kinder können sich daran ein wenig hochziehen, glaube ich. Das beweist auch die Tatsache, dass der Junge für sehr viele Kinder ein bisschen ein Idol geworden ist ... und die Kinder im Kino, die identifizieren sich sehr stark mit Ciske."

Der Film ist zu einem riesigen Publikumserfolg geworden. Überrascht?
"Überrascht und froh! Ich finde: Ein Film ohne Publikum ist kein Film. Und wenn man weiß, dass Dreiviertel des Publikums zwischen 12 und 22 Jahren alt sind, dann finde ich, dass man als Filmemacher auch einmal darüber nachdenken sollte, was diese Gruppen von Zuschauern interessiert und probieren, dafür Filme zu machen."

Wird Guido Pieters in Zukunft noch mehr Filme machen, die sich an diese Altersgruppe richten?
"Wir probieren jetzt einen Film zu machen – von dem gibt es schon zwei ähnliche Filme – der auf den Geschichten von Til Uylenspiegel beruht."

Ein Thema für Kinder!
"Das hoffe ich. Es soll ein schöner Abenteuerfilm werden, der sich im 16. Jahrhundert abspielt. Dabei will ich mal ein ganz anderes Genre ausprobieren."

Interview: Reinhold F. Bertlein

 

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