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Ausgabe 23-3/1985

IM INNERN DES WALS

Produktion: DNS-Film / Haro Senft Filmproduktion / NDR – Drehbuch und Regie: Doris Dörrie – Kamera: Axel Block – Ton: Sven Funke – Musik: Klaus Bantzer – Darsteller: Janna Marangosoff (Carla Frank), Eisi Gulp (Rick), Peter Sattmann (Erwin Frank), Silvia Reize (Martha Frank) u. a. – Laufzeit:103 Minuten – Farbe – 35mm-Verleih: COSMOS Filmverleih, München

Es fängt an wie ein Tatort-Fernsehkrimi, und man denkt schon: Ach mein Gott, nur nicht schon wieder so ein Polizisten-Drama von einem, der seine persönlichen Probleme nicht aus seinem Beruf heraushalten kann. Aber der Film dreht sich, wie sich bald herausstellt, doch nicht um Erwin Frank, der bei der Polizei arbeitet und seit zehn Jahren von seiner Frau Martha geschieden ist, was er als persönliche Niederlage empfindet und ihn aggressiv gemacht hat. In den Mittelpunkt gerückt wird vielmehr seine 15-jährige Tochter Carla, die nach einer heftigen Auseinandersetzung mit ihrem Vater von dort abhaut, um ihre Mutter zu suchen, die irgendwo in Norddeutschland lebt. Bei ihrer Flucht trifft sie auf Rick, einen jungen Allround-Künstler aus der Schwabinger Szene, der, so will es die Film-Dramaturgie, kurz vorher mit Erwin Frank wegen einer Lappalie in für ihn schmerzliche Berührung gekommen war. Die sich nun anbahnende spröde Freundschaft zwischen Carla und Rick hebt den Film aus dem Tatort-Milieu heraus und gibt ihm eine anrührende Atmosphäre.

Die Regisseurin Doris Dörrie muss wohl eigene Erfahrungen ihrer Jugend mit verarbeitet haben, denn es gelingt ihr, die Figur der Carla glaubhaft zu zeichnen: Es entsteht das Porträt eines Mädchens zwischen Noch-Kindsein und Noch-Nicht-Erwachsensein mit all den subjektiv als belastend empfundenen Brüchen ihres Entwicklungsstadiums, die zusätzlich verschärft sind durch die unglückliche Konstellation in der Beziehung ihrer Eltern. Der Wunsch nach Sicherheit und Vertrauen wird sichtbar und nachempfindbar in ihrer langsam sich entwickelnden Beziehung zu Rick, der sein kumpelig menschliches Interesse an ihr zunächst selbst nicht definieren kann. Er ist belustigt und berührt zugleich von ihrer fast kindlich-schwesterlichen Zuneigung zu ihm, und er hat doch zugleich ein wenig Angst vor einer ihm möglicherweise zuwachsenden Rolle eines "Ersatz-Vaters".

Das filmische Resultat dieser ungewöhnlichen Zweierbeziehung sind schöne, teils melancholische, teils komische Szenen, die sich hauptsächlich visuell vermitteln und die knappen Dialoge auf den zweiten Rang verweisen. Vieles bleibt dabei, und das ist sympathisch, unausgesprochen in der Schwebe, manches muss vom Zuschauer, sofern er dazu durch den ruhigen Rhythmus des Films motiviert wird, entschlüsselt werden. So zum Beispiel der Symbolgehalt vom "Innern des Wals", der dem Film den Titel gab. Carla hat aus ihrer Kindheit gute Erinnerungen an einen riesigen ausgestopften Walfisch, der auf einem Lastwagenanhänger auf Rummelplätzen ausgestellt wurde und den sie vielleicht zusammen mit ihren Eltern besucht hatte. In das "Innere" dieses Riesentieres projiziert sie unbewusst ihr Gefühl von Geborgenheit, was aber nicht aufdringlich vordergründig erzählt wird, sondern mehr beiläufig bei einigen flüchtigen Begegnungen mit diesem Rummelplatz-Wal zusammen mit Rick. Der hat für sie auf eine unreflektierte Weise etwas mit dem geheimnisvollen, unerforschten Innern des Wals zu tun in seiner gutmütigen, unbekümmerten, aber doch auch für sie ein wenig befremdlichen Wesensart. Diese psychologisch subtil herausgearbeitete, ruhig und geduldig (und Geduld und Ruhe voraussetzende) ins Optische übertragene Entwicklungsgeschichte im Mittelteil des Films macht seine eigentliche Qualität aus, die er leider am Ende wieder verliert, wenn er in die spektakuläre Banalität des Tatort-Genres zurückkehrt.

So empfindsam und schlüssig die in ihrer auch formal interessanten und sehenswerten Erzählweise überzeugende Carla-Rick-Geschichte sich darbietet, so vergleichsweise flach, konturlos und unglaubwürdig bleibt die Rahmenhandlung der zerstrittenen Elternbeziehung, die unmotiviert in Mord endet. Zu wenig Interesse hat, so scheint es, die Regisseurin auf die genaue Zeichnung ihrer Erwachsenen-Protagonisten verwandt, denen sie kaum Gelegenheit gibt, ihre Rollencharakteristika nachvollziehbar zu entwickeln. Die Gründe für die Verwundbarkeit und Flucht des Vaters in die Aggressivität zum Beispiel sind nur mit wenigen flächigen Strichen skizziert – zu wenig, um dem Film jene innere Spannung zu geben, die ihn zu einem wirklich bedenkenswerten Konfliktgemälde hätte machen können: die immer latent vorhandene Spannung im Zusammenleben dreier unterschiedlichen Generationen und Geschlechtern angehörenden Menschen und ihrer Außenbeziehungen.

So hinterlässt der Film einen zwiespältigen Eindruck, der auch eine eindeutige Empfehlung zum Beispiel für jugendliche Zuschauer schwierig macht. Gewiss können Jugendliche sich selbst und einige ihrer Probleme in Carla und Rick wiederfinden. Gewiss hat ihre Geschichte genügend emotionale Kraft für eine Identifikation mit ihnen und auch für ein Mitempfinden für ihre schwierige Situation. Und gewiss hat der Film für Jugendliche auch Unterhaltungsqualität. Aber genügt das alles, ihn als einen für junge Menschen rückhaltlos zu empfehlenden Film herauszustellen? Seine beschriebene dramaturgische Ambivalenz auf der einen Seite, aber auch die Art und Weise, wie er letztlich junge Zuschauer mit ihren eventuell durch den Film aufgeworfenen Fragen nach einer auch für sie akzeptablen Lösung der dargestellten Konflikte allein lässt, müssen die Antwort auf diese Frage wohl eher verneinend ausfallen lassen.

Bernt Lindner

 

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