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Ausgabe 24-4/1985

MANGANINNIE

Produktion: Tasmanian Film Corporation, Australien 1980 – Drehbuch: Ken Kelso, nach der gleichnamigen Erzählung von Beth Roberts – Regie: John Honey – Kamera: Gary Hansen – Schnitt: Mike Woolveridge – Musik: Peter Sculthorpe – Darsteller: Mawuyul Yanthalawuy (Manganinnie), Anna Ralph (Joanna), Phillip Hinton und Elaine Mangan (Joannas Eltern) – Laufzeit: 86 Min. – Farbe – 16mm-Verleih: KJF-Medienverleih, Postfach 30 04, 6500 Mainz 1, Tel. 06131-234641 – empfohlen ab 8 J.

Im Tasmanien des Jahres 1930 geht die Zeit der Ureinwohner, der Aborigines, zu Ende. Australien und die tasmanische Insel werden britisch. Einer Kultur, die sich eins fühlt mit der Natur, bleibt keine Chance gegen eine Zivilisation, die sich die Erde untertan machen will. Es dauert lange, bis Manganinnie das erkennt. Die junge Frau ist Hüterin des Feuers ihrer Gruppe: Die Eingeborenen können die Flammen als Geschenk der Götter nur bewahren, nicht selbst entzünden.

Auf der Suche nach ihren Leuten, die beim Angriff einer britischen Reitertruppe zerstreut wurden, stößt sie auf die kleine Joanna, das Kind eines liberalen, nicht mit dem brutalen Vorgehen seiner Landsleute einverstandenen Engländers. Er hatte Joanna im Wald einen Augenblick unbeaufsichtigt gelassen, und das Kind, fasziniert von der Erscheinung Manganinnies, folgt der jungen Frau in den Busch. Die beiden sind sich in jeder Hinsicht fremd. Aber das Leben im Urwald und in der Steppe, die Notwendigkeiten des täglichen Überlebenskampfes schaffen bald ein tiefes Verständnis füreinander. Der Alltag Joannas und Manganinnies ist weit entfernt von jeder Idylle, aber er ist geprägt von der Schönheit, der Ruhe, von den Gefahren und Unwirtlichkeiten der Natur. Die Suche Manganinnies nach ihrem Stamm, an der sich das kleine Mädchen nun beteiligt, bleibt erfolglos: Die traditionellen Wohnstätten sind verwaist, und die beiden stoßen häufig auf Spuren von Gewalttätigkeiten, auf Beweise für das Vordringen der europäischen Kultur. Dass die Tage ihres Volkes, ihrer Religion gezählt sind, erkennt Manganinnie jedoch erst, als sie selbst schon vom Tod gezeichnet ist. Joanna hatte das Reisigbündel mit der Glut, das die beiden immer bei sich tragen, ins Wasser fallen lassen. Beim Versuch, nachts am Lagerfeuer von weißen Jägern einen glimmenden Ast zu stehlen, wird Manganinnie angeschossen. Joanna jedoch kann einem der Trapper einen Feuerstein entwenden. Dem kleinen Mädchen gelingt nun mit den Mitteln der Weißen, was Manganinnies Volk nie gelernt und immer für ein Vorrecht der Götter gehalten hatte: Feuer zu entzünden.

Manganinnie bringt Joanna zu deren Eltern zurück und stirbt noch in derselben Nacht nicht weit vom Haus der Siedler, wo die verängstigte, ihren Eltern entfremdete Joanna sie morgens findet. Das Mädchen verbrennt den Körper der toten Freundin nach dem Brauch der Aborigines. Joannas Vater erkennt trotz der Fremdartigkeit der Totenklage, die sie anstimmt, das Leid seiner Tochter und die Ehrwürdigkeit des Ritus. Auf dieser Grundlage könnten sie sich wieder vertraut werden.

"Manganinnie" ist ein Film, der den Zusammenprall zweier Kulturen – oder besser: den erzwungenen Untergang der einen – sehr menschlich und unter weitgehender Vermeidung von Klischees nachzeichnet. Er erreicht das, indem er sich ganz auf seine beiden Hauptdarsteller konzentriert. Alles andere ist Zitat, notwendiger Hinweis auf den Hintergrund der beiden Protagonisten. Die Beschreibung ihrer Beziehung erlaubt es John Honey, Symbolisches und sehr Persönliches zu vereinen. Einerseits spiegelt das Verhältnis zwischen Manganinnie und Joanna die Unausweichlichkeit des Unterliegens der Aborigines-Kultur und zugleich die vertane Chance der Europäer, von den Eingeborenen zu lernen, was die Zivilisation der alten Welt längst in den Menschen verschüttet hat.

Andererseits ist ihre Beziehung als ein Verhältnis beschrieben, das vielleicht nicht liebevoller, aber natürlicher ist als das in Joannas Elternhaus. Manganinnie kann ihrer kleinen Freundin nicht die Sicherheit einer behüteten Kindheit geben, wie es vorher die festen Strukturen der Familie getan hatten: Den Bedrohungen des Alltags gegenüber ist Manganinnie oft selbst hilflos wie ein Kind. Aber dafür ist ihre Welt aus einem Stück. Zwischen der Frau und dem Mädchen besteht allenfalls ein schnell schwindender Unterschied in der Erfahrung. Ansonsten akzeptieren sich die beiden als auf einer Stufe stehend.

Die Bilder dieses Filmes bleiben nicht hinter der Intention seiner Geschichte zurück. Gary Hansens Bildgestaltung macht aus "Manganinnie" einen poetischen (keinen romantischen!) Film. Die Kamera erzählt die Geschichte, nicht die wenigen, aus der Erinnerung Joannas eingesprochenen Kommentare.

Mawuyul Yanthalawuy und Anna Ralph spielen mit beeindruckendem Einführungsvermögen diese beiden Repräsentanten zweier Welten, die – bei allen möglichen Gemeinsamkeiten — nicht gemeinsam existieren werden.

Albert Schwarzer

 

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