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Ausgabe 24-4/1985

"Die drei Wünsche"

THE THREE WISHES

(Hintergrund zum Film DIE DREI WÜNSCHE)

Eine märchenhafte Wunschgeschichte

Auf einem Begleitzettel der Produktionsfirma lese ich, dass Lotte Reiniger den Film nach einem Märchen der hessischen Brüder Grimm gedreht hat. Das Hineinblättern in die "Kinder- und Hausmärchen" wird schnell zu einer kurzweiligen Entdeckungsreise. Immer neue Märchen mit der symbolischen Dreizahl verlocken zur Lektüre: "Die drei Brüder", "Die drei Glückskinder", "Die drei Spinnerinnen". Ich kenne sie inzwischen alle, und "Die drei Federn" sind sogar in den Kreis meiner Lieblingsmärchen aufgenommen worden. Mag auch das Märchenmotiv der drei Wünsche tausendmal auf der ganzen Welt verbreitet sein, bei den Grimms suchte ich vergeblich danach.

Welch ein Glück für mich, dass man heuer nicht nur "200 Jahre Brüder Grimm", sondern gleichzeitig "225 Jahre Johann Peter Hebel" feiert. Sein "Kannitverstan" gehört zu den unvergesslichen Leseerinnerungen meiner Schulzeit. Und beim badischen Hebel finde ich jetzt eine Kalendergeschichte, in welcher einem Hans und seiner Liese von einer Bergfee die Erfüllung dreier Wünsche versprochen wird. Natürlich kommt alles so, wie es der erfahrene Leser befürchtet. Der erste Wunsch wird leichtfertig, der zweite im Zorn vertan. Was bleibt anderes übrig, als im dritten Wunsch dafür zu sorgen, dass alles wenigstens wieder so ist, wie es vorher war. Und auch dem guten Hebel bleibt bei dieser Geschichte nichts anderes übrig, als das zu sagen, was er eigentlich immer sagt: Es ist nicht weit her mit dem menschlichen Verstand!

Peter Hebel und Lotte Reiniger, der Geschichten schreibende Pfarrer und die Geschichten erzählende Silhouettenfilmerin! Zeitlebens hatte es Lotte Reiniger immer wieder mit Pfarrern zu tun, aber nicht immer waren die Übereinstimmungen so frappierend. Hebel und Reiniger – zwei weltberühmte Unbekannte, die auf denselben Grundton gestimmt sind: heitere Herzensgüte, lautere Einfachheit, erfrischender Mutterwitz. Und wer mag noch von Zufall reden, wenn er hört, dass ein anderer Kalendergeschichtenschreiber im Berlin der 20er-Jahre bei Lotte Reiniger aus und ein ging: der scharfzüngige Bert Brecht, der auch bei Hebel gelernt hat. Märchenhafte Zusammenhänge tun sich da auf. Ich kann mich ihnen nur deshalb entziehen, weil ich weiß, dass der Leser endlich wissen will, wie Lotte Reiniger ihre Wunsch- und Feengeschichte inszeniert hat.

Wie die Geschichte filmisch erzählt wird

Gebälk, ein Fenster, ein Bett, ein Tisch, Krüge, gestapeltes Holz ... Recht gemütlich wirkt das gemalte Innere dieses Häuschens. Vor diesem Hintergrund der verheißungsvolle Titel: "The Three Wishes". Und kaum ist abgeblendet, da erscheint in der Aufblendung das Häuschen am Waldrand. Es ist noch früh am Morgen. Auf dem Gartenzaun kräht der Hahn aus Leibeskräften und versammelt seine Hühnerschar, unter die sich eine Gans gemischt hat. Die Katze kommt aus dem Haus, und gleich drauf der Holzfäller Martin, der sich mit den Tieren gut zu verstehen scheint. Sicher besser als mit seiner hageren, spitznasigen Ehefrau Grete, die mit einem Besen bewaffnet unter der Tür steht. Was bleibt dem Martin anderes übrig, als möglichst schnell an die Arbeit zu gehen. Ein langer Kameraschwenk begleitet ihn in den Wald. Dem sieht man an, dass er noch unter keinem sauren Regen gelitten hat, und er ist so tief, dass sich in ihm wohl Hänsel und Gretel verirrt haben müssen. Ein Vogel und ein Eichhörnchen sind Martin Begleiter.

Draußen angekommen beginnt er sein Tagwerk mit einer herzhaften Vesper. In der wohltuenden Stille des Waldes und in der Zwiesprache mit einem Vogel ist Martin weit weg von seiner keifenden Grete. Verwundert hört er eine feine Stimme seinen Namen rufen. Sie kommt aus einer Eiche, in der eine unglückliche Fee gefangen ist. Martin befreit sie mit der Axt. Und die Fee, die so schön ist wie die guten Feen aus Dornröschen, belohnt die Tat mit einem Wunschring: "Nimm zum Dank diesen Ring und trage ihn an deinem Finger. Dir sollen drei Wünsche erfüllt werden." Kein Wunder, dass Martin plötzlich den Himmel voller Bassgeigen sieht.

Er kann es nicht erwarten, bis er seiner Grete davon erzählen kann. Die Kamera hat Mühe, dem Überglücklichen auf seinem Weg zurück zu folgen. Mit einem übermütigen Handstand stellt er sich bei der Grete ein und beginnt zu erzählen. Groß fängt die Kamera die Beiden vor dem Fenster ein: "Was soll ich uns wünschen?" Die Einblendung zeigt Martins Vorstellung: ein Automobil. Aber die Grete widerspricht, lässt sich von Martin den Ring geben und schickt ihn zum Schulmeister, um Rat zu holen.

Das alles hätte Martin lieber nicht tun sollen. Inzwischen sitzt seine Ehefrau auf der Bank und sieht in großer Kameraperspektive ihr Wunschbild in den Wolken: eine vornehm gekleidete Dame. Und wie das Leben halt so spielt, kommt plötzlich der Nachbar von nebenan vorbei. Der lederbehoste und wadenbestrumpfte Kaspar ist so lustig wie seine Haartolle unterm Gamsbarthut, und sein Bierfass hat er auch gleich mitgebracht. Der Grete kommt unversehens ihr Wunschdenken über die Lippen: "Ach hätte ich doch wenigstens eine große Schüssel Bratwurst für ihn." In schöner Parallelmontage wird gezeigt, wie Martin des Schulmeisters gute Ratschläge entgegennimmt, während Grete wie vom Donner gerührt einen aus dem Nichts entspringenden Bratwurstreigen mit ansehen muss, der in einer Schüssel auf dem Tisch endet. Es ist schon lustig, wie der Kaspar vergnügt damit anfängt, gleichsam den ersten vertanen Wunsch zu vervespern.

Aber ein Bratwurstunglück kommt selten allein. Der heimkehrende Martin sieht die ganze Bescherung, nimmt seiner Grete den Ring weg und tobt: "Ich wollte, die Bratwürste würden dir an deiner langen Nase baumeln!" Gewünscht, getan!

Die vermaledeiten Bratwürste sind im Nu an der Nase festgewachsen. Selbst Martins Axt im Hause kann jetzt nicht mehr helfen. Der Rest ist schnell erzählt: Wohl oder übel musste der dritte Wunsch dafür herhalten, "alles wieder ungeschehen" zu machen. Aber wer jetzt glaubt, der Film wäre zu Ende, der hat seine Rechnung ohne die Lotte Reiniger gemacht. In der Halbtotalen erscheint die Fee über der Bratwurstschüssel und verlangt den Ring zurück. Die Kameraperspektive verändert sich und zeigt die Fee groß wie eine Maria im Rosenhag. Sie ist von reinigerhafte Güte und beschenkt den Martin und seine Grete mit drei vorsichtshalber gleich erfüllten Wünschen: Jugend, Gesundheit und keinerlei Streit fürderhin. Kein Wunder, dass alle vor lauter Glück zu tanzen beginnen. Zuguterletzt legt der Kaspar ein Schuhplattler-Solo hin, vor dem die Katze schleunigst Reißaus nehmen muss. Und dann kommt der eingangs geschilderte Durchblick in das gemalte Innere des Häuschens, vor dem jetzt THE END steht.

Was Kinder dazu sagen

Kinder sagen oft mehr, als es sich die Erwachsenen träumen lassen. Ich habe zusammen mit Acht- bis Zehnjährigen erlebt, wie so ein Gespräch laufen kann, wenn man es nur lässt. Einer beginnt: "Mir hat gefallen, wie der Kaspar mit seinem Bierfass daherkam." "Mir auch – und wie er das Fass anzapft." "Und wie der komisch tanzt." Und schon sind alle dabei, Lustiges und Originelles aufzuzählen. Vom Kaspar geht es zum Martin, wie er dem Vogel von seinem Brot abgibt, wie er sich über den Wunschring freut, wie er mit der Axt auf die Bratwürste loshackt und so fort.

Die immer wieder eingeschobene Warum-Frage hebt Ästhetisches ins Blickfeld. "Warum mir die kleinen Tiere so gefallen? Weil sie sich so schön und wie richtige Tiere bewegen." "Warum mir die Fee gefällt? Weil sie so fein und zierlich ist." Und andere ergänzen: "Weil sie so feine Kleider hat." "Die ist ein richtiges Kunstwerk." Mühelos könnte man weitermachen, aber noch Interessanteres wird in der Feststellung eines Mädchens sichtbar: "Ich habe gesehen, wie das Bier in den Krug fließt." Ästhetisches als sensible Wahrnehmung kommt zur Sprache. Details, die vielen entgangen sind, werden aufgezählt – bis hin zu der "anderen Axt", die Martin im Hause benutzt, weil er seine erste Axt im Wald vergessen hat. Dieser Hinweis leitet über zum gemeinsamen Rekonstruieren und Verstehen der erzählten Geschichte. Selbst Lotte Reinigers eigenwillige Schlussvariante wird kommentierend verstanden: "Der Schluss ist gut, weil da nochmals Wünsche erfüllt werden."

Eine rückfragende Feststellung löst die längst erwartete Diskussion um richtiges Wünschen aus: "Warum hat der Martin seiner garstigen Frau überhaupt den Ring gegeben? Er hätte sich doch gleich eine bessere Frau wünschen können." "Wenn ich der Martin wäre, hätte ich mir als ersten Wunsch gleich ganz viele freie Wünsche gewünscht, dann hätte nichts mehr passieren können." Damit war das Stichwort gefallen. Reihum wurden Wünsche artikuliert, gegeneinander abgewogen und durch die Warum-Frage in eine kindliche Philosophie des Wünschens einbezogen. Man kam überein, eigene Wunschgeschichten zu schreiben und dafür auch eigene Titel zu finden, wie zum Beispiel "Meine Wünsche werden nicht verschwendet."

Was die Kinder noch zu dem Film sagten, führt in andere Zusammenhänge hinein. "Das könnte die gleiche Fee wie bei Dornröschen sein" provoziert folgerichtig den Vergleich mit anderen Reinigerfilmen. "Wie kommen die Wünsche ins Bild und wie verschwinden sie wieder?", verlangt nach technischer Demonstration und Arbeit an einem Tricktisch. Kinder sagen und fragen viel, wenn sie Reinigerfilme gesehen haben. Was daraus wird, liegt an denen, die darauf eingehen können.

Schlussbemerkung

So kann es gehen! Kaum ist der Schlusspunkt gesetzt, wird mir gesagt, ich solle doch bei den Brüdern Grimm "Der Arme und der Reiche" lesen. Das ist ein ganz schlicht erzähltes Märchen, das in jenen unvordenklichen Zeiten spielt, als dem lieben Gott noch nichts Menschliches fremd war, und er selber noch ab und zu auf seiner Erde wandelte. Und wahrhaftig, die Lektüre lohnt sich, denn die Dreizahl der Wünsche kommt gleich dreimal vor. Grimm, Hebel, Reiniger ... Wer jetzt keine Lust verspürt, zusammen mit Kindern über die Kunst des Wünschens zu philosophieren, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ewald Heller

 

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