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Ausgabe 55-3/1993

LORENZOS ÖL

LORENZO'S OIL

Produktion: Paramount Pictures, USA 1992 – Regie: George Miller – Buch: George Miller, Nick Enright – Kamera: John Seale – Schnitt: Richard Francis-Bruc, Marcus D'Arcy, Lee Smith – Darsteller: Nick Nolte (Augusto Odone), Susan Sarandon (Michaela Odone), Peter Ustinov (Prof. Nikolais) u. a. – Länge: 135 Min. – Farbe – Verleih: UIP (35mm / 16mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Der Film des Australiers George Miller beruht auf dem authentischen Fall des Italo-Amerikaners Lorenzo Odone, bei dem 1984 im Alter von sechs Jahren eine seltene Erbkrankheit diagnostiziert wurde. Die Stoffwechselkrankheit mit dem beinahe unaussprechlichen Namen Adrenoleukodystrophie (ALD) zerstört die Isolationsschicht um die Nervenfasern, das Myelin. Den Erkrankten fehlt ein bestimmtes Eiweiß, das beim Abbau langkettiger Fettsäuren eine wichtige Rolle spielt. Durch den Stau der angesammelten Fettsäuren wird die sogenannte weiße Substanz des Gehirns angegriffen. Dies führt zu neurologischen Schäden wie Seh-, Hör- und Sprechstörungen und meist innerhalb von zwei Jahren zum Tod. Wie bei Lorenzo bricht die Krankheit nur bei männlichen Personen aus, meist zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr. In Deutschland leiden nur rund 100 Menschen, darunter etwa 20 Kinder, an der seltenen Stoffwechselstörung, über die bis heute nur wenig bekannt ist.

Im Film finden sich die Eltern Michaela und Augusto mit der Prognose einer zweijährigen Lebenserwartung für Lorenzo nicht ab. Der Weltbank-Finanzexperte und die Lektorin aus Washington beginnen als medizinische Laien auf eigene Faust, die einschlägige Fachliteratur zu studieren. Während sich der Zustand des Jungen trotz einer Diätrezeptur eines ALD-Experten allmählich verschlechtert, stoßen sie nach monatelangen Lektüremühen auf einen wissenschaftlichen Aufsatz über ein Tier-Experiment mit Fettsäuren. Indem der Vater den experimentellen Ansatz auf den menschlichen Organismus überträgt, gelingt schließlich der entscheidende Durchbruch. Gegen den Widerstand sturer Ärzte, karrieresüchtiger Forscher und bornierter Funktionäre einer Selbsthilfeorganisation beschaffen die Eltern ein Destillat aus Rapsöl, das bei Lorenzo tatsächlich einen Stillstand der Krankheitssymptome bewirkt. Obwohl der schwerkranke Junge im Laufe der Jahre die Sprache verloren hat, bessert sich sein Zustand durch das Mittel und eine aufopfernde Pflege wieder so, dass er über das Bewegen von Augenlidern und Fingern mit seiner Umwelt kommunizieren kann. Am Ende werden in einer raschen Montage zahlreiche fröhliche Jungen gezeigt, denen das Öl ebenfalls geholfen hat.

Der Regisseur, der bei uns durch die Filme "Mad Max" und "die Hexen von Eastwick" bekannt geworden ist, versucht in seiner fünften Regiearbeit, durch eingeschobene Schrifttafeln über die Stationen der Krankheit den Eindruck einer dokumentarischen Chronik hervorzurufen. Trotz der damit verbundenen allzu monotonen Reihung der Episoden bleibt das überlange Krankendrama doch großes Hollywood-Gefühlskino. Im Mittelpunkt der filmischen Dramatik steht denn auch nicht das kranke Kind, sondern der Kampf der Eltern um dessen Leben. Der Regisseur, der nach einer Medizinerausbildung mehrere Jahre praktiziert hat, konzentriert sich auf das heldenhafte Engagement der Eltern, die trotz der aussichtslosen Lage niemals aufgeben. Die unbeirrbare Suche nach einem Heilmittel und der ausdauernde Kampf gegen medizinische Ignoranz werden dabei häufig mit religiöser Metaphorik kombiniert.

Als zentrales Antriebsmotiv der Mutter bei ihrem rücksichtslosen Einsatz für den Sohn wird ihr Schuldkomplex herausgearbeitet. Seit sie weiß, dass sie das defekte Gen an den Sohn vererbt hat, ohne selbst daran erkranken zu können, fühlt sie sich schuldig. In ihrer ausschließlichen Hingabe an die Pflege des todkranken Sohnes wird sie nicht nur ungerecht gegen hilfreiche Verwandte und Krankenschwestern, sondern schottet sich bald so stark gegen die Außenwelt ab, dass sie beinahe selbst krank zu werden droht.

Die hochdramatische Darstellung der Krankengeschichte stellt insbesondere an jüngere Zuschauer einige Anforderungen – so in den erschütternden Szenen, in denen Lorenzo wegen aussetzender Schluckreflexe am eigenen Speichel zu ersticken droht. Die medizinischen Einzelheiten wie die Wirkungsweisen verschiedener Fettsäuren bei der Erkrankung werden phasenweise zu ausführlich erörtert. Eine entsprechende Vor- und Nachbereitung des Films ist zudem auch deshalb zu empfehlen, weil Miller fast überhaupt keine humoristische Entlastung gewährt. Insgesamt vermag "Lorenzos Öl" aber durch die Standfestigkeit der Helden durchaus Mut zu machen, sich mit wirkungslosen Ratschlägen bornierter Experten nicht abzufinden und auch in scheinbar aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben.

Vor dem Hintergrund der Tendenz des gesamten Films ist vor allem der Schluss in dreifacher Hinsicht problematisch. Zum einen erweckt er durch die Montage der Aussagen den falschen Eindruck, als ob Lorenzos Öl ein veritables Wundermittel sei. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung vermag das Öl die Krankheit aber nur zu stoppen oder einige Symptome zu bessern, nicht aber zu heilen. Außerdem wirkt es nicht bei allen Patienten. Eine neue Studie hat zudem den Verdacht erhärtet, dass das Öl beträchtliche Nebenwirkungen besitzt.

Zum zweiten ist die Ärzteschelte des Films überzogen. Trotz der unbestreitbaren Verdienste der realen Odones, die gerade durch ihr Beharren auf einem schnell verfügbaren Hilfsmittel den medizinischen Fortschritt beförderten, macht auch die traditionelle Schulmedizin, die nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen an systematischen und damit langwierigen Versuchsreihen festhalten muss, neue Entdeckungen. So berichtete der Wissenschaftler Werner Bartens vom National Institute of Health in Bethesda/Maryland in der Frankfurter Allgemeinen vom 22. April 1993, dass eine internationale Forschergruppe inzwischen höchstwahrscheinlich den Gen-Defekt entschlüsselt hat, der ALD zugrunde liegt. Damit eröffnet sich zumindest mittelfristig die Möglichkeit einer gezielten Therapie.

Zum dritten scheinen das Ende und der Abspann des Films dazu geeignet, falsche Hoffnungen zu wecken. Dazu noch einmal der Wissenschaftler: "Es kann nicht darum gehen, den ärztlichen Stand, Selbsthilfegruppen und engagierte Eltern oder Erkrankte gegeneinander auszuspielen. (...) Anderen falsche Hoffnungen zu machen und sie unter Umständen sogar zusätzlichen Schädigungen auszusetzen, ist jedoch nicht nur unredlich, sondern auch gefährlich. Darüber hinaus diskreditiert es die oft aus Verzweiflung geborene Eigeninitiative einzelner."

Reinhard Kleber

 

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