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Ausgabe 25-1/1986

DAS GESCHENK GOTTES

WEND KUUNI

Produktion: Centre National du Cinema, Quagadougou, Obervolta 1982 – Regie, Drehbuch und Dialoge: Gaston J. M. Kaboré – Kamera: Sékou Quedraogo – Ton: Boubakar Kone – Schnitt: Andrée Davanture – Musik: René B. Guirma – Darsteller: Serge Yanogo (Wénd Kúuni), Rosine Yanogo (Pognéré), Joseph Nikiema (Tinga), Colette Kaboré (Lalé) – Laufzeit: 75 Minuten – Farbe – Auszeichnungen: Preis der Confederation Internationale des Cinemas d'Art et d'Essai (CICAE), Locarno 1982 – "Silberner Tanit", Spezialpreis der Jury, und Preis der Organisation Catholique Internationale du Cinema (OCIC) beim Festival Panafricain de Cinema in Quagadougou 1983 – 16mm-Verleih: Cine Terz e.V., Buschstr. 18, 5300 Bonn 1, Tel. 0228-213283

Inhalt

Die Filmhandlung spielt im westlichen Afrika zu einer Zeit, "als die Weißen die afrikanische Erde noch nicht betreten hatten ..." Zu Beginn des Films sieht man eine weinende Frau in ihrer Hütte, die ihren Sohn im Schoß hält und sich um ihren Mann, einen Jäger, sorgt, der nach dreizehn Monaten immer noch nicht zurückgekehrt ist. Ein älterer Mann aus dem Dorf rät ihr, sich wiederzuverheiraten und die Hoffnung aufzugeben, dass ihr Mann noch lebend zurückkehrt. Sie will dies jedoch nicht glauben und bleibt lieber allein. Die eigentliche Handlung des Films beginnt mit einem reisenden Händler im Busch, der – aufgeschreckt durch kreisende Geier – einen halbtoten Jungen findet und ihn mitnimmt. Er lässt ihn im nächsten Dorf bei der Familie von Tinga. Dieser befragt den Rat des Dorfes, und so werden Kundschafter ausgesandt, die in den umliegenden Dörfern nach der Herkunft des Jungen forschen sollen. Alle Erkundungen bleiben ohne Ergebnis, und mit Genehmigung des Rates nimmt Tinga den Jungen in seine Familie auf. Er gibt ihm einen Namen, denn der Junge ist stumm: "Geschenk Gottes" – Wénd Kúuni. Zwei Jahre lang lebt Wénd Kúuni bei Tingas Familie und lernt, was ein Junge in seinem Alter lernen muss. Er hütet die Schafe und verkauft Stoffe auf dem Markt. Tingas Tochter Pognéré versucht, sich mit Wénd Kúuni anzufreunden, doch ihre Mutter ist sehr streng mit ihr und erlaubt ihr selten, Wénd Kúuni auf dem Feld zu besuchen. – Eines Tages findet Wénd Kúuni einen Mann aus dem Dorf erhängt an einem Baum. Der Schrecken gibt ihm die Sprache wieder, und so kann er endlich erzählen, wie er und seine Mutter von den Bewohnern ihres Dorfes vertrieben wurden, weil seine Mutter sich weigerte, eine neue Ehe einzugehen. Vor Erschöpfung starb sie auf der Flucht, er selbst war krank und konnte sich noch einige Zeit durch den Busch schleppen. Dann fand ihn der reisende Händler ...

Informationen zum Film von Gaston J. M. Kaboré

1. Eine Fabel als Erzählform

"In Afrika sind das Märchen und die Wirklichkeit die zwei Gesichter eines einzigen Ganzen: des Lebens. – Zuerst hat mich diese Geschichte einfach außerordentlich interessiert, auch deshalb, weil ich ursprünglich Historiker bin. Bis jetzt haben alle Filme, die man sieht, unsere Geschichte bloß von der Kolonialzeit an behandelt, als ob es vorher keine Geschichte gegeben hätte. Dabei haben wir eine sehr reiche orale Tradition. Ich hatte also Lust, eine Geschichte zu erzählen, die keine Verknüpfung mit der aktuellen„Periode hat. (.. .) Ganz zuerst greift der Film, wie die Literatur, die Dinge des Lebens auf, um von den Ängsten, den Hoffnungen und Schmerzen der Gesellschaft zu erzählen. Ich habe mir gesagt, gut, ich werde eine sehr einfache Geschichte erzählen, die sich in einer etwas verkannten Periode zuträgt, und ich werde einen Blick werfen auf die Leute, die in dieser Zeit gelebt haben: in einer Zeit aber auch, die gar nicht so weit entfernt ist, denn in den Dörfern leben heute noch die Menschen weiterhin so wie damals."

2. Das Kind: Zwischen Tradition und Zukunft

"Ich habe mich stets für Kinder interessiert, weil sie von der Gesellschaft nicht nach ihrer Meinung gefragt werden. Und ich habe ein stummes Kind gewählt, weil es erst recht von der Umgebung abgeschnitten ist und sich nicht ausdrücken kann. Diese Wahl, dieses Thema hat mich gezwungen, das Ganze auf eine wesentlich filmgerechtere Art zu gestalten, als wenn ich ein rhetorisches, dialektisches Thema gewählt hätte."

3. Bild und Musik im Dialog

"Der Musik von "Wénd Kúuni" liegen traditionelle Mossi-Volkslieder zugrunde, die vielleicht im großen Mossi-Reich des 12. bis 14. Jahrhunderts ihren Ursprung haben. Wenn heute die Leute die Melodie hören, können sie zumeist gleich den dazu gehörenden Refrain, den Text wiedergeben. Wenn man beispielsweise den Jäger in einer Art Rückblende sieht, singt der Chor aus der Sicht der Mutter etwa: Mein Liebster ist gegen den Fluss weggegangen, er ist nie wieder zurückgekehrt, ich werde ihn nie mehr sehen. Anfänglich beabsichtigten wir, jemanden im Film zur Musik singen zu lassen, doch dies stellte uns dann vor zu große Aufnahmeprobleme. Aber das hätte schon Akzente gesetzt: Durch die Worte, die man in den Untertiteln übersetzt hätte, wäre die Bedeutung der Bilder verstärkt worden."

Die Zitate stammen aus einem Interview, das Bruno Jaeggi während des Festivals des Trois Continents in Nantes 1982 mit Gaston J. M. Kaboré geführt hat.

Bewertung

"Das Geschenk Gottes" ist ein sehr ruhiger Film und nicht nur ein Film für Kinder. Mit diesem Film werden auch die überholten Traditionen angeklagt, die es den Frauen in Obervolta untersagen, ihre Männer selbst zu wählen. Zwei Frauen werden verstoßen, weil sie sich dem Willen der Gemeinschaft nicht unterordnen wollen: die Mutter von Wénd Kúuni und die Ehefrau des Erhängten. Pognéré, die Tochter Tingas, wird bereits in die Normen, die für Frauen gelten, hineingepresst und bestraft, wenn sie ihnen nicht entsprechen will. Noch wehrt sie sich auf ihre Weise dagegen, und es bleibt zu hoffen, dass sich die Normen ändern werden.

Unter diesen Gesichtspunkten sehen Kinder den Film noch nicht. Für sie bietet der Film eher die Möglichkeit, sich mit einer fremden Welt auseinander setzen zu können, mit anderen Lebens- und Denkweisen. Interessanterweise meinten die Kinder einer Schulklasse, die sich offensichtlich gerade mit der Umweltproblematik befasste, sie würden gern dort leben, wo Wénd Kúuni lebt, weil sie in der Großstadt so wenig Möglichkeiten hätten, zu spielen und sich frei zu bewegen. Die Kinder hatten in dem Film sehr viele Kleinigkeiten entdeckt. Was sie nicht gesehen hatten, war, dass die Kinder in dem Film schon sehr hart arbeiten müssen und eigentlich wenig Gelegenheit haben, zu spielen und sich frei zu bewegen. Die Zuschauer hatten viele Fragen, die über den Film hinausgingen, vor allem danach, wie es Wénd Kúuni weiter ergehen würde.

Der Film ist für ein Kinderkinoprogramm ab 8 Jahren geeignet.

 

Bio- und Filmografie

Gaston J. M. Kaboré, geboren 1951 in Bobo Dioulasso in Obervolta. Studium der Geschichte und des Films in Paris. Seit 1977 Leiter des Nationalen Filmzentrums von Quagadougou und Dozent am Institut der Afrikanischen Filmhochschule.

Kurzfilme:

1977 "Je reviens de Bokin"
1978 "Stockez et conservez les grains"
1979 "Regard sur le Fespaco"
1980 "Utilisation des energies nouvelles en milieu rural"
1982 "Wénd Kúuni", Spielfilm

Film und Kino In Obervolta

Seit den 70er-Jahren hat sich Obervolta oder Bourkina Faso, wie sich das Land seit kurzem nennt, zu einem interafrikanischen Filmzentrum entwickelt. Obschon seine Produktion an langen Spielfilmen bisher noch gering ist, steht die Hauptstadt Ouagadougou nicht nur für eines der beiden wichtigen afrikanischen Filmfestivals (das andere ist in Karthago/Tunis), es beherbergt auch mehrere afrikanische Filminstitutionen. Dies mag zunächst erstaunen, gehört doch Bourkina Faso (274.000 km²; 7,2 Mio. Einwohner) zu den Ländern mit dem niedrigsten Bruttosozialprodukt des Kontinents und zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Die lange Trockenheit – das Land liegt in der Sahelzone – hat das ihre zu dieser Situation beigetragen.

Die französische Kolonie Obervolta war 1960 unabhängig geworden. Doch die Kinos gehörten weiterhin den großen französischen Gesellschaften SECMA und COMACICO, die sich die Exklusivrechte für Verleih und Vorführung in den ehemaligen französischen Gebieten gesichert hatten. Bis 1969 gab es im Land 6 Kinos (35 und 16 mm, zwei in Ouagadougou und vier in Bobo Dioulasso. 1970 machte Obervolta einen richtungweisenden Schritt hin zu größerer Selbstständigkeit: die französischen Filmgesellschaften wurden verstaatlicht. Die Kulturverantwortlichen wollten endlich die Bevormundung auf diesem Gebiet brechen. Nach einem anfänglichen Lieferboykott war schließlich die COMACICO zu einem Filmliefervertrag bereit, welcher der voltaischen staatlichen Gesellschaft SONAVOCI die Führung der Kinos ermöglichte. Ein Teil der Einnahmen blieb nun im Lande. Zehn Prozent davon waren für einen Fonds zur Filmförderung bestimmt. Damit wurden die Kinosäle modernisiert und neu eröffnet. Im März 1981 zählte Obervolta 12 Kinos. Die wirtschaftlichen Bedingungen des immer noch stark von Frankreich abhängigen Landes erlaubten es allerdings nicht, die voltaische oder interafrikanische Filmproduktion so zu fördern, dass die Filmeinfuhr – vorwiegend aus westlichen Ländern – an Bedeutung verloren hätte.

Die Filminstitutionen:

1969 Erstes Festival Panafricain du Cinéma (Fespaco) in Ouagadougou.

1974 Gründung des Consortium Interafricain de Distribution Cinématographique (CIDC) mit dem Ziel, den afrikanischen Filmmarkt zu kontrollieren, den Filmeinkauf für die Mitgliedsländer exklusiv zu übernehmen, bei der Gründung nationaler Verleihgesellschaften zu helfen und das afrikanische Filmschaffen durch Produktionsbeteiligungen zu fördern. (Erst Anfang der 80er-Jahre konnten erste Ansätze verwirklicht werden.)

Im gleichen Jahr Gründung des Centre Interafricain de Production de Films (CIPROFILMS) in Bobo Dioulasso, mit dem Ziel, ein Zentrum mit Labors für 16- und 35-mm-Filme, Tonstudios und Schneideräume zu bauen und afrikanischen Filmschaffenden Erleichterungen bei den Dreharbeiten zu bieten. 1981 steckte dieses Projekt – verständlicherweise – immer noch im Anfangsstadium.

1977 Gründung des Centre National du Cinema in Ouagadougou und Eröffnung des Institut Africain d'Education Cinématographique (INAFEC), der ersten afrikanischen Hochschule für Film und Fernsehen.

1980 ca. Gründung der CINAFRIC, Société Africaine de Cinéma (Aktiengesellschaft) durch Martial Ouedraogo, Besitzer des 'Observateur', der einzigen Tageszeitung des Landes. Es war die erste Firma dieser Art in Schwarzafrika. Zweck: Filmproduktion – auch Koproduktion –, Vermietung von Studios und Apparaturen. Betriebsaufnahme 1982. Die Laborarbeiten soll die CIPROFILMS gewährleisten.

Zur Filmproduktion:

Bis heute umfasst die Produktion von Obervolta hauptsächlich Lehrfilme, medizinische und ethnographische Filme. 1972 entstand der erste von bisher sieben langen Spielfilmen:" Le sang des parias" von Mamadou Djim Kola (der erste Spielfilm eines Voltaars).

Es folgten 1975 "M'Ba-Raogo" von Augustin Roch T. Taoko, 1976 "Sur le chemin de la réconciliation" von Réné-Bernard Yonly, 1982 "Wénd Kúuni", 1983 "Paveogo" ("L' émigré") von Sanou Kolo, "Le courage des autres" von Claude Richard und "Jours de tourmente" von Paul Zoumbara.

Nach Victor Bachy: La Haute-Volta et le cinéma, OCIC Brüssel 1982, und nach anderen Quellen

 

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