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Ausgabe 27-3/1986

JAN AUF DER ZILLE

Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Gruppe "Berlin", DDR 1986 – Drehbuch: Helmut Dziuba, Hans Albert Pederzani, frei nach den Motiven der gleichnamigen Erzählung von Auguste Lazar – Dramaturgie: Anne Pfeuffer – Regie: Helmut Dziuba – Kamera: Helmut Bergmann – Ton: Klaus Tolstorf – Schnitt: Barbara Simon – Musik: Christian Steyer – Darsteller: Peter Scholz (Jan), Helene Anders (Erika), Hartmut Pohl (Max), Peter Sodann (Martin), Hermann Beyer ("Professor") u. a. – Laufzeit: 87 Min. – Farbe

Fast ein Hitchcock aus Babelsberg – Helmut Dziubas Film "Jan auf der Zille".

Im Rahmen der kontinuierlichen Babelsberger Kinderfilmproduktion, die mit vier neuen Arbeiten pro Jahr ein Viertel der gesamten DEFA-Kinospielfilme stellt, hat sich seit einiger Zeit eine neue Kategorie zwischen Kinder- und Erwachsenenfilm herausgebildet, die man gern als Familienfilm deklariert. Vorläufer dieser Art waren Jürgen Brauers Bettina-von-Arnim-Verfilmung "Gritta von Rattenzuhausbeiuns" (1985) und "Sabine Kleist, 7 Jahre" (1982) von Helmut Dziuba, der jetzt mit "Jan auf der Zille" seine bisher beste Arbeit geliefert hat. Die Qualitäten dieses Regisseurs, der sich stets Kinder- und Jugendstoffen angenommen hat, war zuletzt wieder bei "Erscheinen Pflicht" (1984} deutlich geworden, einer Produktion, die aus unsinnigen politischen Überlegungen irgendeiner anonymen Stelle zu Unrecht ins Kino-Abseits gedrängt wurde.

Jetzt hat Dziuba, Jahrgang 1933, Absolvent der Moskauer Filmhochschule, nach vielen Gegenwartsstoffen an die gute Babelsberger Tradition antifaschistischer Thematik angeknüpft. Im 40. Jubiläumsjahr zeigt die DEFA mit seinem neuen Film wieder einmal, dass darin noch immer ihre besondere Stärke liegt. "Jan auf der Zille" entstand nach Motiven der gleichnamigen Erzählung von Auguste Lazar. Geschrieben wurde sie unter dem unmittelbaren Eindruck der über Deutschland hereingebrochenen braunen Diktatur, noch bevor die Autorin 1939 nach England emigrierte. Als Buch erscheinen, konnte die Erzählung erst 1950 in der DDR, nachdem Auguste Lazar aus dem Exil nach Dresden zurückgekehrt war. Hier starb die Schriftstellerin 1970, 83 Jahre alt.

Der Film beginnt mit einem Mord, und von da an lässt bis zum Schluss die Spannung nie nach, wie in einem guten Krimi. Der Mord wird am 16. Dezember 1933 an einem SA-Mann begangen: von drei seiner braunen Kumpane, ein Femeurteil offensichtlich. In die Schuhe geschoben wird die Tat aber einem Kommunisten, dem Vater des 13-jährigen Jan. Angeblich hat man ihn auf der Flucht erschossen. Eine Leiche wurde aber nie gefunden. Als Jan, der bisher als Halbwaise bei Verwandten aufgewachsen ist, zu seinem Vater kommt, um künftig mit ihm zu leben, muss er erfahren, dass dieser Vater ein toter roter Mörder sei. Erst sein neuer Freund Max sagt ihm die Wahrheit: Der Vater gehört zu jenen Genossen, die politisch gefährdete Menschen über die Grenze in die Tschechoslowakei schleusen. Max selbst hilft dabei, und als der ältere Junge Jan einmal mit in die grenznahen Wälder der Sächsischen Schweiz nimmt, wird er von Nazi-Polizei erschossen. Jan kann nur mit Mühe entkommen, findet Zuflucht auf einer Elbzille, und nun beginnt eine Fahrt auf dem Fluss, in der vagen Hoffnung, einmal den Vater zu finden, und mit der ständigen Angst, an den Haltestationen selbst entdeckt zu werden.

Das hat fast Hitchcock'schen Suspense, wobei sich immer wieder herausstellt, dass die Menschen, denen Jan begegnet, etwas anderes sind als das, was sie vorgeben zu sein, oder wie sie erscheinen. Selten ist die Atmosphäre der Furcht und Bedrohung unter den Nazis bei aller Zurückhaltung so eindrucksvoll vermittelt worden wie hier. Selten auch sah man das Milieu jener Zeit filmisch bis ins Detail so stimmig und echt dargestellt. Ebenso überzeugend die psychologische Genauigkeit, mit der Helmut Dziuba und sein Drehbuch-Koautor Hans Albert Pederzani ihre Geschichte erzählen: sparsam mit Worten, oft vertrauend auf bloße Blicke und Gesten.

Dafür standen auch ausgezeichnete Schauspieler zur Verfügung. Peter Sodann als Bootsmann und Hermann Beyer als ein schwer zu durchschauender, skurriler Schulmeister liefern besonders einprägsame Charakterstudien, und eine ideale Besetzung fand Dziuba auch für die beiden jugendlichen Rollen: den zwölfjährigen Potsdamer Peter Scholz als Jan und die vierzehnjährige Ostberlinerin Helene Anders als dessen hilfreiche Freundin Erika auf dem Kahn ihres Vaters.

"Jan auf der Zille" ist ein Film ohne Schwachstellen – wann lässt sich das schon einmal sagen: eine der besten DEFA-Arbeiten seit langem. Sie komplettiert eine Trilogie historischer Kinderfilme in Dziubas Werk. Vorangegangen waren zwei Filme über Erlebnisse Heranwachsender in der Weimarer Republik: "Rotschlipse" zeigte Mitglieder der kommunistischen Kinderorganisation Junge Pioniere in ersten Auseinandersetzungen mit den Nazis; "als Unku Edes Freundin war" – auch in unsere Kinos gelangt – erzählte von der nicht unkomplizierten Freundschaft eines Arbeiterjungen mit einem Sinti-Mädchen.

Dziuba kommentierte diese Reihe: "Ich gehöre zu denen, die mit dem Stolz auf 'deutsche Stukas' und dem Vorbild des 'Hitlerjungen Quex' groß geworden sind, und ich entsinne mich genau des unbändigen Staunens angesichts des (sowjetischen Kinder-)Films "Es blinkt ein einsam Segel ..." Aus diesen Polen eigener Erfahrung wuchs eine starke Verantwortung, das Bedürfnis, sich Jüngeren mitzuteilen, ihnen einen Zugang zur Vergangenheit zu erschließen, die ja übrigens sehr relativ ist – der gestrige Tag ist heute schon Geschichte."

Dziubas kommender, zehnter Film wird wieder ein Gegenwartsstoff: eine "moderne Romeo-und-Julia-Version". Man darf darauf schon heute gespannt sein.

Heinz Kersten

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 31-3/1987 - Kinder-Film-Kritik - Jan auf der Zille
KJK 30-3/1987 - Interview - "Das Entscheidende ist neben dem handwerklichen Können die Einstellung dem Leben gegenüber"

 

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