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Ausgabe 28-4/1986

MOMO –1986

Produktion: Rialto Film / Iduna-Film / S.A.C.I.S. / Cinecittá, BRD / Italien 1985/86 – Drehbuch: Johannes Schaaf, Rosemarie Fendel, Michael Ende, Marcello Coscia – Regie: Johannes Schaaf – Kamera: Xaver Schwarzenberger – Schnitt: Amadeo Salfa – Musik: Angelo Branduardi – Darsteller: Radost Bokel (Momo), Mario Adorf (Nicola), Armin Mueller-Stahl (Chef der "grauen Herren"), Sylvester Groth (Agent BLW/553 X), Leopold Trieste (Beppo), Ninetto Davoli (Nino), Bruno Stori (Gigi), Francesco de Rosa (Fusi), John Huston (Meister Hora) u. a. – Laufzeit: 104 Min. – Farbe – FSK: ab 6, ffr. – Verleih: Tobis (35mm)

Am Rande einer südländischen Stadt lebt Momo, eine Waise, ca. zehn Jahre alt, im Schlupfwinkel eines antiken Amphitheaters. Aufgrund ihrer Liebenswürdigkeit und der Begabung, besonders aufmerksam zuhören zu können, versammelt sie ganz verschiedene Freunde um sich. Beppo, philosophisch angehauchter alter Straßenkehrer, Gigi, übermütiger junger Fabulierkünstler und Fremdenführer, Nico, kräftiger Maurer, Nino, magerer Pächter, und zahlreiche Kinder armer Leute aus der Umgebung. Plötzlich bedroht die Idylle ein äußerer Feind, der sich wie eine Epidemie ausbreitet. Es ist das Kalkül "Zeit ist Geld", das in Gestalt der grauen Herren aufmarschiert. Ihr erstes Opfer ist Herr Fusi, ein harmloser, netter Friseur. Allmählich werden, ohne es wirklich zu wollen, alle Menschen der Stadt der zynischen und grausamen Herrschaft der Männer unterworfen. Sie versprechen Glück und Wohlstand. Aber sie ökonomisieren und rationalisieren unbarmherzig die wahre Lebenszeit. Das bekommen die Kinder, deren Eltern keine Zeit mehr haben, zuerst zu spüren. Deshalb versuchen sie durch eine Demonstration, über die "Zeit-Diebe" Aufklärung zu betreiben. Jedoch vergeblich. In der verträumten, widerspenstigen Momo erkennen die grauen Herren bald ihren natürlichen Feind und beschließen, sie gefangen zu nehmen. Da rettet sie glücklicherweise eine Schildkröte, namens Kassiopeia. Ihr Weg führt sie ins wunderbare Reich der Zeit. Meister Hora, ein freundlicher Schutzpatron, der die wirkliche Zeit jedermann maßgerecht zuteilt, zeigt Momo das schöne Geheimnis der Stunden-Blumen. Vergeblich will Momo ihre Freunde, die inzwischen alle zeitkrank und unglücklich geworden sind, zurückgewinnen. Alleingelassen muss sie jedoch den Kampf gegen die Bösewichter selbst aufnehmen. Unterstützt von der Schildkröte und der Wunderkraft einer Stunden-Blume, die ihr der kluge Hora schenkte, besiegt sie unerschütterlich die Zigarrenherren, die sich panikartig selbst dezimieren und schließlich im qualmenden Nichts auflösen.

1973 erschien "Momo oder die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte". Der Märchen-Roman von Michael Ende erhielt den 'Deutschen Jugendbuchpreis' und rückte zum Bestseller auf. 1986, zwei Jahre nach Wolfgang Petersens Verfilmung der "Unendlichen Geschichte" kommt nach langen Verhandlungen die filmische Version, produziert von Horst Wendlandt, in der Regie von Johannes Schaaf, ins Kino.

Anders als Pippi Langstrumpf ist Momo keine realitätsnahe Kinderfigur, keine individuelle Gestalt, kein neuer Charakter. Sie entwickelt sich nicht, sondern ist sogleich eine schemenhafte, fiktive Traumfigur. So erscheint sie artig, ein hübsches Wunderkind, das gefällig in eine lockige Perücke, lange Männerjacke und einen bunten Flickenrock gesteckt wird. Völlig unkindgemäß hat sie unentwegt strahlenden Optimismus auszustrahlen und die Zuschauer in wohldosiert guter Laune zu halten. Frei von Pflichten und elterlicher Bevormundung schwebt sie über dem Alltag, entrückt als unerreichbares Vorbild und dürfte wohl kaum gleichwertige Spiel- und Phantasiegefährtin der Gleichaltrigen sein. Im Grunde überfordert, verkörpert sie eine kindlich zarte Hoffnung, die Erwachsene brauchen, die mit der Geißel der grauen Eminenzen selbst nicht fertig werden. Umso dreister und souveräner treten die Agenten der Zeitsparkasse auf und brillieren mit Spekulation, Korruption, und – auf der Höhe der Zeit – mit Mercedes-Stern. Obgleich deutliche Kontrastfigur zu Bibi-Girl, der vollkommenen Puppe aus der glatten Konfektion der Spielwarenhersteller, entgeht Momo selbst nicht einem fragwürdigen Püppchenschema, das in dem Augenblick auffällig unerträglich wird, als sie am Ende überglücklich im Blütensturm heimwärts ins Amphitheater fliegen muss.

Im Gegensatz zum ausbalancierten und klar konturiertem Stil eines Filmmärchens sind in dieser Filmversion die Kontraste von heiler und böser Welt, die Verbindungen des Wunderbaren mit dem Natürlichen, dem Fassbaren und Rätselhaften, die Haupt- und die Nebenfiguren grell nebeneinander gesetzt und nicht fließend miteinander verbunden. Die hochgestylten Studio- und Kunstlichtaufnahmen, die moderaten Special effects, eine modisch dramatisierende Musikuntermalung und eine artifizielle Ausstattung täuschen oft Tiefe vor, wo der Glanz der Oberfläche dominiert. Die Inszenierung des Fantasiestoffes von Schaaf, der eigens von Ende auserwählt wurde, arbeitet nicht genug das Märchenhafte hervor, sondern bleibt offensichtlich gewollt und ernsthaft dem Manierismus und dem Theatralischen verhaftet. So kommt statt dem "sense of wonder", dem poetischen und humorvollen Charme, zu oft Effekthascherei und "Theater im Kino" heraus.

Das beginnt mit einer allzu romantisierenden Kulisse der Amphitheater-Ruine im warmen Gelblicht, setzt sich dominierend in den choreographischen Auftritten der graulichen Graumänner fort, die im eiskalten Blaulicht agieren, verliert sich im blässlich weißen Styroporstuck der "Niemalsgasse" und gipfelt im Happy End einer rotierenden Bühne just for fun und bis zum nächsten Mal.

Dabei hatte es ganz reizvoll, vertraulich und doch magisch geheimnisvoll angefangen, indem das Nachwort Michael Endes zur Eingangssequenz ummontiert wurde. Im Eisenbahnabteil sitzt der moderne Erzähler Zeitung lesend und sorgt für die richtige Erwartungshaltung und Verrückung der Zeit. Da erscheint der alte sympathische Straßenkehrer Beppo, fegt langsam am Schlupfwinkel von Momo vorbei, und man sieht etwas Verborgenes sich merkwürdig bewegen. Aber der Faden eines einfallsreichen Märchenstils reißt ab. Dafür schlagen sich in bewährter Manier Nico und Nino in einer Trattoria, startet das Forschungsschiff "Argo" in ein recht phantasiearmes Abenteuer und erscheint, den wunderbaren Höhepunkt markierend, mit Meister Hora ein allzu bieder-großväterlicher John Huston. Radost Bokel, die in dem kostspieligen Film zuerst einmal englisch lernen musste, da die Originalfassung marktgerecht dies forderte, darf die Traumrolle der "Momo" spielen. Sie hat ein ausgesprochen fotogenes Gesicht. Aber sie hat keine Chance. Denn der Film erobert weder ein Stück neues Märchenterrain für ein großes, auch Erwachsene umfassendes Kinderpublikum – eher ist es umgekehrt – noch gestaltet er aus der stilisierten Naivität und Optik des Märchens ein Kapitel heutiger Kindheit. Für die Hälfte der Kosten hätten wahrscheinlich Haro Senft oder Thomas Draeger Beachtlicheres geleistet und vielleicht die Chance genutzt.

Helmut Kommer

 

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