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Ausgabe 28-4/1986

"Kleine Revolte"

Ein Gespräch mit Alfredo Anzola, Produzent und Kameramann des Films "Kleine Revolte"

(Interview zum Film KLEINE REVOLTE)

Der Film "Kleine Revolte" (Regie: Olegario Barrera, Venezuela 1985) erhielt beim diesjährigen Internationalen Kinderfilmfestival in Frankfurt/M. einen Preis der Kinder-Jury. Mit Alfredo Anzola sprach Elke Ried im August 1986 während des Internationalen Kinderfilmfestival in Giffoni/Italien.

KJK: Alfredo, Du hast den Film "Kleine Revolte" von Olegario Barrera produziert, und Du warst auch der Kameramann. Wie kam es zu Eurer Zusammenarbeit?
Alfredo Anzola: "Olegario Barrera, der bei diesem Film Regie führt, ist mein Freund, wir arbeiten seit vielen Jahren zusammen. Er war Regieassistent und Produktionsleiter bei einigen meiner Filme und hat bei allen am Schnitt mitgearbeitet. Vor einigen Jahren kam er mit einer wunderschönen Geschichte an, die hieß 'Das Monster mit einer Million Köpfe', für einen Kurzfilm. Er bekam Geld zur Herstellung des Films, und wir haben ihn gedreht; ich habe die Kamera gemacht. Es wurde ein sehr schöner Film. Ich hatte das Gefühl, dass er eine sehr gute Art hat, mit Kindern umzugehen und mit ihnen zu arbeiten.
Als ich nun das Drehbuch zu der 'Kleinen Revolte' sah – das er gemeinsam mit Laura Antillano geschrieben hatte – habe ich mich sofort in den Film verliebt und wollte ihm gern helfen, den Film zu realisieren. Beim Fond in Venezuela beantragte ich Geld, doch wir bekamen keins, da der Film keinen kommerziellen Erfolg versprach. Das machte zwar alles etwas schwieriger, doch ich entschloss mich trotzdem, den Film zu realisieren. Für uns war es schon eine Menge Geld, das ich dann in den Film investiert habe – aber eigentlich nicht so viel, wenn man bedenkt, dass alle Techniker und alle Darsteller Partner des Films wurden. Das heißt: Wir haben alle nichts berechnet, jedenfalls nicht sofort; im Laufe der Zeit wird natürlich jeder bezahlt. Ich bin sehr stolz auf diese Produktion, denn es ging nicht so sehr darum, Geld zu investieren, als vielmehr Leute zu finden, die bereit sind, anderthalb Monate an einem Film zu arbeiten, der ihnen nichts einbringt. Ja, und dann kamen all diese lieben Leute zusammen und Olegario und ich fanden einen Freund, der ein Flugzeug besaß. So flogen wir über diesen Teil des Landes auf der Suche nach einem sehr trockenen und einsamen Ort, den wir auch fanden und dorthin reisten – Olegario war begeistert. Als wir zurück waren, suchte er nach Kinderdarstellern, und so lernten wir Eduardo Emiro kennen, der in dem Film den Pedro spielt, ein außergewöhnlicher Mensch. Die Darsteller sind fast alles Leute aus dem Ort; aus Caracas haben wir nur drei oder vier erwachsene Hauptdarsteller mitgebracht. Die Dorfbewohner waren sehr kooperativ.
Die wichtigste Erfahrung bei dieser Produktion aber war die Erfahrung, dass alle – die Darsteller, die Regie, die Drehbuchautoren – ihre Arbeit quasi als Kredit gaben für diesen Film. Und diese Art Kredit schätze ich sehr viel höher als die Darlehen des Fonds oder von der Regierung."

Welche Ideen waren für Dich persönlich am wichtigsten an der Geschichte? Warum mochtest Du diesen Film, und warum wolltest Du ihn produzieren?
"Es ist sehr merkwürdig. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass man die Dinge lieber mag, die von Menschen gemacht werden, die man liebt. Und das ist unbedingt wahr, auch wenn nur die wenigsten Menschen so etwas wahrnehmen. Olegario ist ein außergewöhnlicher Mensch. Er redet nicht sehr viel; seit Jahren arbeiten wir zusammen, und er sagt kaum etwas. Unsere Beziehung ist sehr eng, weil wir zusammen gearbeitet haben, weil wir so viele Sachen zusammen gemacht haben. Als ich sein Drehbuch zur 'Kleinen Revolte' sah, fand ich es gut, es war unbedingt sein Drehbuch und nicht das von jemand anderem. Die Art der Darstellung von Kindern, von Solidarität – und etwas, was mir sehr gut gefiel: der Gedanke, dass Menschen, die unterdrückt sind, die arm sind, dass diese Menschen fähig sind, zu lieben, glücklich zu sein, solidarisch zu sein – dieser Gedanke gefiel mir ausgesprochen gut. Denn es gab eine Zeit, da glaubten wir in Lateinamerika, wir sollten es den amerikanischen Filmen gleichtun, die Armut zeigen und arme Menschen, die sterben, und Kinder, die hungern. Ich glaube schon, dass das auch wichtig ist, weil es diese Dinge gibt. Andererseits aber hatte ich das Gefühl, dass wir in gewisser Weise Filme für andere drehen. Die Filme konnten in Europa und in den Vereinigten Staaten gut verkauft werden, weil es sehr exotisch war, Menschen so sterben zu sehen. Und so drehten wir solche Filme. Das war sicherlich eine wichtige Zeit in unserer Filmgeschichte.
Doch ich denke auch, dass wir uns selbst und unsere Länder und unsere Menschen wertschätzen müssen – und die 'Kleine Revolte' vermittelt das wunderbare Gefühl von einem Volk, das lieben kann, glücklich ist, Witze macht, während es sich gegen einen Diktator in einer kleinen Stadt auflehnt. Sie verbrennen zum Beispiel eine Puppe, ein Symbol für einen Regierungsspion, und das sind doch die richtigen Dimensionen der Dinge in der Welt: Die Menschen kämpfen auf ihre Art – sie haben nie den Diktator gesehen; die ranghöchste Person, die sie in ihrem Leben gesehen haben, war der Captain, der in die Schule kam. Oder wie gehen die Kinder damit um, wenn der Hund des Jungen getötet wird? Sie fühlen, dass diese Menschen keine guten Menschen sind, denn sie töten den Hund aus Unachtsamkeit; es wäre nicht nötig gewesen. Sie haben dieses Gefühl nicht, weil die Regierung schlecht mit der Wirtschaftssituation umgegangen ist, die Wirtschaftssituation berührt sie oder ihre Eltern nicht direkt. Sie sind eher von den Dingen berührt, die in ihrer unmittelbaren Umgebung geschehen. Und das gefiel mir an dem Film. Er ist sehr real. Es stimmt natürlich, die Weltwirtschaft und Diktaturen beeinflussen jeden. Doch es stimmt auch, dass die Menschen von den ganz kleinen Dingen in ihrem Leben beeinflusst werden. Und diese Menschen leben an einem Ort, an dem etwas nicht stimmt und dagegen müssen sie kämpfen, für ihr Leben und ihr Glück. Zum Beispiel heiratet Gustavo, es gibt ein Fest in der Stadt und alle sind fröhlich – und gleichzeitig bekämpfen sie die Diktatur. Das bedeutet ja nicht, dass sie alle sterben oder ständig leiden."

Als Du den Film gemacht hast, hattest Du da ein bestimmtes Zielpublikum im Auge?
"Nein, nein, in dieser Hinsicht bin ich wohl der schlechteste Produzent der Welt. Ich habe den Film realisiert, weil er mir gefiel. Ich habe mich für den Film engagiert, er hat mich berührt, weil ich ihn vor mir sah und ihn schön fand. Wir reden ja jetzt von einem Film für Kinder. Von unserer Seite aus war er aber nie als Film für Kinder konzipiert. Es war einfach eine schöne Geschichte, die uns gut gefiel, und die Personen in dem Film sind Kinder. Es gab überhaupt kein spezifisches Publikum, für das er besonders gemacht wurde. Er gefiel uns einfach. Ich glaube, so entstehen die besten Filme. Denn jedes Mal, wenn ich den Film sehe, gefällt er mir besser. Und ich weiß nicht, welches Publikum er besonders ansprechen könnte. Es ist immer merkwürdig für mich und immer eine Überraschung, denn ich weiß nie vorher, wem der Film gefällt: den Kindern oder den Erwachsenen oder den Menschen draußen im Land. Da ist noch etwas anderes: Der Film handelt nicht von einem Land oder von einer Stadt oder so. Die ursprüngliche Geschichte ist von jemandem aus Chile. Doch ich lebe in einem Land, wo es keine Diktatur gibt – in dem Sinne wie es eine Diktatur in Chile oder in Paraguay gibt."

Aber es gab sie in Venezuela, beruht die Geschichte nicht auch auf den Erfahrungen des Landes?
"Nein. Das ist ganz wichtig an dem Film: Er ist fiktiv. Das hat nichts mit Fantasy zu tun, denn er ist sehr real – aber es ist doch reine Fiktion, die Geschichte könnte überall geschehen. Und ich glaube, solche Dinge geschehen tatsächlich überall, auch in demokratischen Ländern und kommunistischen Ländern und Ländern unter einer Diktatur. Es gibt überall Unterdrückung und überall wirken Mechanismen, die die Menschen konform machen wollen. Überall. Natürlich gibt es das sehr viel stärker in einer Diktatur oder in Kriegszeiten. Ganz offensichtlich. Ich glaube nur, dass die Geschichte des Films 'Kleine Revolte' überall gültig ist.

Das Gespräch führte Elke Ried

 

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