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Ausgabe 28-4/1986

"Jakob hinter der blauen Tür"

Interview mit Haro Senft

(Interview zum Film JACOB HINTER DER BLAUEN TÜR)

"Jakob hinter der blauen Tür" heißt der neue Spielfilm, den der Münchner Filmemacher Haro Senft Ende August in Hamburg abgedreht hat. Sein 1978 entstandener Kinderspielfilm "Ein Tag mit dem Wind" war ohne Drehbuch entstanden. "Jakob hinter der blauen Tür" ist das, was man eine Literaturverfilmung nennen könnte, denn der Film basiert auf dem Roman für Kinder gleichen Titels von Peter Härtling. Ein leises Buch, in dem die Phantasien des Jungen Jakob im Mittelpunkt stehen. Nach dem Tod des Vaters hat er es schwer, wieder Fuß zu fassen in seiner Umgebung. Haro Senft hat sich an die Vorlage eher angelehnt als sie strikt befolgt. Er hat Figuren hinzuerfunden (etwa den Part eines Rockmusikers – von David Knopfler dargestellt) und dem an sich zeitlosen Thema der Trauerarbeit einen realen, unserem heutigen Zeitgeist entsprechenden Rahmen gegeben.

KJK: "Jakob hinter der blauen Tür" ist ein sehr leises Buch. Action und Spektakuläres fehlen. Was hat Sie gereizt, dieses Buch filmisch umzusetzen?
Haro Senft: "Eigentlich in erster Linie das Thema selbst, Trauerarbeit, und die Figur. Es ist ein Thema, das, glaube ich, in Filmen für Kinder und Jugendliche fast noch überhaupt nicht behandelt wurde und wenn, dann nicht in einer so seriösen Art. Von Anfang an war klar, dass man natürlich die Version von Peter Härtling nicht so direkt verfilmen konnte, denn es hätte eines großen Geld- und Zeitaufwandes bedurft, um die Phantasien und Projektionen des Jungen wirklich gut und ausführlich zu zeigen. Wir waren also bemüht, eine Form zu finden, die sich mehr auf dem realen Vorfall und der realen Ebene bewegt und gleichzeitig auch eine sehr zeitnahe Interpretation ist. Das Thema selbst ist zeitlos, aber es sollte doch so zeitentfernt nicht sein, wie es bei Peter Härtling vorkommt. Ich habe kurz vor Drehbeginn noch mal mit Härtling gesprochen und gefragt, was denn das Signifikante an seinen Figuren sei, und er sagte, bei der Mutter vorwiegend die Unfähigkeit zu trauern, bei dem Jungen die Bemühung, damit fertig zu werden. Mit dieser Aussage war ich sehr einverstanden, so hatte ich es auch gesehen, und so ist jetzt der Film angelegt."

Dem Jungen also gelingt es, mit der Trauer fertig zu werden. Schafft er das allein?
"Bei uns ist der Junge durch seine Spontaneität und Direktheit eigentlich viel näher dran, das zu tun, wird aber von der Außenwelt missverstanden, zunächst auch von der Mutter, und in der Schule bemüht man sich auch nur, Rücksicht zu nehmen. Eine außen stehende Figur, die eigentlich selber in einem Bewältigungsprozess anderer Art steht, hilft ihm dabei indirekt, oder sagen wir mal, die beiden Figuren helfen sich gegenseitig, ohne es zu wollen."

Haben Sie das Drehbuch selber geschrieben?
"Wir hatten bis zum Stand vor Drehbeginn etwa drei verschiedene Überarbeitungen, und die letzte Überarbeitung hab' dann ich gemacht."

In Ihren letzten Film, "Ein Tag mit dem Wind", haben Sie ohne Drehbuch gearbeitet.
"Da hatte ich nur das Thema und kein Drehbuch ..."

... und haben gesagt, dass das sehr inspirierend gewesen sei. Wie war es jetzt?
"Hier bestand dann letzten Endes ein Drehbuch, es waren auch andere Ausgangsbedingungen für die Dreharbeit da, also man musste – weil wenig Geld und Zeit zur Verfügung standen – organisatorisch viel präziser vorgehen und sehr gedrängt so ein Thema planen. Das, was an Inspiration geblieben ist, ist die Deklination des Themas im Ausbau der Figuren. Mir ist also trotzdem eine Menge Freiraum geblieben. Ich hätte allerdings gerne gehabt, die Dreharbeiten hätten wenigstens 14 Tage länger gedauert, schon mit Rücksicht auf manche Subtilitäten der Durchführung, aber auch mit Rücksicht auf den Jungen, der ja von 31 Drehtagen an 30 Drehtagen beschäftigt war."

Das ist aber an den Finanzen gescheitert?
"Ja, es ist halt immer wieder dasselbe, solche Filme entstehen heute eigentlich nur unter dem Aspekt des Low-Low-Budget. Das ist einfach schade und zum Teil auch unverantwortlich, weil wir gerade für solche Filme, in denen Kinder so tragende Rollen spielen, viel mehr Zeit und zudem etwas mehr Geld brauchen. Im Verhältnis zu anderen Produktionen wäre es nicht einmal so viel mehr Geld. Um da einmal ein Verhältnis zu nennen: Der Film war letztlich mit einer Million finanziert, und mit 1,3 Millionen wären wir eigentlich sehr gemütlich und gut hingekommen."

Der Film "Ein Tag mit dem Wind" hatte ja eher etwas Ruhiges, Kontemplatives. Es kam auch Übersinnliches darin vor, diese Kugel, die Angst und Unsicherheit nehmen konnte. Spielt so etwas auch in Ihrem Leben eine Rolle?
"Ich würde nicht meinen, es sind übersinnliche Kräfte, aber es sind Bereiche, die so rational auch nicht definiert werden können oder sollen. Ich glaube, dass diese Dinge im Leben des Menschen eine große Rolle spielen, auch wenn man sie tunlichst verdrängt. Ich glaube auch, dass diese Dinge im Leben eines Kindes eine sehr starke Rolle spielen, und es ist dort, wo für mich auch Poesie anfängt. Poesie ist etwas Unablässiges, wenn wir es mit subtileren Gegenständen oder subtileren Themen zu tun haben. Es ist der Moment, wo der Mensch in seinen, ich würde sagen, nicht nur Gefühls-, sondern auch Bewusstseinsbereichen irgendwie berührt wird. Ich halte das für eines der wichtigsten Dinge der Kunst überhaupt, und deshalb bemühe ich mich auch, in jedem Fall diese Dinge zu berühren. Ich würde diesen Bereich aber nicht übersinnlich nennen wollen, ihn vielmehr unter dem Pauschalbegriff Poesie sehen. Sicherlich hat das immer etwas mit Bewusstseinsprozessen zu tun."

Ihnen wird ein Hang zu fernöstlicher Philosophie nachgesagt.
"Ach, das entstand eigentlich durch diese Traumsequenz in dem Film 'Ein Tag mit dem Wind' ..."

... der Sequenz mit dem Samurai.
"Ich will gar nicht leugnen, dass mich andere Kulturen und andere Erfahrungsbereiche auf dieser Welt sehr interessieren, aber ob das fernöstlich oder fernwestlich ist, das ist mir ganz egal, ja, das ist ein bisschen Interpretation, denn alles, was eigentlich von unserem Kulturbereich abweicht, ordnet man sehr gerne dem östlichen zu. Ich hätte für diese Szene auch ein europäisches Pendant einsetzen können, etwa den Heiligen Georg mit dem Drachen. Es sind immer dieselben Grundfiguren, die etwas Bestimmtes repräsentieren. Wir finden sie in allen Kulturen. Also, sagen wir mal so, ich bin da nicht an etwas Östliches gebunden. Dass aber natürlich der ganze asiatische Bereich mit Metaphern und Sinnbildern arbeitet, die sich mehr auf das psychische Leben beziehen, kann man schon sagen. Es gibt dort ein sehr gutes Angebot, das internationale Gültigkeit hat."

In den Medien wird dieser Bereich, wie ich finde, oft etwas abgewertet.
"Ja, das ist eine allgemeine Tendenz, zumindest hier in der Bundesrepublik. Es ist wohl die Angst vor dem Unbekannten. Es wäre meiner Meinung nach sehr wichtig, einfach einmal die eigene Kulturgeschichte aufzuarbeiten. Dann würde man sehen, dass aus dem europäischen Ursprungsbereich eigentlich viel mehr Entsprechungen zu heute asiatischen Religionen oder Philosophien bestehen als man annimmt."

Wenn man in Ihrem neuen Film eine Botschaft sucht, dann vielleicht die, dass Solidarität etwas Lebensnotwendiges ist.
"Ich würde es vielleicht noch etwas allgemeiner fassen. Wir leben alle immer in der Spannung, etwas festhalten zu wollen und etwas loslassen zu müssen. Es ist eigentlich der Trennungsprozess überhaupt, der uns sehr zu schaffen macht, bis hin zum Thema Sterben und Tod. Aber gerade diese Trennungsproblematik gibt uns dann die eigentlich wahre Arbeit auf. Wir müssen in diesen Momenten – ob in einer Beziehungsangelegenheit oder bei Verlust eines Menschen – uns immer wieder selber neu finden. Selbstverständlich passiert ein Teil rein individuell, der andere Teil muss aber sozial bezogen sein, das heißt also, man wird über kurz oder lang sehen, dass alle anderen Menschen dem auch unterliegen, und nur mit ihnen gemeinsam ist es möglich, überhaupt dieses Leben zu bestehen, und deswegen habe ich an diesem Punkt auch tatsächlich die Geschichte von Jakob ausgeweitet. Es gibt eine Figur, die nicht wie in der Vorlage wie Kai aus der Kiste auftaucht, sondern sich entwickelt."

Sehen Sie im Medium Film eine Möglichkeit, unserem oft doch blassen Alltag schöpferische Kräfte zuzuführen?
"Ja, unser Leben wird nur dann irgendwo sinnvoll und stark und reich, wenn wir über diese kreativen Momente irgendwie miteinander verkehren. Und ich glaube, hier hinkt unsere bundesdeutsche Gesellschaft etwas nach. Ich kann mir zum Beispiel keinen Italiener vorstellen, egal welcher Schicht er angehört, der ohne Kunst auskäme. Bei uns ist Kunst immer so eine Zutat. Das typische Stichwort: Kunst am Bau. Ich meine, man müsste langsam beginnen, der Poesie im Film tatsächlich wieder den Stellenwert zu geben, die sie zwingend braucht, denn jede Filmproduktion wird heute weitgehend von der Bürokratie bestimmt, und zum Schluss hat man das Gefühl, es ist ganz egal, welches Produkt herauskommt."

Poesie also statt Action á la Américaine?
"Ich meine doch. Der Film hätte die Möglichkeit, sehr viel zu übermitteln von literarischen Inhalten, er könnte sensibilisieren und so dazu beitragen, diese Kunstform in der richtigen Weise zu erleben."

Kinderfilme sind ja oft Projektionen von Erwachsenenproblemen. Wie ist es bei "Jakob hinter der blauen Tür"?
"Nein, hier ist es auf keinen Fall so. Hier geht es um eine Frage, die Erwachsene wie Kinder gleichermaßen betrifft. Es geht um den Verlust eines sehr nahe stehenden Menschen. Somit ist 'Jakob hinter der blauen Tür' auch kein Kinderfilm im klassischen Sinn. Er wäre eigentlich ein ganz normaler Kinofilm. Nur ist es sehr unterschiedlich, wie Erwachsene und Kinder mit der Trauer umgehen. Kinder sind viel direkter. Fünfjährige fragen bereits sehr gezielt nach dem Tod und was nachher kommt. Leider Gottes werden sie von den Erwachsenen oft im Stich gelassen. Das Thema wird tabuisiert. Auch Jakob stellt gezielte Fragen. Kinder sind da vielleicht etwas besser dran, weil sie sich trauen, solche Fragen zu berühren, und das macht für mich auch den Reiz der Geschichte aus."

Haben Sie vor, eher wieder Kinderfilme zu drehen oder doch wieder Filme für Erwachsene?
"Es ist schwer zu sagen, ich mache da schon langsam keinen Unterschied, aber ich werde eigentlich mehr und mehr in diese Ecke gestellt. Auf der einen Seite freut es mich, weil es eine schöne und sehr lohnende Arbeit ist, aber ich bin da nicht total eingebunden. Ich möchte schon auch mal etwas anderes machen und nicht nur sagen müssen, es hängt zwingend mit Kindern zusammen. Und 'Jakob hinter der blauen Tür' ist für mich schon so ein Fall, wo man die Definition langsam aufheben sollte. Der fertige Film sollte eigentlich nicht als Kinderfilm behandelt werden. Ich sehe es eher so, dass 'Jakob hinter der blauen Tür' ein Film für alle Generationen ist, in dem ein Elfjähriger die Hauptrolle spielt. Eher so."

Könnte eine solche Einstufung die Finanzierungsfrage verbessern?
"Ich möchte gern einen Weg finden, um unseren Gremien ins Bewusstsein zu bringen, dass gerade solche Filme eigentlich nicht mit dem kleinen Geld abgespeist werden, sondern eher besser ausgestattet werden sollten als die sogenannten Erwachsenenfilme, die oft nur unter dem Aspekt der kommerziellen Auswertbarkeit viel Geld schlucken und das Publikum trotzdem nicht erreichen."

Mit Haro Senft sprach Anne Frederiksen

 

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