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Ausgabe 29-1/1987

"X"

Produktion: Elinor Film / Filmgruppe 84 / Christians Film Companie CFC, Norwegen 1986 – Drehbuch und Regie: Oddvar Einarson – Kamera: Svein Krøvel – Schnitt: Inge-Lise Langfeldt – Ton: Ragnar Samuelsson – Musik: Andrej Nebb, Holy Toy – Darsteller: Jon Christensen, Bettina Banoun, Atle Mostad, Andrej Nebb, Ola Solum – Laufzeit: 95 Min. – Farbe – Auszeichnungen: Spezialpreis der Jury bei der Mostra del Cinema Venedig 1986; Preis der Nordischen Filminstitute bei den Nordischen Filmtagen Lübeck 1986

Ein von jungen Leuten besetztes Haus, in dem sich die 14-jährige Flora die Zeit mit Verschlingen von Comic-Heftchen vertreibt, wird von der Feuerwehr geräumt. Zunächst werden die Fenster eingeschmissen und dann sämtliche Wohnungen unter Wasser gesetzt. Es ist gerade klirrend-kalte Winterzeit in Oslo. Die harten Wasserstrahlen wirbeln das aus Sperrmüll zusammengestellte Wohnmobiliar kräftig durcheinander. Danach verschmelzen die eingeleiteten Wassermassen mit dem Hausrat zu unbeweglichen Eis-Figuren.

Diese Bilder frieren sich im Kopf des Zuschauers ein. Vereiste Gegenstände und eine kalte Fotografie des Films stimmen auf den folgenden, Kälte verbreitenden und lakonischen Inszenierungsstil ein, der damit für das Leben junger Außenseiter interessieren will, die auf der Suche nach Lebensinhalten sind. Auf der Straße begegnet Flora dem 25-jährigen Fotografen John, den sie in ihrer Not direkt fragt: "Kann ich bei dir wohnen?" Sie zieht bei John ein. Flora und John gehen sich zunächst aus dem Weg. Erst allmählich tauen die beiden auf und verlieben sich ineinander. Im Gegensatz zu John, der als Fotograf seinen laufenden Arbeiten und Aufträgen nachgeht, taucht das Straßenkind Flora immer wieder unter. John stellt nicht nur fest, dass er Flora abgöttisch zu lieben begonnen hat, ihm wird auch klar, dass sie für ihn eine wichtige Inspirationsquelle für seine künstlerische Arbeit bedeutet. Als Flora wieder einmal zu John zurückkehrt, teilt sie ihm mit, dass sie sich von ihm trennen wird, weil – wie sie sagt: "Da ist noch so vieles, das ich noch nicht erlebt habe." Flora folgt ihrem "Straßen-Instinkt". John, enttäuscht und am Boden zerstört, verliert seinen kürzlich gefundenen Lebens(in)halt wieder.

Oddvar Einarson erzählt in seinem Spielfilmdebüt eigentlich zwei Lebensgeschichten: Die Geschichte des New-Wave-Fotografen John und die des Straßenkindes Flora. Die Liebesgeschichte sucht diese beiden miteinander zu verbinden. Doch das Ganze bleibt eher ein unvollständiges Bild, das aber dem Zuschauer die Chance einräumt, die Sinn gebenden Verknüpfungen selber nachzuvollziehen, das Ganze selber zu Ende zu denken.

Der norwegische Spielfilm "X" behandelt – ähnlich anderen skandinavischen Spielfilmen wie "Liebe ist alles" ("Kärlekn är allt") von Rainer Hartleb und Staffan Lindquist (Schweden 1985) oder "Liebe mich" ("Älska mej") von Kay Pollak (Schweden 1985) – offen und hart zugleich Themen wie Isolation, Einsamkeit, Suche nach Geborgenheit und Verständnis. Am Rande taucht in "X" auch das "skandinavische Motiv" des gebrochenen oder gar zerstörten Verhältnisses von Eltern/Kind und umgekehrt auf. In "X" gespielt von den beiden jungen Laien Bettina Banoun und Jon Christensen so, als ob sie es genauestens kennen würden.

Arnold Hildebrandt

 

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KJK-Ausgabe 29/1987

 

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