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Ausgabe 30-2/1987

Die Welt des Märchens – neuer Programmschwerpunkt des Zweiten Deutschen Fernsehens

Gespräch mit Hans-Dieter Radke, Redaktion 'Kinder und Jugend'

Interview

Im Oktober 86, vor Ablauf der Brüder-Grimm-Jahre, startete das ZDF einen neuen Programmschwerpunkt: "Die Welt des Märchens. Wurde das Märchen bisher vernachlässigt, allenfalls als Billig-Import japanischer Zeichentrickserien den Vorschulkindern vorgesetzt, so will das Zweite nun mit großen Märchenfilmen, "abendfüllenden" Realfilmen, alle Zuschauer zugleich ansprechen. Das Vorhaben, zum Teil auch für den Kinoeinsatz geplant, umfasst 18 Spielfilme, von denen in Koproduktion mit Studio Bratislava, CSSR, bereits sieben verwirklicht wurden und zurzeit zwei in Produktion sind.

KJK: Herr Radke, seit wann gibt es Pläne des ZDF, große Märchenfilme zu produzieren?
Hans-Dieter Radke: "1981/82 schlug unser Programmdirektor Alois Schardt vor, Märchen wieder verstärkt für Kinder zu machen."

Welche Faktoren waren dafür verantwortlich, dass das ZDF ab Oktober 86 einen eigenen Programmschwerpunkt für Märchensendungen schuf?
"Im September 85 hat in der Redaktion 'Kinder und Jugend' ein Wechsel stattgefunden: Markus Schächter wurde neuer Redaktionsleiter, löste Josef Göhlen ab. Zu Beginn der Winterspielzeit 86 wollten wir mit dem Erscheinen unserer ersten Broschüre der Hauptredaktion 'Kinder, Jugend und Familie' in der Redaktion 'Kinder und Jugend' einen Schwerpunkt bilden und haben uns – auch zum Anlass des 200. Geburtstages der Brüder Grimm – für die Märchen entschieden."

Gab es auch Vorbehalte gegen die Anhäufung von Märchen im Kinderprogramm?
"Vorbehalte? Nein, im Gegenteil, wir sind ins alle einig, dass wir Märchen machen und haben wollen."

Sehen Sie in der jetzigen Hochkonjunktur des Märchens auch einen Trend zur Innerlichkeit und Anti-Aufklärung, also eine Tendenz zum Neo-Konservativismus?
"Das ist eine schwere Frage, können Sie so nicht stellen. Die Tendenz zur Innerlichkeit ist in jedem Falle gegeben, dass aber mit einer Verinnerlichung auch eine Anti-Aufklärung verbunden sein muss, das bestreite ich. Daraus folgt dann also bestimmt keine Tendenz zum Neo-Konservativismus. Sondern: Sie kommen aus dieser stärkeren Verinnerlichung der Themen sicherlich zu einer Aufklärung, zur stärkeren Reflexion, und damit in meinen Augen auch zu einer klareren Sicht der heutigen Verhältnisse. Denn das wollen ja die Märchen, wenn Sie auf Bettelheim zurückgehen. Wir bringen eine neue, wieder einmal eine neue Sicht der Märchen."

Welche Märchen wurden für die Produktion ausgewählt?
"Wir haben zunächst im Vorlauf drei Märchen gehabt: 'Taugenichts, der tapfere Ritter', 'Die drei goldenen Haare des Sonnenkönigs', 'Der Salzprinz'. Dann sind vier Märchen produziert worden: 'König Drosselbart' (gesendet Weihnachten 84); 'Der falsche Prinz' (ausgestrahlt Ostern 85, wiederholt Weihnachten 86); 'Frau Holle' (Oktober 85 fertig gestellt, wurde bisher nur im Kino gezeigt) und 'Die Galoschen des Glücks' (gesendet als Auftakt der 'Welt des Märchens'). Zurzeit sind in Produktion: 'Der treue Johannes' und 'Das Wasser des Lebens'. Beide sollten Ende 86 fertig werden, aber die Kollegen hatten Wetterschwierigkeiten. Im Gespräch sind wir über: 'Tischlein deck dich', 'Des Kaisers neue Kleider', 'Hans im Glück', 'Dornröschen', 'Rumpelstilzchen', 'Der Fischer und seine Frau', 'Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen', 'Rotkäppchen', 'Der gestiefelte Kater', 'Aschenputtel', 'Der Froschkönig', eventuell 'Die weiße Schlange', ein spanisches Märchen. Das ist im Groben das Raster, das wir uns vorgenommen haben. Ich sehe in der ganzen Märchenverfilmung, die wir auflegen, mehr einen formalen Charakter. Es ist mit unsere Aufgabe, nicht nur die paar bekannten Märchen zu realisieren, sondern auch die unbekannteren wieder bekannt zu machen, zu zeigen, was es alles an Märchen gibt, um anzuregen."

Sehen Sie grundsätzliche Probleme einer filmischen Umsetzung von Märchen?
"Ja, da gibt es ganz starke Probleme. Das kann man sehr schön am Beispiel des Froschkönigs erläutern. Wir wollen ja das große realistisch erzählte Märchen. Da suchen wir im Moment nach einer Form, die es uns erlaubt, den Frosch so zu bringen, dass er sich von verkleideten Tänzern abhebt oder dass er nicht kindisch wirkt, um an die Substanz der Geschichte heranzukommen. Da hängt das ganze Projekt davon ab, ob wir dieses Problem dramaturgisch in den Griff kriegen."

Wirkte die westdeutsche Märchenfilmtradition der 50er-Jahre – ich denke an die Spielfilme von Genschow und Schonger – nicht dem Vorhaben entgegen, das Märchen realfilmisch umzusetzen?
"Nein, das ist ja gerade ein Ansporn. Vieles kann man so nicht mehr bringen, vielleicht konnte man es so in den 50er-Jahren bringen, das kann ich nicht mehr beurteilen. Es gibt wenige Ausnahmen, so das 'Schneewittchen' von 1955 (zuletzt gesendet im November 86), das ich für einen gelungenen Märchenfilm halte. Wir wollen ja bewusst weitergehen, mit dem Anspruch, nicht nur einen kleinen Kinderfilm zu machen, die kleinen Kinder mit einer – sagen wir es ganz hart – billigen Verfilmung abzuspeisen. Das Fernsehen hat ja auch nicht die Aufgabe, Kinderbewahranstalt zu sein, die Kinder vor den Bildschirm zu setzen, sondern wir sagen bewusst: Die Kinder haben auch einen Anspruch auf eine qualitativ hoch stehende und kostenintensive Realisation."

Würden Sie die großen Märchenfilme in ihrer Ästhetik eher als Kino- oder als Fernsehfilme bezeichnen?
"Sie sind von uns von Anfang an als Fernsehproduktionen geplant. Die Kinoauswertung ist der zweite Schritt dieser Geschichte. Die Sachen sind so teuer – das liegt an unserem hohen Anspruch – dass man die weltweite Kinoauswertung einfach mit in Betracht ziehen muss."

Können Sie Preise nennen?
"Über Preise geben wir keine Auskunft. Da sich bei uns direkte und indirekte Kosten überlappen, wären die Zahlen, die ich Ihnen nennen würde, ohnehin nicht realistisch und Sie könnten keine Schlüsse ziehen."

Worin liegen die Gründe für eine Zusammenarbeit mit der CSSR?
"Die CSSR kann für uns sehr viel kostengünstiger arbeiten. Der Aufwand, den wir da treiben, wäre im Westen unbezahlbar. An 'Frau Holle' hat Juraj Jakubisko beispielsweise fast ein Jahr lang gedreht. Er musste Frühling, Sommer, Herbst und Winter haben, und hunderte von Tauben mussten zur Verfügung stehen, davon dreißig dressierte ... Das kriege ich hier im Westen nicht zusammen."

Liegt im Charakter der Koproduktion nicht die Gefahr einer Verflachung folkloristischer Eigenheiten?
"Eine Verflachung? Das würde ich so nicht sagen. Die Märchen sind ja international. Ein starker Regisseur wird immer seinen eigenen folkloristischen Background mit einbringen. Das ist ein bisschen bei der 'Frau Holle' der Fall, obwohl Juraj Jakubisko mir nachgewiesen hat, dass in seinem Film auch interessante folkloristische Schwarzwaldkomponenten enthalten sind. Die Gefahr ist natürlich, dass dieser Mann und Leute, die noch sehr stark aus dem Volk heraus wurzeln – das ist im Osten noch viel mehr der Fall, bei uns sind die Leute viel stärker entwurzelt – ihre Wurzeln mit einbringen. Da muss man dann gegensteuern."

In welchen Ländern sollen die Märchenfilme gezeigt werden?
"Zunächst in Österreich, das an der Koproduktion beteiligt ist. Dann steigen die Italiener, Franzosen, Spanier und in gewissem Umfang die Schweden mit ein – fernsehmäßig. Wie weit sich kinomäßig eine Weltauswertung erreichen lässt, kann ich nicht sagen – möglichst überall! Deshalb auch die hohen Qualitätsansprüche, die wir stellen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Japaner unsere Märchenfilme irgendwann interessant finden."

Worauf gründet sich Ihre Annahme, mit den neuen Märchenfilmen große und kleine Zuschauer gleichzeitig ansprechen zu können?
"Das ist keine Annahme, sondern eine Prämisse, die wir uns selbst gestellt haben. Wir haben gesagt: Wir wollen große und kleine Zuschauer gleichzeitig ansprechen. Und zwar wollen wir zwei Dinge gleichzeitig machen: Für den kleinen Zuschauer das ihm bereits bekannte Märchen im großen Stil zeigen, so dass er Bekanntes ausgeschmückt, groß und schön wiederentdeckt. Darüber hinaus soll eine dramaturgisch gut gebaute Geschichte so interessant ablaufen, dass sie den großen Zuschauer anspricht und am Bildschirm hält."

Mit Hans-Dieter Radke vom ZDF sprach Christoph Schmitt

 

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