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Ausgabe 31-3/1987

Gespräch mit Linda Wendel,

Autorin und Regisseurin des Films "Ballerup Boulevard"

(Interview zum Film BALLERUP BOULEVARD)

KJK: Können Sie etwas darüber sagen, wie Sie zur Story von "Ballerup Boulevard" gekommen sind?
Linda Wendel: "Während meiner Ausbildung am Dänischen Filminstitut arbeitete ich nebenbei beim Dänischen Rundfunk und betreute in diesem Zusammenhang eine Sendung, in der junge Leute anrufen und über ihre Probleme sprechen konnten. Auf diese Weise wurde ich mit ganz unterschiedlichen Fragen und Konflikten von Jugendlichen konfrontiert, Liebeskummer, existenzielle Sorgen und vieles andere. Diese Sendung ist bei Jugendlichen sehr populär und ich gestehe, dass ich eine Menge Anregungen und Hinweise in diesen drei, vier Jahren bekommen habe, in denen ich dort arbeitete, die sich in irgendeiner Form in meinen Filmen wieder finden. Die jungen Leute redeten sehr offen, detailliert und differenziert über die Dinge, die sie gerade beschäftigten. Bereits meine Abschlussarbeit an der Dänischen Filmakademie behandelte ein Thema, nämlich Inzest, zu dem ich durch dieses Jugendprogramm angeregt wurde. Selbstverständlich habe ich nicht einen authentischen Fall abgefilmt, sondern es sind dabei mehrere Geschichten in abgeänderter Form zusammengeflossen."

Wie war das bei "Ballerup Boulevard", gibt es da auch persönliche Bezüge?
"Die gibt es sicher immer, in der einen oder anderen Form. Aber nach meiner Meinung sollte man Filme nicht über ein spezielles Problem drehen. Für mich ist Filmen eher ein Weg, das Leben zu betrachten, das Leben bestimmter Personen. In meinem Film 'Ballerup Boulevard' sind es Menschen, die für einen dänischen Film nicht unbedingt typisch sind. Normalerweise werden viel konventionellere Mittelklassecharaktere gezeigt, die in einem netten, freundlichen Haus leben, nett miteinander umgehen, aber auf keinen Fall streiten, schreien oder gar trinken. Vielleicht liegt hierin auch der Grund dafür, dass der Film in Dänemark soviel Erfolg hat."

Sie zeigen in Ihren Filmen sehr viel Einfühlungsvermögen in die Konflikte und die Gefühlswelt der Personen.
"Ich glaube, viele Menschen haben ähnliche Erfahrungen wie das Mädchen Pinky gemacht, als sie jung waren. Es kommt doch öfter vor, dass ein Junge oder Mädchen für eine Zeit der Star in der Klasse ist, dann passiert plötzlich etwas und es ist vorbei mit der Anerkennung. Ich mag meine Personen, ihre Art miteinander umzugehen, auch wenn sie manchmal verquer ist. Auch das kennen wir doch aus eigener Erfahrung: Wenn Pinkys Vater zu seiner Frau sagt 'Du bist fürchterlich', will er damit doch eigentlich nur zum Ausdruck bringen, dass er sie mag. Aber er kann es eben nur auf diese Weise. Mit solchen Widersprüchen wollte ich arbeiten. Für Kinder ist es bestimmt nicht leicht, in solchen Verhältnissen aufzuwachsen, aber für viele ist es einfach Realität. Sie sind oft alleingelassen mit ihren Problemen, und ich wollte das in einer Weise zeigen, mit der sie sich identifizieren und sich so mit ihrer Realität auseinander setzen können und ihre Eltern ebenso."

Wie lange hat die Arbeit an "Ballerup Boulevard" gedauert?
"Die reine Drehzeit betrug zehn Wochen, die Arbeit am Skript dauerte etwa vier Monate. Ganz interessant ist die Entstehungsgeschichte des ganzen Projekts: Eines Tages rief das Dänische Filminstitut an und fragte an, ob ich nicht Lust hätte, einen Film zu machen. Sie wollten ein bestimmtes Buch verfilmen, das mir aber überhaupt nicht gefiel. Ich schlug ihnen vor, selbst ein Skript zu schreiben und überraschenderweise gingen sie darauf ein und gaben mir das Budget, das eigentlich für das andere Projekt vorgesehen war."

Wie hoch beliefen sich die Herstellungskosten für "Ballerup Boulevard"?
"Der Film war mit 5,5 Millionen Dänischer Kronen, das entspricht etwas weniger als 1,5 Millionen Mark, sehr billig. Nach meinen Informationen ist er damit einer der billigsten Filme, die seit langem in Dänemark produziert wurden, der Schnitt liegt etwa bei 7 bis 8 Millionen Kronen."

Stine Bierlich als Darstellerin der Pinky agiert überaus überzeugend. Wie haben Sie sie gefunden?
"Nun, ich kenne Stine Bierlich schon länger. Im Zusammenhang mit meinem Abschlussfilm bin ich auf sie gestoßen. Sie hatte davor allerdings schon einschlägige Filmerfahrung, im Alter von elf Jahren spielte sie ihre erste Rolle, inzwischen ist sie neunzehn."

Hatte sie in irgendeiner Weise Einfluss auf die Gestaltung ihrer Rolle, sie scheint ihr auf den Leib geschrieben?
"In gewisser Weise schon. Vor Drehbeginn zog ich mich mit den drei Mädchen für vier Tage in ein Hotel zurück, um mit ihnen das Skript durchzugehen und gemeinsam eventuelle Schwächen herauszufinden. Tag und Nacht haben wir daran gesessen, dabei kamen zwar keine radikalen Veränderungen heraus, aber an manchen Stellen sind ihre Ideen schon mit eingeflossen."

Die Musik hat in Ihrem Film eine zentrale Funktion, einerseits als Stilmittel, aber auch als Medium, über das Pinky in gewisser Weise ihre Identität entwickelt. Warum übernimmt gerade die Musik diese Rolle?
"Die Musik wurde von mir ganz bewusst eingesetzt. Es wäre ja auch denkbar gewesen, dass Pinky durch die Beziehung zu einem anderen Menschen, etwa einem Jungen, wieder zu sich findet. Aber diesem alten Grundschema 'Junge trifft Mädchen' wollte ich nicht noch eine neue Variante hinzufügen, das gibt es nun schon oft genug. Und zur Musik habe ich selbst eine sehr enge persönliche Beziehung. Im Radio habe ich früher viele Musiksendungen moderiert, ich kenne sehr viele Musiker, und wenn ich auch selbst kein Instrument spiele, so habe ich doch ständig Kontakt mit Musik, so dass es gar nicht so abwegig ist, Musik als ein zentrales Thema zu wählen. Texte und Musik im Film stammen übrigens von Elisabeth Gjerluff Nielsen, sie ist in Dänemark ein bekannter Popstar, die Mädchen spielen sie allerdings selbst im Film."

Gibt es nach Ihrer Meinung eine speziell weibliche Art, Filme zu machen, eine spezielle Sichtweise?
"Die Kategorisierung 'Frauenfilm' / 'Männerfilm' halte ich für falsch. Ich sträube mich dagegen, als Regisseurin in die Schublade 'Frau' zu kommen. Nehmen Sie Wenders oder Scorsese, zwischen ihren Filmen bestehen auch enorme Unterschiede, obwohl beide Männer sind. Der Unterschied liegt in den einzelnen Individuen begründet und nicht so sehr in der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. In Dänemark gibt es seit etwa zehn Jahren die Diskussion, ob es einen typischen Frauenfilm gibt oder eine typisch weibliche Art, eine Geschichte zu erzählen, die eher episch angelegt ist und sich nicht so sehr an der inneren Struktur des klassischen Dramas orientiert. Abgesehen von dieser Diskussion kann ich rückblickend sagen, es hat sich einiges getan, es gibt einfach viel mehr Frauen im dänischen Film als vor zehn Jahren."

Das Gespräch führte Thomas Thiel

 

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