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Ausgabe 32-4/1987

DER TANZ DER PUPPEN

A DANCA DOS BONEGOS

Produktion: Grupo Novo de Cinema, Brasilien 1986 – Regie: Helvècio Ratton – Drehbuch: Helvècio Ratton, Tairone Feitosa, Angelo Santoro – Kamera: Fernando Duarte – Schnitt: Vera Freire – Musik: Nivaldo Ornelas – Darsteller: Wilson Grey, Kinura Shettino, Cintia Vieira – Laufzeit: 93 Min. – Farbe – Intern. Vertrieb: Embrafilme, Rua Mayring Veiga 28-4°, Rio de Janeiro 20.090, Brasilien

Zwei Wanderschauspieler, Meister Capa und sein Assistent Geleia, fahren in ihrem bunt bemalten Bus eine einsame Bergstraße entlang zum nächsten Dorf – oder vielleicht ist es dieses Mal eine große Stadt, die sie reichen machen wird ...?

Aber es ist wieder nur ein kleines halb verlassenes Dorf. Das Mädchen Ritinha lebt dort mit ihrem Großvater, und sie besuchen die armselige Vorstellung der Wanderschauspieler und kaufen den beiden den "Minervatrunk" ab. Dieses Mal ist der Trunk tatsächlich verzaubert, und Ritinhas Puppen fangen in der Nacht an zu tanzen. Meister Capa wittert ein Geschäft und stiehlt die Puppen mit seinem Gehilfen Geleia (dem dabei fast das Herz bricht). Die tanzenden Puppen werden bei einer Vorstellung von Angestellten eines Spielwarenkonzerns entdeckt, entführt und zur großen Fernsehshow vermarktet. Inzwischen hat sich Ritinha auf den Weg gemacht, um ihre Puppen zu suchen, ganz allein durch die Berge, bis sie Geleia und Capa findet und mit ihnen zusammen weitersucht. Bei der großen Fernsehshow wird den Puppen ihre Zauberkraft entzogen, Ritinha nimmt sie wieder zu sich nach Hause und Capa und Geleia ziehen weiter. In Ritinhas Zimmer füllt sich die Flasche mit dem Zaubertrunk, und die Puppen tanzen wieder – dieses Mal für Ritinha.

"Der Tanz der Puppen" ist ein modernes Märchen. Das Thema wird ganz in Bild und Handlung umgesetzt, die Dialogteile sind kurz und meist auf die einfache und lineare Handlung bezogen. Die Figuren bleiben relativ schematisch, selbst das Mädchen Ritinha ist nicht primär eine psychologisch differenzierte Figur (es gibt nur wenige Großaufnahmen des Gesichts, die seelische Konflikte nahe bringen), sie ist vor allem Handelnde und die Handlung antreibende Kraft: Sie will ihre Puppen zurückhaben, und wie im Märchen geht sie ganz alleine in die Welt, auf der Suche nach dem verlorenen Schatz. Ritinha ist allein auf ihrem Weg durch die Berge in die Stadt, aber sie bekommt Hilfe, wunderbare und natürliche Hilfe – von Yara, einer brasilianischen mythologischen Figur (die hier leider eine kitschige Verkörperung in Gestalt einer badenden Schönen mit Blumen im Haar erfährt); von dem einsamen Mann am Weg (ein Indio, Wahrsager und Weiser zwischen den Welten); und von den Schauspielern, insbesondere vom liebenswerten und unterdrückten Geleia. Nicht die einzelnen Szenen und Verkörperungen des Übernatürlichen überzeugen in diesem Film, sondern vielmehr die märchenhaft-realistische Grundstimmung, die den Film gerade für jüngere Kinder ansprechend machen dürfte. Trotz Spannung und Hindernissen verspricht der Film einen glücklichen Ausgang, und Ritinha geht selbst bestimmt ihren Weg und ist zugleich "aufgehoben", sie verliert bei ihrem Alleingang nicht die Erwachsenen und andere Kräfte als Beschützer.

Ritinhas Kampf um ihre Puppen ist durchaus real, er wird auf der realistischen Ebene sehr ernst genommen. Aber im Unterschied zum realistischen sozial- und kulturkritischen Kinderfilm trägt die Hauptfigur, das Kind, nicht die ganze Last des Widerstands und der Hoffnung, es gibt noch andere Kräfte, natürliche und übernatürliche, die von Ritinha ganz selbstverständlich akzeptiert und beansprucht werden, ohne dass sie dabei hilflos erscheinen würde. In dieser Mischung von handfester Kulturkritik, Talisman und Zauberkraft ist der Film deutlich in der lateinamerikanischen Kultur angesiedelt. Und die Botschaft des Films ist aktionistisch und kontemplativ zugleich: Ritinha handelt entschlossen, wehrt sich, nimmt Hilfe an, und ihr Opa lernt, sie nicht zu suchen, er wartet und hat Vertrauen.

Filmisch gesehen ist "Der Tanz der Puppen" nichts Aufregendes, aber als poetischer Kinderfilm doch sehr empfehlenswert, trotz Nostalgie und ein bisschen Kitsch. Denn, wie Lewis Carroll vom Märchen sagte, es gefällt, weil es mit Liebe erzählt wird. Und für jüngere Kinder gibt es bisher nur wenig empfehlenswerte Filme.

Michaela Ulich

 

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