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Ausgabe 32-4/1987

Gespräch mit Vladimir Grammatikov

Regisseur des Films "Mio, mein Mio"

(Interview zum Film MIO, MEIN MIO)

Rund 70 Kurz- und Langfilme – Animations-, Dokumentar- und Spielfilme – umfasste der Wettbewerb des 11. Internationalen Kinderfilmfestivals im Rahmen des 15. Internationalen Filmfestivals Moskau vom 7. bis 17. Juli 1987.

Im Mittelpunkt des Interesses stand die Uraufführung des Films "Mio, mein Mio", ein Beispiel der noch seltenen west-östlichen Kinderfilm-Koproduktionen, unter der Regie des sowjetischen Regisseurs Vladimir Grammatikov, nach dem gleichnamigen Buch von Astrid Lindgren.

Während des Moskauer Filmfestivals sprachen wir mit Vladimir Grammatikov.

KJK: Wir können uns vorstellen, dass die Koproduktion "Mio, mein Mio" nicht einfach war – ist es die erste Koproduktion der UdSSR?
Vladimir Grammatikov: "Vor zwanzig Jahren gab es bereits eine, aber das war kein Kinderfilm – Kinderfilm vereinfacht die Probleme, die bei so einer Produktion entstehen. Bei den Filmen für Erwachsene erscheinen immer irgendwelche scharfen Ecken – Schwierigkeiten, mit denen man sich auseinander setzen muss. Aber bei dieser Märchenverfilmung gab es das nie, sondern wir haben alle unsere Energie auf die Lösung von künstlerischen Fragen verwendet."

Wann begann die Produktionsplanung?
"Eigentlich war das nicht unsere Idee, sondern der Vorschlag kam von Schweden. Hauptpartner war Nordisk Tonefilm International. Die längste Zeit beanspruchten die Vorverhandlungen. Es wurde auch lange der Regisseur gesucht, und zwölf sowjetische Regisseure geprüft. Aber als wir diese Frage entschieden hatten, ging's ganz schnell."

Was bedeutete die Koproduktion dann in der Praxis?
"Im Prinzip sind wir den Weg gegangen, dass jedes Land das Maximale gibt, was es hat – also Schweden das Filmmaterial, während Bühnenbilder bei uns billiger herzustellen sind, zehnmal billiger, und so sind alle Höhlen, Türme, die Burg, der Saal, die Durchgänge hier im Gorki-Studio gemacht worden. Auf diese Weise haben wir auch die Mannschaft für den Film zusammengestellt. Ich habe die Bedingung gestellt, dass z. B. der Kameramann von unserer Seite kam."

Die Hauptdarsteller sind englische Kinder – war das auch eine Bedingung für diese Koproduktion?
"Die Schwierigkeit war, dass wir die Version in englischer Sprache drehen sollten. Danach haben wir in Russisch synchronisiert, die Schweden dann schwedisch – aber das Original ist englisch."

Wer hat die Auswahl der Kinder getroffen, und nach welchen Kriterien?
"Das war ein großes Problem. Zunächst wollte ich russische Kinder, die englisch sprechen können, aber da sie neun Jahre alt sein sollten und unsere Kinder in diesem Alter erst englisch zu lernen beginnen, habe ich aufgehört, hier im Lande zu suchen. Im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten bat ich um Adressen von Familien, die längere Zeit in Großbritannien gelebt und gearbeitet haben. Ich bekam sie und habe diese Kinder eingeladen. Aber da kamen nicht solche romantischen, bisschen traurigen Kinder, wie wir sie für die Rollen gebraucht hätten, sondern das waren solche 'Superman-Kinder'. Danach entschlossen wir uns, unsere Hauptdarsteller in London zu suchen. Dort gibt es mehrere Schulen mit musischer Ausrichtung. Nach einem Test mit 72 Fragen wurden 150 Kinder ausgesucht. Ich bin dann nach London gefahren, und von den 150 habe ich 90 ausgewählt, die ich mir persönlich angesehen habe.
Das Problem war riesengroß, denn wenn wir Kinder für unsere Kinderfilme auswählen, haben wir bei uns drei Monate Zeit. Dort verblieben mir nur zwei Wochen. Deshalb hatte ich extreme Aufgaben gestellt. Zwei Jungen sollten eine Situation improvisieren, und zwar: einer der beiden ist krank, der andere besucht ihn. Der kranke Junge bittet seinen Freund, dass er mit seinem Hund spazieren geht, ihn keinesfalls auslässt. Der geht also mit dem Hund spazieren, und der Hund gerät unter ein Auto. Der Junge kommt mit dem toten Hund zurück und muss es seinem Freund erklären. – Das war die 'Etüde' – zur 'Hauptprobe' sind bloß die Direktkandidaten geblieben, und dabei habe ich folgende Situation gedreht: Der Junge kommt aus der Schule heim und sieht seine Mutter weinen, sie sagt, dass sie die Familie verlassen wird und zu einem anderen Mann geht. Der Junge muss versuchen, mit allen Möglichkeiten seine Mutter bis zum Abend zu halten, wenn der Vater kommt und nochmals mit ihr spricht. Wir haben das alles gedreht und zwei Kinder ausgewählt: Nicholas Pickard (Mio) und Christian Bale (Jum-Jum), der uns alle zum Weinen gebracht hat."

Wie war die Zusammenarbeit mit den englischen Kindern?
"Zunächst hatte ich große Befürchtungen, ob das alles gut gehen würde. Als wir uns aber kennen gelernt hatten, war das gar keine Schwierigkeit, und wir hatten sehr gute Beziehungen. Ich wusste schon, über welches Thema ich mit ihnen sprechen sollte, um sie in den Zustand zu bringen, den ich haben wollte."

Haben die Kinder die Texte vorher auswendig gelernt?
"Nicht alle Szenen; es sind auch Texte von Szenen dabei, die ich verboten habe, auswendig zu lernen!"

Haben Sie Astrid Lindgren getroffen?
"Ich habe die Astrid Lindgren auch kennen gelernt."

Aber das Drehbuch zu diesem Film hat sie nicht gemacht?
"Nein – Dennoch. Die Filmhandlung improvisieren durften wir nicht! Das Szenarium hat William Aldridge geschrieben. Er hat bei uns studiert und kennt die russische Sprache sehr gut. Und er hat die schwedische, englische und russische Ausgabe des Buches miteinander verglichen, um Abweichungen auszuschließen. Das Buch 'Mio, mein Mio' hat Astrid Lindgren 1954 geschrieben, und wir haben es 1987 verfilmt, aber wir durften das Buch nicht allzu sehr ändern, weil es schon zwei Generationen sehr gut kennen. So haben wir an der Geschichte nichts geändert, aber wir haben die Handlung nach unseren Vorstellungen visualisiert – und das war nicht einfach, wenn man nicht die Geschichte ändern wollte."

Wurden die englischen Dialoge nachsynchronisiert?
"Ja, die Kinder haben ihre Rollen selbst nachsynchronisiert – das ist ihre eigene Aussprache – während für die anderen Schauspieler Synchronsprecher gefunden werden mussten."

Wie kam die Besetzung der anderen Rollen zustande?
"Hier mussten wir den Wünschen unserer Koproduzenten nachkommen, und so sind die meisten Darsteller von ihnen verpflichtet worden. Christopher Lee (Ritter Kato) wurde von schwedischer Seite vorgeschlagen, diese Rollenbesetzung war o.k. – Mit der Besetzung für den König, Timothy Bottoms, war ich allerdings nicht zufrieden."

Wenn Sie als sowjetischer Regisseur den Film hier gemacht hätten, ohne Beteiligung anderer Länder, wäre das sicher ein anderer Film, ein Film mit eigener Handschrift geworden. Welche Probleme sehen Sie in der Multiproduktion, verändern sich dadurch Dinge?
"Nein, der Film würde auch so aussehen, da gab es keine Zugeständnisse. Er sieht so aus, wie ich ihn machen wollte."

Solche Koproduktionen sind also ein Vorteil, weil mehr Mittel für den Film zur Verfügung stehen?
"Heutzutage haben alle sehr wenig Geld für den Kinderfilm – nur drei oder vier Länder sind in der Lage, auch teure Filme zu machen. Der europäische Film kann durch solche Koproduktionen konkurrenzfähig sein gegenüber dem amerikanischen Film."

Und welches Filmprojekt planen Sie als nächstes?
"Das wird keine Koproduktion sein, und auch kein Kinderfilm, sondern ein Film für Erwachsene, über ein internes Problem: Im Jahr der Olympischen Spiele, Moskau 1980, gab es bei uns ein Motto: 'Alles für das Wohl des Menschen', aber man hat sich hinter diesem Motto versteckt. Einzelne Persönlichkeiten wurden nicht geschätzt – man hat die Persönlichkeit vernichtet. Jetzt hat sich die Situation geändert, und man kann auch einen Film über dieses Thema drehen."

Mit Vladimir Grammatikov sprachen Hans und Christel Strobel

Zur Person

Vladimir Grammatikov war u. a. Vorsitzender der Kommission für Kinderfilme im Verband der Filmschaffenden der UdSSR. Er vertrat in dieser Funktion den Verband im Internationalen Kinder- und Jugendfilmzentrum (CIFEJ, Sitz Paris) und gehörte dem Verwaltungsrat von CIFEJ an.

Filmografie (Auswahl): "Babysitter mit Bart"; "Ein Hund spazierte auf dem Klavier"; "Hände hoch"; "Alles umgekehrt"; "Stern und Tod des Joaquin Murieta"; "Mio, mein Mio".

 

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