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Ausgabe 36-4/1988

EISENHANS

Produktion: DEFA-Studio für Spielfilme, Gruppe 'Berlin', DDR 1987 – Regie: Karl Heinz Lotz – Drehbuch: Karl Heinz Lotz, Michael Göthe, Paul Lehmann, nach einem Szenarium von Katrin Lange, frei nach dem Märchen der Gebrüder Grimm – Dramaturgie: Anne Pfeuffer, Werner Beck – Kamera: Michael Göthe – Schnitt: Helga Gentz – Ton: Rosemarie Linde, Gerhard Ribbeck – Musik: Andreas Aigmüller – Darsteller: Dirk Schoedon (Eisenhans), Gundula Köster (Prinzessin), Asad Schwarz (Prinz), Johannes Knittel (Wilder König), Werner Codemann (Milder König), Peter Prager (Schwarzer Jäger) u.v.a. – Laufzeit: 84 Min. – Farbe -Weltvertrieb: DEFA-Außenhandel, Milastr. 2, DDR-1058 Berlin

Grimmsche Märchen bilden ein schier unerschöpfliches Reservoir für Kinderfilme. Die DEFA hat darauf immer wieder zurückgegriffen. Neben historischen und Gegenwartsstoffen gehören Märchen ganz allgemein zu den Standardthemen ihrer Produktion für jüngste Zuschauer. Die DDR kann dabei auf eine lange Tradition und Kontinuität zurückblicken. Seit etwa drei Jahrzehnten entstehen jedes Jahr vier Kinospielfilme für das Nachwuchspublikum: ein Viertel der gesamten Babelsberger Produktion. Viele dieser Filme zählen inzwischen zum festen Repertoire des Kinderkinos auch in der Bundesrepublik, manch einer errang auch Festivalpreise.

Zur besonderen Qualität von DEFA-Kinderfilmen trägt nicht zuletzt bei, dass sich hervorragende Schauspieler nicht zu schade sind, dabei Rollen zu übernehmen, auch gute Regisseure betrachten das Genre nicht als zweitrangig. Rainer Simon beispielsweise, inzwischen Gewinner eines Goldenen Bären der Berlinale ("Die Frau und der Fremde") und gerade mit einem Film über Alexander Humboldt in Koproduktion mit dem ZDF beschäftigt, debütierte mal mit einer wunderschönen Grimmschen Märchenverfilmung: "Wie heiratet man einen König?"

An die Breughelschen Gemälden nachempfundenen Bilder jenes Films fühlte ich mich manchmal erinnert, als ich den "Eisenhans" von Karl Heinz Lotz sah. Dass dieser Regisseur in Bildern denken kann, war schon an seinem Kino-Erstling für Erwachsene, "Junge Leute in der Stadt", abzulesen. Mit seiner vom Original abweichenden Interpretation des Grimmschen Eisenhans zielt Lotz, der auch zusammen mit Kameramann Michael Göthe und Szenenbildner Paul Lehmann das Drehbuch nach einem Szenarium von Katrin Lange schrieb, auf eine Parabel, die sehr heutige Parallelen assoziieren lässt. Schon der erste Satz des Films macht darauf aufmerksam: "Es war einmal eine Zeit, da lebten die Menschen in Frieden und Eintracht mit der Natur." Dazu erscheint ein mächtiger knorriger kahler Baum auf der Leinwand, der dann auch die letzte Einstellung ausfüllt. Eisenhans ist der Behüter der Natur, aber er wird am Hofe des einen, nur auf die Jagd versessenen Königs in einem Käfig gefangen gehalten und erst durch den Königssohn befreit. Das ist zwar auch schon bei Grimm so, doch im Film bedeutet es mehr.

Auf moderne Kategorien übertragen, könnte man von einem Generationskonflikt sprechen, der an zwei Königshöfen exemplifiziert wird. Deutlich heißt es auch da wieder anfangs im Text: "Die Königskinder sollten werden wie die Väter, doch wir hoffen auf Prinzessin Ulrike und Prinz Joachim." Der Prinz wird ständig gegängelt und beaufsichtigt. Am Hof seines Vaters herrschen raue Sitten, grobschlächtige, kriegerische Typen fressen und saufen unmäßig; der schwarze Jäger, des Königs engster Berater, meint, dass allein Stärke zähle, und der König möchte, wie er einmal sagt, "lieber einen toten Sohn als einen ungehorsamen Sohn", während Prinz Joachim für sich Verantwortung fordert.

Prinzessin Ulrike steht am anderen Königshof nicht minder in Opposition zur dortigen Etikette. Schon äußerlich ein Kontrast zu den überzüchteten Luxusgeschöpfen und dicken Hofdamen im Gefolge ihres dümmlichen Vaters, der in einer Zuckergusswelt lebt und sogar noch die Schachfiguren aus Marzipan verspeist, liest sie lieber, als sinnlos zu prassen. Der Aufforderung des Königs "Iss was Süßes" hält Ulrike entgegen: "Ich will was Schönes!" Natürlich werden am Ende nach verschiedenen, auch kriegerischen Verwicklungen Prinz und Prinzessin ein glückliches Paar.

Den Jungen gehört die Zukunft. Wenigstens im Märchen siegt ihre umweltfreundliche Vernunft und Intelligenz über Naturzerstörung, Militarismus, Autoritätsanspruch und Konsumfetischismus der Alten. Wer will, kann in, den beiden Königreichen durchaus überspitzt, karikierte Merkmale beider deutscher Staaten entdecken. Das Märchen als Modell und Metapher für Bekanntes, Gegenwärtiges: wie in Georg Seidels vor etwa einem Vierteljahr im Theater in Schwedt uraufgeführten Märchenkomödie "Königskinder" nun auch im Film. Darin liegt trotz einiger Schwächen der Reiz dieses "Eisenhans".

Heinz Kersten

 

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