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Ausgabe 56-4/1993

AUFREGUNG UM WEIHNACHTEN

ZIEMASSVETKU JAMPADRACIS

AUFREGUNG UM WEIHNACHTEN

Produktion: Filmstudio AL KO, Lettland 1993 – Regie: Varis Brasla – Buch: Alvis Lapins – Kamera: Davis Simanis – Schnitt: Zigrida Geistarte – Musik: Martins Brauns – Darsteller: Liga Zostina, Lasma Zostina, Liene Zostina, Jemar Zostins, Edgars Eglitis Kasparas Adamsons, Dace Everss, Janis Paukstello u. a. – Länge: 72 Minuten – Farbe – Altersempfehlung: ab 4 J.

Eine lettische Kleinstadt in den 20er-Jahren: Familie Cirulitis sieht leider keinem besonders erfreulichen Weihnachten entgegen. Denn der Vater ist arbeitslos und kann seine Ehefrau und die fünf Kinder (drei Mädchen und zwei Jungen zwischen 3 und 12 Jahren) nur mühsam mit Klavierstunden für die ebenso nette wie untalentierte Konkordia über Wasser halten. Doch da sind ja noch seine nie um Einfälle verlegenen Kinder: Mal bedrängen sie ihren gutmütigen und liebevollen Vater, sein selbst komponiertes Loblied auf ihre Mutter zu singen, um ihn von der verhängnisvollen Frage nach den Zeugnissen abzulenken, und mal haben sie auch richtig gute Ideen, wie etwa die Weihnachtsbäume "auszutragen" und damit kommen sie auch zu einem Baum. Doch diesmal scheint alles gegen sie zu sein: Der Hauswirt droht mit Kündigung, ein Dieb stiehlt ihr letztes Geld und auch aus der versprochenen Stelle als Lehrer an einer Musikschule wird nichts. Da ist guter Rat teuer, aber Hilfe kommt von unerwarteter Seite.

Kurz vor Weihnachten soll ein Wunderkind am Klavier ein Gastspiel im örtlichen Nobelhotel geben. Der talentierte Junge leidet unter schrecklicher Langeweile; kein Wunder bei einer Mutter, der es nur um die Karriere des Sohnes (und um die eigene gesellschaftliche Stellung) geht, und einem schwachen Vater, der ihr kaum gewachsen scheint. Und so hat der Hoteldirektor eine Idee. Spielkameraden müssen her und wer ist dafür besser geeignet als die musikalischen Kinder des armen Vaters Cirulitis. Also werden die beiden Jüngsten ins Hotel geschickt, um dem armen Raimund mal einen Eindruck vom wirklichen Leben zu geben. Doch als der sich beim Spiel den Daumen am Klavier einklemmt, scheint alles zu Ende, bevor es überhaupt begonnen hat. Nun haben die Kinder eine Idee: Anstelle von Raimund tritt einfach der Sohn des überraschten Cirulitis ans Klavier und so muss der Vater am Ende das Konzert retten, indem er unsichtbar hinter der Bühne Klavier spielt. Der Abend endet jedoch im Chaos: Raimunds Ratten haben sich befreit und ruinieren das Konzert. Traurig zieht sich die Familie nach Hause zurück, um ein Weihnachten ohne Braten und nur mit ein paar wenigen Keksen zu feiern. Aber dies wäre keine Weihnachtskomödie, gäbe es nicht doch noch ein Happy End.

Varis Braslas zu Zeiten leicht chaotische Kinderkomödie erweist sich als Weihnachtsfilm par excellence. Das beginnt schon bei der Familienkonstellation: Die Jüngste ist gerade mal höchstens vier Jahre alt, weiß aber ihre Frechheit und ihren Charme schon recht gut einzusetzen; sicherlich auch ein Verdienst einfühlsamer Schauspielerführung. So bietet der Film schon den ganz Kleinen eine ideale Identifikationsfigur. Aber auch die anderen vier Kinderdarsteller spielen ihre Rollen mit großer Eindringlichkeit und der nötigen Portion Witz und Pfiffigkeit in dieser liebevollen Großfamilie. Ein Weihnachtsmärchen voll Musik und mit einer passenden Mischung aus Gefühl und Witz, Chaos und Ruhe. Dabei ging es dem Filmemacher weniger um eine realistische Darstellung materieller Not, er wollte ein Loblied anstimmen auf die Liebe innerhalb einer Familie und darum ist der Widerpart – Raimunds eher kaputte Familie – auch so drastisch überzeichnet. Dem dienen auch die immer wiederkehrenden – prisma-ähnlichen – Farbeffekte, die zwar manchmal die Grenze zum Kitsch leicht überschreiten, aber schließlich ist ja Weihnachten und da darf ein wenig Kitsch ruhig sein. Vor allem, wenn er wie hier in eine märchenhafte Geschichte eingebettet ist und zudem immer wieder durch die komödiantischen Elemente konterkariert wird. Braslas – angeblich mit nur 100.000 Dollar produziertes – Märchen überzeugt neben den vielen witzigen und verrückten Ideen auch durch die sorgfältig ausgesuchte Musik, die die Geschichte begleitet und kommentiert. Ein Familienfilm im besten Sinne des Wortes. Denn er spricht nicht nur Kinder wie Erwachsene gleichermaßen an, er vermittelt auch ein Gefühl davon, was Familie sein könnte: Ein Ort der Geborgenheit und Wärme. Das ist zwar nicht gerade sehr realistisch, aber schließlich ist das ja auch ein moralisches Märchen zu Weihnachten und keine Sozialstudie aus dem modernen Kapitalismus. Und so mag mancher diese Geschichte sozialromantisch und verklärend empfinden, aber brauchen wir nicht alle von Zeit zu Zeit ein wenig romantische Verklärung? Und wann, wenn nicht zu Weihnachten und wo, wenn nicht im Kino, dem Ort der Illusion und Romantik überhaupt?

Lutz Gräfe

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.AUFREGUNG UM WEIHNACHTEN im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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