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Ausgabe 37-1/1989

ZWEI WELTEN

A WORLD APART

Produktion: Working Title / British Screen / Atlantic Entertainment Group / Film Four International, Großbritannien 1987/88 – Regie: Chris Menges – Drehbuch: Shawn Slovo – Kamera: Peter Biziou – Schnitt: Nicolas Gaster – Ton: Judy Freeman – Musik: Hans Zimmer – Darsteller: Barbara Hershey (Diana Roth), Jodhi May (Molly Roth), Jeroen Krabbe (Gus Roth), Albee Lesotho (Solomon), Linda Mvusi (Elsie), David Suchet (Muller) u. a. – Laufzeit: 112 Min. – Farbe – FSK: ab 12, ffr. – FBW: bw – Verleih: Concorde-Film (35mm) – 16mm-Vertrieb (ab Mai 1989): Matthias-Film, Gänsheidestr. 67, 7000 Stuttgart 1 – Auszeichnungen: Großer Spezialpreis der Jury und Darstellerpreise für Barbara Hershey, Jodhi May und Linda Mvusi in Cannes 1988 sowie Preis der ökumenischen Filmjury, Cannes 1988 – "Film des Monats Januar 1989" der Ev. Filmgilde

Der Film spielt 1963 in Südafrika, im Jahr der Verhaftung Nelson Mandelas. Seit mehr als fünfzig Jahren gibt es bereits einen im Afrikanischen Nationalkongress (ANC) organisierten Widerstand der schwarzen Bevölkerung gegen die Apartheid, gegen die Gewaltherrschaft der weißen Minderheit. 1960 wurde der ANC zur gesetzeswidrigen Organisation erklärt und ging in den Untergrund. Die weiße Autorin Shawn Slovo hat bei der Niederschrift ihres Drehbuches zum Film autobiografische Kindheitserlebnisse verarbeitet. Ihre Eltern waren sehr engagiert am Befreiungskampf in Südafrika beteiligt. Ihre Mutter war Journalistin, wurde 1963 inhaftiert und ging später ins Exil. 1982 starb sie bei der Explosion einer Briefbombe in der Universität von Mozambique.

Im Mittelpunkt des Films steht die 13-jährige Molly Roth, Tochter von Diana und Gus Roth, die beide einer kleinen weißen Widerstandsgruppe angehören. Zusammen mit ihren beiden Geschwistern wächst Molly in einem behüteten Elternhaus heran. Sie hat die gleichen Träume und Probleme wie alle Mädchen ihres Alters. Aber früh muss sie erfahren, dass die Sicherheit ihres Familienlebens relativ ist. Ihre Mutter ist eine viel beschäftigte Journalistin und hat wenig Zeit für Molly. Über ihren Vater wird in ihrer Schulklasse gemunkelt, er sei ein Freund der Schwarzen. Nur Yvonne, Mollys beste Freundin, hält zu ihr. Als eines Tages Gus Roth von der Sicherheitspolizei gesucht wird, ist er gezwungen, sich im Untergrund zu verstecken. Diana Roth steht plötzlich allein vor der Aufgabe, ihr Berufs- und ihr Familienleben miteinander in Einklang zu bringen und den politischen Kampf fortzuführen. Das bedeutet für Molly, dass sie ihre Mutter, die sie sehr liebt, noch weniger sieht als früher.

Doch die Ereignisse überstürzen sich: Diana Roth wird mitten in einer fröhlichen Geburtstagsfeier mit schwarzen Gästen wegen ihrer politischen Tätigkeit verhaftet und muss für neunzig Tage ins Gefängnis. Dort wird sie unter schlimmsten Bedingungen ununterbrochen verhört, ohne aber irgendwelche Informationen über ihre und ihres Mannes Widerstandstätigkeit preiszugeben. Molly wird durch Vermittlung ihrer Großmutter Schülerin eines Internats, gerät dort aber aus Kummer über die Trennung von ihrer Mutter in die totale Selbstisolation. Ihre Freundin Yvonne hatte ihr auf Betreiben ihrer konservativen Eltern schon vorher die Freundschaft aufgekündigt. Molly fühlt sich hilflos und allein und entbehrt mehr denn je die Liebe und Zuneigung ihrer Mutter. Diana wird sofort nach ihrer Entlassung erneut verhaftet und unternimmt, vollkommen entkräftet, einen Selbstmordversuch, den sie nur knapp überlebt. Als gebrochener Mensch liegt sie zu Hause auf dem Krankenlager, rund um die Uhr von der Polizei bewacht. Aber dieser Zustand hat auch seine gute Seite: Diana und Molly, die ebenfalls nach Hause zurückgekehrt ist, finden endlich die Zeit füreinander, die ihnen immer gefehlt hatte. In langen Gesprächen erkennen beide wechselseitig ihre persönlichen Probleme und Gedanken und nehmen Anteil an ihnen. Nach ihrer Gesundung nimmt Diana Roth ihren politischen Kampf wieder auf. Gemeinsam mit Molly nimmt sie demonstrativ am Begräbnis eines schwarzen Widerstandskämpfers teil. Im Schlussbild des Films stehen Mutter und Tochter mit hoch aufgereckten Fäusten nebeneinander – zwei Frauen, zwei Freundinnen, vereint im Willen zum Kampf um Gerechtigkeit.

Mit großer erzählerischer Kraft beschreibt der bisher als gefragter Kameramann tätige Chris Menges in seinem ersten Spielfilm den leidensvollen Weg seiner beiden weiblichen Protagonisten zueinander vor dem Hintergrund der unmenschlichen und unsicheren politischen Situation in Südafrika, die bis heute andauert. Ihre kraftvolle Geste hat der Regisseur wie ein doppeldeutiges Fanal an das Ende seines Films gesetzt: als Zeichen des persönlichen Einverständnisses und als hoffnungsvolles Symbol des solidarischen Kampfes. Es ist folgerichtiger Endpunkt einer konsequent auf zwei Ebenen erzählten Geschichte, die mit großem künstlerischem Vermögen, mit psychologischer Genauigkeit und mit kluger Gewichtung aufeinander bezogen und miteinander verschränkt werden. Das Ergebnis dieser sorgfältigen Regiearbeit ist ein Gefühl und Verstand gleichermaßen stark ansprechender Film, dessen aufrüttelnder Wirkung sich kaum ein Zuschauer wird entziehen können. Diese Wirkung ist nicht das Resultat agitatorisch vorgetragener Politthesen, die beim Thema des Films weiß Gott angebracht wären, sondern ergibt sich aus der immer auf die Hauptpersonen und ihre Konflikte bezogenen Handlung, die sich aus deren menschlicher und gesellschaftlicher Daseinssituation entwickelt. Menges scheut dabei weder vor sehr realistisch ausgespielten noch vor stark emotional betonten Szenen zurück und verlangt seinen Darstellern das Äußerste an Intensität und Ausdruckskraft ab. Seine ungeduldige, unduldsame, oft wütend empörte Expressivität gibt dem Film ein drängendes Tempo und einen sehr appellativen Erzählduktus.

Es zeugt von der langjährigen Tätigkeit Menges als Dokumentarfilmer, dass die in Zimbabwe gedrehten Außenaufnahmen von Unruhen der Schwarzen in den Straßen so authentisch wirken. Genauso zeugt die sensibel gehandhabte Bildführung mit ihren starken optischen Eindrücken vom geschulten Auge des Kameramannes Menges. Aber auch die Details, die kleinen Gesten, die beiläufigen Blicke und Worte stimmen, sind in ihrer Wirkung genau kalkuliert und künstlerisch überzeugend ins Bild gesetzt. So zum Beispiel die Schlussszene auf dem Friedhof: Diana steht, leicht von schräg unten aufgenommen, hoch aufgerichtet und streckt ihre erhobene Faust in den Himmel. Molly, neben ihr, schaut sie kurz bewundernd an, lächelt, hebt ebenfalls ihren Arm und schaut triumphierend in die Kamera.

Aus dem großen Aufgebot guter Schauspieler, darunter viele Laiendarsteller, ragen besonders Barbara Hershey als Diana Roth und die junge Jodhi May als Molly heraus. Die Spannbreite des Ausdrucks reicht bei Barbara Hershey von entschlossener Härte über empfindsame Anteilnahme bis zu total erschöpfter Depression. Am meisten in Erinnerung aber bleiben die Augen von Jodhi May: Sie reflektieren die Trauer über Einsamkeit, Leid und Unrecht ebenso wie die tiefe Freude über endlich erwiderte Liebe.

Es spricht für das Engagement, das sichere Qualitätsurteil und das entschlossene Handeln von Matthias-Film, dass dieser uneingeschränkt zu empfehlende Film, obwohl bundesweit in den Kinos sicher noch lange sehr erfolgreich im Einsatz, bereits ab Mai 1989 in 16mm verfügbar ist.

Bernt Lindner

 

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