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Ausgabe 37-1/1989

"Dieser enge Kinderfilmbegriff hat mich schon immer gestört"

Gespräch mit Søren Kragh-Jacobsen

(Interview zum Film EMMAS SCHATTEN)

Søren Kragh-Jacobsen ist Regisseur der Filme (Auswahl): "Willst du meinen schmucken Nabel sehen" (1977), "Gummi-Tarzan" (1981), "Goldregen" (1988), "Emmas Schatten"

KJK: Wie wählst Du die Kinder für Deine Filme aus?
Søren Kragh-Jacobsen: "Bei der Auswahl der Kinder bin ich sehr kritisch, und ich suche so lange, bis ich genau das Kind gefunden habe, das meine Vorstellungen verkörpert. Ich glaube nicht, dass man ein Kind findet, das sofort alles das hat, aber ich glaube, dass es einige der Gefühle hat, die es ausdrücken soll. Und Talent muss es natürlich haben, die Freiheit, die man vor der Kamera braucht. Genau dasselbe gilt übrigens auch für die erwachsenen Schauspieler."

Was bedeutet "Talent"?
"Das bedeutet zunächst mal, Gefühle ausdrücken zu können, die der Regisseur bittet auszudrücken, und natürlich muss man für den Film eine Ausstrahlung besitzen, muss fotogen sein – es gibt das Magische in einer Person."

Für den Film "Emmas Schatten" hast Du die Hauptrolle unter 2000 Kindern ausgewählt, wie ging das vor sich?
"Ich habe ca. 3000 Briefe von Kindern bekommen, die bei diesem Film mitspielen wollten. Davon habe ich ungefähr 1800 zum Gespräch eingeladen und zu Videoaufnahmen. Man kann eigentlich sofort sagen, wer eine Persönlichkeit ist, schon wenn sie ihren Namen sagen. Das ist die erste Auswahl, dieses Gespräch und die Videoaufnahmen. Dann gibt es 300 bis 400, mit denen man Probeaufnahmen macht, einen Text sprechen lässt, und schließlich hat man noch 20, die dann Fragmente vom Film spielen dürfen. Bei 'Emmas Schatten' waren danach noch drei, vier übrig. Die Wahl war schwer. Zwei davon waren eigentlich die Emma, die meiner Vorstellung entsprach. Als ich dann die männliche Hauptrolle mit dem schwedischen Schauspieler Börje Ahlstedt besetzte, wurde es Line Kruse. Dies war letztlich meine eigene Entscheidung."

Wie arbeitest Du mit den Kindern?
"Wenn sie über 10 sind, also groß genug, bekommen sie das Drehbuch, so dass sie zu Hause schon lernen können. Wenn sie dann kommen, um die Kostüme auszuprobieren, besprechen wir den Text, aber zu diesem Zeitpunkt mache ich nicht zuviel, ich spreche nicht alles mit ihnen durch. Meine Regie-Methode – ob beim Drehen mit Kindern oder mit Erwachsenen – ist immer, eine Atmosphäre der Geborgenheit zu schaffen, das versuche ich. Und will man sie zum Lachen oder Weinen bringen, gibt es zwischen Erwachsenen und Kindern keinen Unterschied. Sie müssen verstehen, was sie spielen. Kinder sind da oft schneller, weil sie klar im Kopf sind. – Und es ist auch wichtig, dass ich nie mit ihnen zusammen Mittagesse oder frühstücke."

Also klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit?
"Ja, das ist für mich sehr wichtig. Ich treffe die Darsteller erst am Drehort, denn wenn man schon zusammen beim Essen war, dann hat man schon alles mit ihnen beredet, und wenn es nachher am Set losgeht, gibt es nichts mehr, ist es schon nicht mehr so spontan. Die scharfe Trennung bedeutet nicht zuletzt, dass die Kinder eine Relation zu einem haben. Aus künstlerischen Gründen müssen sie den Regisseur für etwas Besonderes halten."

Das bedeutet, dass der Regisseur für die Kinder eine Autorität ist?
"Das glaube ich schon, ich will die Autorität aufrechterhalten. Eine freundliche Autorität, die auf gegenseitigem Respekt beruht; ich respektiere die Kinder. Wir arbeiten zusammen, das wissen die Kinder auch, und zwingen kann man sie sowieso zu nichts. Ich erzähle ihnen immer wieder, wie ich etwas haben will. Szenen werden nie weniger als drei Mal, selten aber mehr als sechs Mal wiederholt. Und wenn man mit Kindern arbeitet, stellt man fest, dass die erste die beste war, weil sie schnell die Kraft verlieren.
Wir drehen mit den Kindern zwischen vier und fünf Stunden täglich, 3/4 Stunde ist Mittagspause, 1/4 Stunde nachmittags. Es gibt aber auch viele Wartepausen bei Szenen, wo das Kind nicht mitspielt. Wenn mehrere Kinder zusammen drehen, empfinden sie es nicht so hart. Sie spielen zusammen, reden zusammen, lachen zusammen. Ist es nur ein Kind, so ist es eine kleine Erwachsenenwelt, in der sich das Kind bewegt, und Kinderbetreuer sind nie so gut, als wenn andere Kinder dabei sind."

Wie hat Line Kruse auf "Emmas Schatten", auf den fertigen Film, reagiert?
"Im Gegensatz zu kleineren Kindern, war sie sich der Rolle und der Geschichte sehr bewusst, und so war sie sehr stolz, wie sie das gesehen hat, und spätestens die Presse hat sie überzeugt, dass sie großartig war.
Ich mache es immer so, dass ich den Film zunächst der Schulklasse des Kindes, das mitgespielt hat, zeige, um zu vermeiden, dass das Kind Schikanen – Spott oder Eifersucht – durch die Klassenkameraden ausgesetzt ist. So zeige ich ihnen vorher den Film und erkläre ihnen, wie viel das betreffende Kind gearbeitet hat. Ich sorge dafür, dass die ganze Klasse auf seiner Seite ist, dass sie solidarisch ist, auch wenn der Film missfällt, und dass kein Neid aufkommt."

Manche Filmkritiker sahen in "Emmas Schatten" einen "Kinderfilm für Erwachsene"...
"Ich bin der Meinung, das ist ein Film, den Kinder sehen können, aber der natürlich auch für Erwachsene gedacht ist. Dieser enge Kinderfilmbegriff hat mich schon immer gestört. In den Filmen von Spielberg haben immer Kinder mitgespielt, und alle gehen hin, die sind ungemein erfolgreich. Kein Zweifel, Spielberg hat sehr gute Geschichten – ein gutes Beispiel ist für mich 'E.T.' – er macht auch schlechte, aber die können sich das leisten."

Gibt es in Dänemark, wo ja ein Viertel der Produktionsgelder für den Kinder- und Jugendfilm festgelegt ist, Unterschiede zwischen Erwachsenen- und Kinderfilm?
"Für Kinderfilme kriegt man weniger Geld, und deshalb möchte ich diese Begriffe zerbrechen und möchte die Filme machen, die ich im Kopf habe, und auch das Geld dafür haben. Denn das Geld für einen Kinderfilm wird von einem anderen Schreibtisch ausgegeben."

In jüngster Zeit diskutiert man bei uns den Begriff "Familienfilm" – wie stehst Du dazu?
"Das ist keine gute Idee, denn dann kommen die jungen Leute nicht ins Kino. 'Familienfilm' ist für mich kein positiver Begriff. In der dänischen Filmtradition steht der Familienfilm für harmlose Unterhaltung, wie die 'Ohlsen-Bande'. Darauf möchte ich mich nicht beziehen. Ich möchte dann lieber keine Begriffe."

Mit Søren Kragh-Jacobsen sprachen bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck Hans und Christel Strobel

 

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