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Ausgabe 38-2/1989

Filmmusik als emotionaler Kommentar

Gespräch mit Günter Meyer (Regisseur) und Johannes Schlecht (Komponist) über den Film "Kai aus der Kiste"

(Interview zum Film KAI AUS DER KISTE)

Günter Meyer, Jahrgang 1940, Studium an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg, Abschluss als Regisseur (Diplom 1965) war zunächst als Regieassistent im DEFA-Studio für Spielfilme tätig und arbeitet seit 1969 als Regisseur im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Günter Meyer entwickelte mit den "heiter-phantastischen Filmen" eine spezielle Richtung im Dokumentarfilm für Kinder. Unter seiner Regie entstanden Fernsehserien, die "Spuk"-Geschichten (Co-Autor C. U. Wiesner) und preisgekrönte Dokumentarfilme wie "Unterm Pflaster von Berlin" (1984); "URkungen + WIRsachen" (1985); "Ruhe, zum Donnerwetter, Vater arbeitet" (1986).

Sein erster Spielfilm, "Die Squaw Tschapajews", entstand 1972.

Johannes Schlecht, Studium der Theologie (Diplom 1972) und Musik, Fach Klavier und Komposition in Weimar (Diplom 1975), arbeitet freiberuflich als Komponist (Kammermusik u. a.) und ist seit 1979 beim Liedtheater Berlin tätig, einem musikalischen Mitmachtheater für Erwachsene und insbesondere Kinder.

Wir sprachen mit Günter Meyer und Johannes Schlecht über ihre Arbeit, übrigens nicht die erste Zusammenarbeit, am Film "Kai aus der Kiste", einen Film des DDR-Fernsehens, hergestellt im DEFA-Studio für Spielfilme.

KJK: "Kai aus der Kiste" ist in verschiedener Hinsicht beachtlich: Sowohl als Musikfilm, als Kinder-Musical, ist er ein neues Genre im DDR-Kinderfilmschaffen, aber auch die Spielfilm-Regie eines für Dokumentarfilme bekannten Regisseurs ist nicht so häufig.
Günter Meyer: "Mir macht beides Spaß, weil ich mich damit auf unterschiedliche Weise ausdrücken kann. Ich kann beispielsweise im Dokumentarfilm Dinge erzählen, die ich nicht mit Spielfilmen erzählen kann. So habe ich während der Endfertigung des Spielfilms 'Kai aus der Kiste' noch den Dokumentarfilm 'Kai für Kiste gesucht' begonnen, eben weil viele Briefe kamen, und alle Kinder immer wissen wollten: Wie kann ich Filmschauspieler werden? Mit diesem Dokumentarfilm bediene ich auch mein Haus, das DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Für die Arbeit am Spielfilm 'Kai aus der Kiste' bekam ich Arbeitsurlaub."

Wie lange haben Sie an diesem Film gearbeitet?
Günter Meyer: "Drei Monate dauerte die Vorbereitung, die Drehzeit betrug ebenfalls drei Monate, und danach waren wir noch vier Monate mit der Endfertigung beschäftigt."

Was ist durch die Verbindung von Dokumentarfilm und Spielfilm anders geworden?
Günter Meyer: "Bei der Arbeit beeinflussen sich beide Arbeitsmethoden, aber ich kann das selbst nicht genau auseinander halten. Beim Dokumentarfilm schneide ich sehr hart, pointiert, also die Montagetechnik ist hier eine andere. Der Spielfilm wiederum hat eine andere Dramaturgie. Das Kind sucht immer nach einer Geschichte, nach einer Handlungslinie, der es folgen kann. So versuche ich auch beim Dokumentarfilm, einen Geschichtenerzähler einzubauen; bei der Dokumentation 'Kai für Kiste gesucht' bot sich der lange Weg zur Spitzenkraft, zum Hauptdarsteller, dafür an."

Der Spielfilm "Kai aus der Kiste" basiert auf dem gleichnamigen Kinderbuch von Wolf Durian. Ist das Buch bereits – wie jetzt der Film – ein Märchen mit sozialen Bezügen?
Günter Meyer: "Das Buch vermeidet jeden Zeitbezug, vermeidet die soziale Kategorisierung. Kai lebt allein in einer Dachkammer. Es ist eine märchenhafte Grundsituation, die dort erzählt wird. Im Film geht das nicht, da muss man mit konkreten Bildern und einer konkreten Zeit arbeiten. Ich habe mich ganz bewusst für die Inflation entschieden, weil mir diese Zeit historisch interessant schien. Und ich wollte Kindern, die von der Schule her wenig Wissen über die Inflation haben, etwas darüber vermitteln. Die Inflation war 1923. Die Geschichte erschien 1924 zuerst in der Kinderzeitschrift 'Heiterer Fridolin' als Serie, da ging es um Schokolade – ich nehme an, dass die Redaktion der Zeitschrift gegen Zigaretten war – und als das Buch 1926 erschienen ist, hat sich der Werbeartikel zu Zigaretten (Marke TUT und TAT) entwickelt. Jetzt im Film geht es um den Kaugummi BONG und BANG."

Gibt es im Buch auch ein anderes Ende als jetzt im Film?
Günter Meyer: "Im Buch gewinnt der Junge den Wettbewerb, alle Kinder aus dem Hinterhof ziehen in die USA, gründen eine große Werbefabrik, die Kinder heiraten und es entsteht eine kleine deutsche Kolonie in den USA. Das Buch trägt ja den Untertitel 'Eine ganz unglaubliche Geschichte'. Weil ich für den Film die Zeit verändert habe in eine konkrete Zeit, die bestimmt war durch starkes soziales Gefälle, viele Selbstmorde, Hungersnot, suchte ich einen Schluss, der zum historischen Verständnis dieser Zeit passt. Ich wollte aber auch nicht, dass ein mystischer Schluss entsteht, und die Kinder sollen ja auch nicht gebrochen aus dem Film gehen. Deshalb wählten wir die umstrittene Traumszene – Kai bestraft den Mac Allan für seine Wortbrüchigkeit. Von der Kindheit her habe ich behalten, dass man sich Bestrafungen für Ungerechtigkeiten ausdenkt. Beim Test befragte ich Kinder, was sie gemacht hätten; da kamen ganz brutale Lösungen. Und ich stellte bei den Filmvorführungen auch fest, dass die Kinder die Lösung, die als Möglichkeit durchgespielt wird, viel mehr angenommen haben als die Erwachsenen. Unter den Zuschauerkindern herrscht jedes Mal eine Totenstille, wenn der Amerikaner sagt: 'Junge, es tut mir leid – Geschäft ist Geschäft!' Da werden die Kinder sauer, und dann brauchen sie den Schluss, dann haben sie ihr positives Erlebnis. Das musste sein."

Kai bekommt schließlich auch Mitleid mit seinem Gegenspieler, dem Herrn Kubalski, und solidarisiert sich mit ihm.
Günter Meyer: "Das ist im Buch auch so. Diese Szene baut Kai unwahrscheinlich auf bei den Kindern. Denn wenn einer einen Verlierer aufbaut, kriegt er dadurch noch mehr Sympathien. Die Sympathie liegt eindeutig bei dem Jungen, wie überhaupt der Film auf der Seite der Kinder steht."

"Kai aus der Kiste" – ein Film, dessen Geschichte im Berlin des Jahres 1923 spielt, und in dem die Musik, komponiert im Stil jener Zeit, eine ganz wesentliche Rolle spielt. Wie entstand diese Idee?
Günter Meyer: "Als ich das Buch gelesen habe, diese unglaubliche Überhöhung, dachte ich gleich, das müsste man durch Musik unterstützen. Die Lieder waren schon im Exposé entwickelt. Bei diesem Film stellte sich die Frage, wie man die soziale Härte verbinden kann mit einer Musical-Leichtigkeit. Ich kann aus dieser Geschichte keinen heiteren Film machen, den man nach einer halben Stunde schon vergessen hat. Er soll sowohl die soziale Härte haben als auch die Leichtigkeit, und das war die Aufgabe der Musik."
Johannes Schlecht: "Schon während des Studiums habe ich mich sehr intensiv mit der Jazzmusik der 20er/30er-Jahre beschäftigt, vor allem mit der Swingmusik. So war es mir sehr lieb, an diesem Film mitzuarbeiten.
Als kompositorisch arbeitender Mensch muss man vorsichtig sein und nicht den zweiten Schritt vor dem ersten entwickeln. Nachdem ich über lange Zeit die kleine Liedform bearbeitet habe, bin ich mit der Zeit zur größeren Form übergegangen, arbeite zurzeit an zwei Musicals."

Können Sie uns noch über Ihre Zusammenarbeit ein paar Worte sagen?
Johannes Schlecht: "Die Liedtexte hat Günter Meyer geschrieben, und die Musik habe ich komponiert. Die Lieder wurden vorher aufgenommen. Zunächst einmal war das gemeinsame Grundverständnis von Stilistik abzuklopfen, wie geht man an einen Stoff heran, wie setzt man den historischen Zeitbezug um. Und das macht mir Günter Meyer sympathisch, weil er als Regisseur musikalisch denkt. Oft haben Filmregisseure einen schlechten Musikgeschmack, der Film wird mit elektronisch erzeugter Musik zugedeckt. Bei Günter Meyer war es so, dass er genau wusste: Hier ist ein Take, hier will ich diese Musik haben.
Man muss sehr genau wissen, was man als Komponist für eine Funktion im Medium Film hat. Im Film hat die Musik eine dienende Funktion.
Ich kannte also das Buch von Durian, und die Texte der Lieder von Günter Meyer. Was die Texte anbetrifft, so waren diese für mich sehr bildhaft, sehr assoziationsreich. Ich habe das Drehbuch gelesen und Vorschläge gemacht. Nichts ist wesentlicher, als bei einem Musikfilm ein überschaubares Musikmaterial zu haben. Jedes dieser Lieder ist für eine Figur geschrieben, und dieses Lied ist eine Variationstechnik für die zu charakterisierende Figur (Kai, der Amerikaner usw.)"
Günter Meyer: "Der Zuschauer gerät nicht in ein musikalisches Verwirrspiel, sondern kann sich ganz klar emotional durch den Film hangeln."
Johannes Schlecht: "Bei Filmmusik würde ich nie von Illustration sprechen, sondern die Musik ist eine Erklärung, ein Kommentar – Musik als emotionaler Kommentar."

Das Gespräch führten Christel und Hans Strobel

 

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