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Ausgabe 39-3/1989

RÜBEZAHL, DER HERR DER BERGE

Im Rahmen des Seminars "Kinder testen Filme" (Veranstalter: Kinderkino München e.V. in Zusammenarbeit mit der Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern) wurde der Film "Rübezahl, der Herr der Berge" gezeigt und von Kindern und Erwachsenen ausführlich diskutiert. Die nachstehende Dokumentation von Klaus Schwarzer enthält die wichtigsten Aussagen und Ergebnisse.

Inhalt

Rübezahl, Berggeist aus dem Riesengebirge, ist eine Gestalt aus dem schlesischen Sagenkreis. Die Sagen des "Herrn der Berge" sind seit dem 15. Jahrhundert überliefert und wurden von dem Leipziger Johann Prätorius gesammelt und aufgeschrieben. Die Handlung des Films ist eng an die literarische Vorlage angelehnt. Unter den Menschen herrschen Untugenden, Habsucht, Gaunereien und Furchtlosigkeit. Kaum einer schätzt mehr die Schönheiten der Natur. Die Kinder folgen ihren Eltern nicht mehr. Niemand hört mehr auf Warnungen und Geschichten der Alten. Die Drohungen mit dem Furcht erregenden Riesen helfen nichts mehr, kaum einer glaubt mehr an ihn. Aus Gram vor den Menschen hat sich der Riese vor 999 Jahren in seine Höhle zurückgezogen. Als er erfährt, was auf der Welt los ist, beschließt er, den Menschen wieder zu erscheinen. In vielerlei Verwandlungen hilft er den armen schlesischen Webern und Glasmalern, treibt Schabernack mit den Reichen und Dieben und belehrt die Kinder. Als die Welt wieder in Ordnung und Frieden unter den Menschen ist, kehrt er zurück in sein Reich.

Bewertung

"Rübezahl, der Herr der Berge", Beispiel einer Märchenverfilmung der 50er-Jahre, ist gekennzeichnet durch eine einfache und klare Handlungsführung, eine größtmögliche Anlehnung an die literarische Vorlage und einen starken pädagogischen Habitus. Episodenhaft und arm an Höhepunkten besteht der Film vor allem aus der "Wenn-du-nicht-brav-bist-kommt-der-Krampus"-Zeigefingermentalität und wird noch angereichert mit dem "Frau-am-Herd/Mann-in-der-Arbeit"-Weltbild und der oft nicht mehr nur unterschwelligen Ideologie, dass die höheren Mächte (hier: Rübezahl) das Schicksal desjenigen bestimmen, der angepasst (also gut) und passiv darauf wartet, belohnt zu werden. Werte und Normen definieren das Gute, die gerade jetzt wieder einen Aufschwung erleben.

Treue, Anständigkeit, Ehrlichkeit werden in einen Topf geworfen und visuell mittels einer heilen Welt umgesetzt. Hier ist die Natur noch intakt, und die Kulturgüter des Volkes werden gehegt. Mit der Kraft der Betulichkeit wird das ganze verkocht und gerät zwangsläufig zu einem heimatfrohen Rührstück. Zusätzlich ist der Film auch noch technisch schlecht. Kamera, Schnitt, Trick, Nachsynchronisation und auch schauspielerische Leistungen, nichts stimmt. Er vermittelt, verstärkt oder bestätigt keine relevanten Vorstellungen und zur reinen Unterhaltung tut's auch ein anderes komisches, qualitativeres und ideologiefreies Produkt. Wesentlich kommt dazu, dass die Kinder hier als reine Dekoration dienen, die Moral aufgezwungen bekommen, schlicht: Sie werden nicht ernst genommen, ebenso wenig wie die Zuschauer. Der Film ist für eine kreative, Kritik fördernde Kinderkinoarbeit nicht geeignet, allenfalls dienlich für ein politisch-pädagogisches oder filmhistorisches Seminar.

Der Film im Urteil der Kinder

Die Kinder einigten sich auf eine Altersempfehlung ab 6 Jahren. Einige meinten jedoch, dass der Film besonders für Drei- bis Sechsjährige geeignet sei, "weil die solche Geschichten noch glauben" und "weil es so lustig war". Im Verlauf des Seminars 'Kinder testen Filme' ließ die Anfangsbegeisterung (Abstimmung: 56 Mal sehr gut, 4 Mal gut) allerdings merklich nach.

Im Anschluss an die Vorstellung wurde folgendes geäußert:

gut gefallen

Rübezahl war gar nicht so böse und abschreckend; war spannend und lustig, aber eher lustig; Zaubereien; Gerechtigkeit, z. B. dass der Mann den Wagen selbst ziehen muss oder dass die Räuber bestraft wurden; dass es kein Zeichentrickfilm war; dass der ungläubige Mann mit den Gläsern bestraft wurde.

nicht gefallen

Der Anfang war zu lang; dass Rübezahl das Pferd selbst geschlagen hat; dass er Bäume ausgerissen hat, obwohl er die Natur schützen will; seltsam, dass er manchmal so klein war; der Schluss ist zu lang.

Der Film im Urteil der Erwachsenen

Die eindeutig positive Beurteilung der Kinder konnte von den Erwachsenen nicht geteilt werden. Es wurde zwar darauf verwiesen, dass der Film weder vom Inhalt noch vom Sinn schädigend wirkt, der Gesamteindruck ging aber von mittelmäßig bis zu ungeeignet, mit der Tendenz zu letzterem, da sowohl Form als auch Ideologie auf einem recht niedrigen Niveau stünden. Schauspielerische Leistungen, Nachsynchronisation und technische Umsetzung zum einen, Frauen-, Familien-, Arbeits-, Angstbild und Obrigkeitsdenken zum anderen, wurden als Beispiel genannt.

So wurde keine zwingende Notwendigkeit gesehen, diesen Film in ein qualitatives Kinderkinoprogramm zu integrieren. Bemerkt wurde, dass die typische Gut-Böse-Thematik auch in anderen, besseren Märchenverfilmungen vorkommt und – da gerade die Kinder jüngeren Alters diese Struktur schätzen – jene vorzuziehen sind.

Die schwergewichtigste Frage war dann, inwieweit man sich über die Meinung der Kinder hinwegsetzen soll und kann, da für sie die Beanstandungen (noch) nicht relevant sind, sie diesen Film einfach nur konsumieren, ohne sich weitere Gedanken über die Hintergründe zu machen. Dass aber gerade dieses fernsehähnliche Verhalten nicht in ein Konzept von einem "Kinderkino als Alternative" passt, wurde abschließend festgestellt und als Begründung dafür angeführt, dass man sich in diesem Fall über die Beurteilung hinwegsetzen könne.

Klaus Schwarzer

 

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