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Ausgabe 40-4/1989

ASCHENPUTTEL – 1989

Produktion: Omnia Film, München, Toro Film, Berlin, in Zusammenarbeit mit ZDF, RAI UNO und TVE, BRD / CSSR 1989 – Regie: Karin Brandauer – Drehbuch: Michael Schulz – Kamera: Helmut Pirnat – Schnitt: Daniela Padalewski – Ton: Norman Engel – Musik: Christian Brandauer, Natascha Wilhelm – Darsteller: Petra Vigna (Aschenputtel), Krista Stadler (Stiefmutter), Jean-Marc Bory (Vater), Claudia Knichel (Jüngere Stiefschwester), Roswitha Schreiner (Ältere Stiefschwester), Stephan Meyer-Kohlhoff (Prinz) u. a. – Laufzeit: 88 Min. – Farbe – 35mm

"Aschenputtel" von Karin Brandauer wurde beim 15. Internationalen Kinderfilmfestival in Frankfurt im Rahmen der Märchenfilmreihe als Uraufführung in einer Abendveranstaltung vor Erwachsenem-Publikum vorgestellt.

Karin Brandauer, die engagierte österreichische Autorin und Regisseurin, ist uns bislang durch ihre sozialkritischen, politischen, historischen, teilweise semidokumentarischen Filme und Fernsehspiele bekannt. Mit "Aschenputtel" hat sie sich zum ersten Mal einem ganz anderen Genre zugewandt, dem Märchenfilm, und damit auch einem anderen Zielpublikum, den Kindern. Mit ihrer gleichzeitig so eigenwilligen wie – zumindest was die wörtliche Textübernahme betrifft – dicht an der Grimmschen Vorlage bleibenden Adaption ist es ihr gelungen, im Märchenfilm neue Akzente zu setzen, die über den Film hinaus auch die Diskussion um die Notwendigkeit des Märchens für Kinder wieder beleben könnten, denn ihr "Aschenputtel" lässt sich nicht subsummieren unter die im Verlauf der vergangenen zehn Jahre unter Federführung des ZDF entstandenen Märchenumsetzungen, die teilweise in slowakischer Opulenz schwelgen, teilweise die Märchenvorlage –zumindest für Kinder – bis zur Unkenntlichkeit pervertieren.

Karin Brandauers Ansatz zur Interpretation der Aschenputtel-Geschichte ist ein psychologischer und damit das Märchen für Kinder im Bettelheimschen Sinn deutend, als Möglichkeit, mit Entwicklungsproblemen in der Pubertät durch unbewusste oder auch bewusste Identifikation mit angebotenen Fiktionsfiguren selbstständig fertig zu werden. Sie hat das Märchen als Reifungsprozess eines Mädchens – vom unschuldigen Kind über das in der präpubertären Phase mit dem Vater in einem sehr harmonischen Vater-Tochter-Verhältnis lebenden Mädchen und die hürdenreiche Phase der Pubertät mit ihren Reibungsflächen bis zum endlich geglückten Eintritt in die Erwachsenenwelt – erzählt.

Die bei den Brüdern Grimm stark typisierten Figuren werden im Film zu konsequent und nachvollziehbar handelnden Charakteren ausgebaut, ohne dass leichte Gut- und Böse-Zuordnungen möglich wären. Zwischen Aschenputtel, Vater und Stiefmutter wird ein Dreiecks-"verhältnis" inszeniert, das sich durch mehrfach gebrochenes Verhalten aller drei Beteiligten auszeichnet. Aschenputtel ist hier nicht, wie bei Grimm, das nur passiv leidende, erduldende, sich in keiner Weise zur Wehr setzende schwache Geschöpf, das von seiner Familie zu Unrecht gestraft und tyrannisiert wird, sondern ist zunächst ein sehr hübsches, ansehnlich gekleidetes Mädchen, das durch eine ganz andere äußerliche Attraktivität auffällt als Stiefmutter und Stiefschwestern. Als diese drei das Haus des Vaters beziehen und die bis dahin bestehende Harmonie zwischen ihm und Aschenputtel stören, wird ersichtlich, dass die richtige Tochter eine Konkurrentin und Rivalin, primär für die Stiefmutter, aber auch für die Schwestern, bedeutet. Die Mittel, die die Stiefmutter nun anwendet, um jede Annäherung Aschenputtels an den Vater zu verhindern, sind so subtil und für den Vater überzeugend, dass ihm seine neue Frau als um das Wohl seiner Tochter bemühte Mutter erscheinen muss. Für den Zuschauer wird gleichzeitig erkennbar, warum es dem Vater nicht möglich ist, das böse Spiel der Mutter zu durchschauen und Aschenputtels Schicksal zu erkennen. Er ist bis zum Schluss derjenige, der nicht begreift, was vor sich geht und dessen Liebe für seine Tochter ungebrochen bleibt, der Aschenputtels Veränderungen als "typisch für dieses schwierige Alter" deutet und, zwar verständnislos aber wohlwollend, darüber hinweglächelt.

Aschenputtels in bisherigen Adaptionen stille Duldsamkeit wandelt Karin Brandauer um in einen leisen, aber unübersehbaren und manchmal schelmisch überlegenen Widerstand, der sich zunehmend verstärkt und den die Hauptdarstellerin (Petra Vigna) durch nuancenreiche Mimik und viel sagende Gestik nonverbal zu vermitteln versteht.

Das Spiel, das niemals konstruiert wirkt, findet Entsprechungen in der Verwendung ästhetischer, filmsprachlicher und symbolischer Mittel. So gibt es dezente Rot- und Grüneinfärbungen, die auch für Kinder durchschaubar sind, wie überhaupt die gesamte Farbdramaturgie und die Lichtsetzung dem Film einen besonderen Eigenwert verleihen, da sie nicht beliebig verwendet, sondern immer Stimmungen und Gefühle andeutend oder verstärkend, durchgehalten sind. Hinzu kommt eine Musikdramaturgie, die vom Kinderlied über Menuett, Walzer, bis hin zu einer Rock- und Popvariante den Reifungsprozess, das Erwachsenwerden auch musikalisch-akustisch darstellt. Die Musik ist leitmotivisch, teilweise präfigurativ und damit für Kinder verständlich eingesetzt, was dem Film auch einen kurzweiligen Rhythmus gibt.

Besonderes Vergnügen bereiten darüber hinaus vielfältige ironische Überhöhungen, wie z. B. der Versuch von Stiefmutter und Stiefschwestern, mit dem Zuschauer durch Kamerablicke zu kommunizieren. Erwachsene mögen dies als Brechtsche Verfremdungseffekte deuten, für Kinder wirken sie sicher viel direkter und als der Versuch der Figuren, sie in ihr Spiel mit einzubeziehen, zum Mitspielen einzuladen, damit natürlich auch die Sympathien der Kinder auf ihre Seite zu ziehen.

"Aschenputtel" ist von Karin Brandauer mit Verständnis und Einfühlungsvermögen für Kinder ab etwa 8 bis 10 Jahren inszeniert worden. Der Film ist durch seine interpretierenden filmischen Mittel für Kinder intuitiv verstehbar, für Erwachsene jedoch – wenn sie Lust haben, sich auf die zahlreichen Angebote einzulassen – auch intellektuell ein Vergnügen.

Dagmar Ungureit

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 40-4/1989 - Interview - "Ich würde gerne für Kinder etwas erfinden, nicht nur Märchen, denn ich glaube, dass Kinder ein tolles Publikum sind"

 

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